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DER CHRIST-CLAN

Anne Gold

Das Gesetz der Unerbittlichen

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Alle Rechte vorbehalten

© 2020 Friedrich Reinhardt Verlag, Basel

Lektorat: Claudia Leuppi

Titelbild: Foto, Laurids Jensen; Creative Director,

Dora Borostyan

eISBN 978-3-7245-2442-7

ISBN der Printausgabe 978-3-7245-2413-7

Der Friedrich Reinhardt Verlag wird

vom Bundesamt für Kultur mit

einem Strukturbeitrag für die Jahre

2016–2020 unterstützt.

www.reinhardt.ch

www.annegold.ch

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Inhalt

1. KAPITEL

2. KAPITEL

3. KAPITEL

4. KAPITEL

5. KAPITEL

Nicht das Bewusstsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewusstsein.

Karl Marx

1. KAPITEL

Wie verängstigte Rehe schlichen Rita und Helen durchs Büro, während ihre Chefin Nicole Ryff die Presseberichte der letzten Woche durchging. Ihre Laune sank von Sekunde zu Sekunde. Nationalrat Markus Christ hatte sich wohlweislich in seinem Büro verbarrikadiert. Rita stellte Nicole ungefragt eine Tasse Kaffee auf den Tisch, eine Geste, die einem Friedensangebot gleichkam, doch sie taxierte ihre Mitarbeiterin mit einem vernichtenden Blick. Kopfschüttelnd legte Nicole die Zeitungsausschnitte zur Seite, schaltete ihren PC ein und las die Lesermails der Online-Medien.

«Markus wollte unbedingt an diese Jahresversammlung des Jazzorchesters. Wir konnten ihn nicht bremsen, auf uns hört er nicht», versuchte sich Helen zu rechtfertigen.

«Super! Wirklich gut gemacht, kann ich dazu nur sagen.»

«Wir haben das Dossier seriös vorbereitet. Es liegt dort auf dem Stapel. Er fand es nicht einmal für notwendig, es durchzublättern.»

Nicole vertiefte sich in das Dossier. Dem Orchester waren sämtliche Subventionen bis auf Weiteres gestrichen worden, weil es in der Abrechnung Ungereimtheiten gab. Anscheinend hatte der Kassier die Buchhaltung etwas zu kreativ geführt. Die Abteilung für Kulturförderung griff daraufhin ein und verlangte detaillierte Auskünfte.

«Ihr hättet seinen Auftritt verhindern müssen, Rita.»

«Ja, das versuchten wir auch. Wir flehten ihn richtiggehend an, aber Markus wischte unsere Bedenken einfach weg.»

Nicole scrollte durch eine Unmenge von Kommentaren. Eines muss man dem Herrn Nationalrat lassen, er versteht es zu polarisieren. Erstaunlicherweise pflichteten ihm die meisten bei, wobei sie seine Wortwahl verurteilten.

«Eine Woche! Ich nehme eine einzige Woche Urlaub und schon bricht das Chaos aus. Fünfhundert Einträge wegen eines unbekannten Jazzorchesters, das knapp dreissig Mitglieder zählt. Ich kenne das Orchester nicht einmal, ihr etwa?»

«Nein, nicht wirklich. Es kommt noch schlimmer … Aus irgendwelchen Gründen weigert sich Markus, am Sonntags-Talk von Telebasel teilzunehmen, obwohl er zugesagt hat. Die sind auf hundertachtzig und drohten sogar, in der Sendung darauf hinzuweisen, dass das Wort des Nationalrats Christ nichts wert sei. Jetzt nach dem Orchester-Eklat setzen sie total Druck auf, sie wollen ihn um jeden Preis.»

«Wunderbar. Kaum bin ich weg, tobt er sich aus.»

«Deshalb riefen wir dich ja auch an. Er ist beratungsresistent.»

«Rita! Weshalb, verdammt noch mal…», verblüfft starrte Markus Christ seine Assistentin an. «Was machst du denn hier, Nicole? Du bist doch in den Ferien.»

«Nicht mehr, Markus. Deine liebe Bürochefin ist wieder da. Du darfst dich freuen.»

«Aha. Gut, dann kümmere dich gefälligst darum, dass der Karren besser läuft.»

«Er läuft wie geschmiert. Aber der Fahrer fährt ihn an die Wand, und zwar mit voller Wucht.»

«Was meinst du damit?»

«Ich sage bloss Jazzorchester. Hast du dich bemüht, nur einen Blick in das Dossier zu werfen?»

«Das war unnötig.»

«Ach ja? Dann können wir uns in Zukunft unsere Arbeit sparen. Packen wir zusammen. Worauf wartet ihr? Wir suchen uns einen neuen Chef. Der hier kommt ohne uns zurecht. Er weiss alles und kann alles, denn er ist ein Vollblutpolitiker und ein echter Christ. Die Familie kommt kurz nach Gott. Los, verschwinden wir.»

«Was soll das? Hör gefälligst auf, so zu schreien … He! … Ich rede mit dir!»

«Anders hörst du uns ja nicht zu. Wir arbeiten tagelang an deinen Auftritten, wir informieren dich über allfällige Stolpersteine, erwähnen jedes Detail und was machst du? Du trampelst absolut ignorant von einem Fauxpas in den anderen.»

«Das verbitte ich mir.»

«Rita, die Akte des Jazzorchesters.» Nicole schlug eine Seite auf und hielt sie Markus vors Gesicht. «Hier! Was steht da?»

«Das weiss ich nicht.»

«Aber lesen kannst du schon oder müssen wir dir die Informationen in Zukunft vorlesen?! … Rita warnte dich ausdrücklich vor dem Auftritt. Es sei ein Pulverfass. Der Kassier hat offenbar fünfzigtausend Franken für seine Hobbies und für den Vorstand abgezweigt. Und was machst du? Du trittst dort auf.»

«Ich konnte ja nicht wissen, dass die Vorwürfe stimmen.»

«Nein, natürlich nicht.»

«Der Vorstand des Jazzorchesters hielt seine letzte Sitzung in einem Lokal in der Webergasse ab und danach muss es in der Ochsengasse ziemlich hoch hergegangen sein. Das vermerkte ich in den Unterlagen», meldete sich Rita kleinlaut zu Wort.

«Ochsengasse! Klingelts bei dir?»

«Ich bin nicht weltfremd. Das erwähnte ich übrigens auch, als es eskalierte.»

«Oh ja. Die Medien berichten von nichts anderem.»

«Ich lasse mich doch nicht von fünf alten, geilen Vollidioten provozieren, die das Geld des Vereins, notabene auch staatliche Subventionen, bei den Prostituierten in der Ochsengasse verprassen und dann noch einen Aufstand machen, weil die Stadt die Subventionen aussetzt.»

«Was genau ist passiert?»

«Eigentlich nicht viel. Ich wies lediglich darauf hin, dass die Stadt die Subventionen bis zum Schlussbericht der eingesetzten Kommission eingefroren hat. Sollte es sich herausstellen, dass die Gelder zu Unrecht blockiert wurden, werden sie sofort ausbezahlt und eine dementsprechende Pressemeldung verfasst.»

«Eigentlich ganz harmlos. So weit, so gut.»

«Nun ja … dann provozierte mich dieser schleimige Präsident.»

«Was den Herrn Nationalrat zur Frage verleitete, ob der Präsident Unterricht in der Ochsengasse nimmt. In diesem Fall sei die Spesenabrechnung durchaus gerechtfertigt. Ich darf dich wörtlich zitieren, Markus: ‹Sie spielen doch Trompete, Herr Geiger. Und wie ich höre, bereitet Ihnen das Atmen zurzeit Mühe. Deshalb nahmen Sie vermutlich in der Ochsengasse Nachhilfeunterricht in der richtigen Blastechnik. Sie und Ihre Vorstandsmitglieder haben sich geopfert, um dazuzulernen. Das können Sie selbstverständlich über Spesen absetzen.›»

«So war es nicht. Das ist aus dem Zusammenhang gerissen.»

«Dann müssen wir die Medien verklagen oder zumindest eine Gegendarstellung verlangen. Rita, was meinst du?»

«Sie… sie provozierten Markus arg.»

«Absolut richtig und das lass ich nicht auf mir sitzen.»

«Das musst du auch nicht. Du solltest aber unsere Dossiers lesen, damit du gewarnt bist und solche Veranstaltungen in Zukunft nicht mehr besuchst. Und wenn ich nicht da bin, hör gefälligst auf Rita und Helen.»

«Ja, ja, deine Zöglinge. Die nerven genauso wie du.»

«Geiger will übrigens gegen Markus wegen Rufmord und Beleidigung prozessieren. Sebastian hat es mir gesagt.»

«Bist du sicher, Helen?»

«Er prüft eine Anzeige.»

«Ein starkes Stück. Vergnügt sich mit Prostituierten auf Vereinskosten und spielt dann den beleidigten Max. Ich will alles über ihn wissen. Ob und wie oft er in der Ochsengasse ist, wo er arbeitet, ob er Schulden hat et cetera. Nehmt ihn euch vor.»

«Gut. Ich frage Seb, ob er vorbestraft ist.»

«Und ich rufe Theo Sorg an. Er ist bei der ‹Basler Zeitung› für die klassische Musik zuständig. Der weiss über alles Bescheid, was in der Region im Musikgeschäft vor und hinter den Kulissen läuft.»

«Sehr gut. Wir werden ihn auf den Boden der Realität zurückholen. Nun zu dir, Markus … Markus?»

Der Nationalrat nutzte die Lagebesprechung seines Teams für einen strategischen Rückzug und war in sein Büro entwischt.

Nicole trat ohne anzuklopfen in Markus’ Büro.

«Wir waren noch nicht fertig.»

«Ich glaube schon.»

«Ich glaube nicht. Wenn du dich in meiner Abwesenheit unbedingt lächerlich machen und überall anecken willst, dann fahren wir das nächste Mal am besten gemeinsam in Urlaub.»

«Du und ich? Nun, darüber lässt sich reden.»

«Rita, Helen und ich. Warum ziehst du das Ganze ins Lächerliche?»

«Du hättest deine Klone besser programmieren sollen.»

«Du weisst genau, dass sie es nie wagen würden, dir zu widersprechen oder sich gar dir zu widersetzen. Also musst du ihnen zuhören und auf ihre Meinung vertrauen. Das kann ich von dir erwarten. Sie sind nämlich gut. Sehr gut sogar.»

«Dieser Geiger und der ganze Vorstand sind eine absolute Zumutung.»

«Warum hast du überhaupt zugesagt?»

«Im Orchester spielt der Sohn eines Nachbars. Ein richtiges Talent. Mein Nachbar fragte mich, ob ich an einer Vorstandssitzung eine kurze Ansprache halten würde.»

«Die dann zu einer Schlammschlacht ausgeartet ist.»

«Ich lasse mich nicht vorführen. So schlimm wirds übrigens nicht. Die meisten Mails, die ich erhalte, sind positiv. Dieser Geiger eckt überall an.»

«Das ist noch lange keine Rechtfertigung für dein Handeln.»

«Mir ist es egal, was seine Entourage denkt. Ich will nicht weiter darüber sprechen.»

«Aber ich. Es geht mir nicht um das Jazzorchester. Du musst mir versprechen, in Zukunft Rita und Helen ernst zu nehmen – vor allem, wenn ich nicht da bin.»

«Ja, ja, ich werde ganz brav sein … Du hättest gar nicht zurückkommen müssen. Ich habe alles im Griff.»

«Klar, das sehe ich. Ich wäre nur eine Woche weggewesen, eine einzige Woche.»

«In London, ich weiss. Mit einem Typen?»

«Mit Annette.»

«Der zukünftigen Richterin?»

«Das würde sie gern werden.»

«Bei den nächsten Wahlen tritt Anselm Roncalli nicht mehr an, zwanzig Jahre seien genug. Er will vorzeitig in den Ruhestand treten und seine Favoritin ist Annette Dressler. Es gibt zwar noch andere Kandidaten, die versuchen, Anselm auf ihre Seite zu ziehen, doch er hat sich entschieden. »

«Bist du sicher?»

«Allerdings. Er meint, Annette bringe alles mit, um seinen Job zu übernehmen. Wenn Anselm das sagt, dann stimmt es. Vermutlich wird bei dieser Sachlage niemand anderes kandidieren.»

«Wahnsinn. Damit würde ihr Traum in Erfüllung gehen.»

«Es ist noch geheim, also behalt es vorerst für dich. Hast du wirklich wegen mir deinen Urlaub abgebrochen?»

«Ja. Um zu verhindern, dass du vollkommen durchknallst.»

«Es war dumm von mir, bitte entschuldige. Ich hätte mich nicht provozieren lassen dürfen, die Subventionsgeschichte geht mich gar nichts an. Du hättest Rita sehen sollen, als es eskalierte. Sie japste nach Luft, blies die Backen auf wie ein Frosch, aber es kam kein Ton dabei heraus.»

«Ich kanns mir vorstellen. Die meisten Kommentare sind positiv. Nur deine Wortwahl wird durchs Band kritisiert.»

«Na also, niemand fordert meinen Kopf. Ein Sturm im Wasserglas. Was liegt diese Woche an?»

«Damit beschäftige ich mich nachher.»

«Gut. Heute ist ein ruhiger Tag, soweit habe ich mich bei Helen informiert. Ich treffe Nico Peters im Kraft zum Mittagessen. Schliesst du dich uns an?»

«Du verkehrst in letzter Zeit viel mit Richtern.»

«Wir besuchten zusammen das Realgymnasium, das ist schon einige Jährchen her. Übrigens auch mit Anselm.»

«Dann lass ich euch besser allein über die guten alten Zeiten reden. Da störe ich nur. Zudem kenne ich all deine Schwänke aus der Jugendzeit.»

«Nur die seriösen.»

«Gibts auch Skandale?»

«Die bleiben geheim. Also essen wir ohne dich?»

«Ja. Ich schau mir inzwischen den Terminplan für diese Woche an. Es wäre übrigens angebracht, wenn du dich bei Helen und insbesondere bei Rita entschuldigst.»

«Nein!»

«Warum nicht? Es wird dir schon kein Zacken aus der Krone fallen.»

«Es war nicht meine Schuld. Geiger provozierte und Rita hielt mich nicht davon ab, ausfällig zu werden.»

«So kann Mann es auch sehen … Was wäre passiert, wenn Rita dazwischengegangen wäre?»

«An der Sache hätte sich nichts geändert. Das war doch ein passender Spruch.»

«Echt jetzt? Und so jemand vertritt unsere Stadt in Bern.»

«Allseits beliebt und von der Bevölkerung geschätzt.»

«Und bei den engsten Mitarbeiterinnen verhasst. Wohin gehst du?»

Markus Christ trat ins Vorzimmer und küsste die vollkommen überrumpelte Rita auf beide Wangen.

«Es tut mir leid, ich hätte das Dossier studieren müssen. Es wird nicht wieder vorkommen. Verzeihst du mir?»

«Aber … ich meine … es ist ja nichts weiter passiert. Dieser Geiger ist ein übler Kerl.»

«Dann seid ihr mir nicht mehr böse?»

«Wir waren dir nicht böse. Es ist nicht der Rede wert.»

«Wunderbar.» Christ schloss lächelnd die Tür. «Bist du nun zufrieden, Nicole?»

«Nein.»

«Was denn noch? Soll ich ihr einen Blumenstrauss schenken?»

«Hör mit dem dummen Grinsen auf.»

«Wie mans macht, es ist immer falsch. Könntest du die Familie zu einem geselligen Abend zusammentrommeln?»

«Klar. Aus einem bestimmten Grund?»

«Ich vermisse meine Kinder. Andrea soll ihren Daniel und Florian seine Sara mitbringen. Ist Tina liiert?»

«Soviel ich weiss, nicht. Vor einigen Monaten hatte sie kurz eine Affäre mit einem Chefarzt vom Unispital. Ein Langweiler.»

«Sagst du.»

«Sagt sie. Er sprach nur über seine grossartigen chirurgischen Fähigkeiten. Nach drei Dates hatte Tina genug gefachsimpelt, von der Prahlerei ganz abgesehen. Und so wurde er mit dem Skalpell entfernt.»

«Recht hat sie. Florian macht mir auch keinen glücklichen Eindruck.»

«Dein Sohn muss sich zuerst daran gewöhnen, dass er nicht mehr allein durchs Leben schwebt.»

«Soll heissen, die Beziehung hält nicht lange?»

«Sara ist eine tolle Frau, aber Florian fühlt sich durch ihre Anwesenheit eingeengt. Er ist ein Einzelgänger.»

«Vermutest du?»

«Das weiss ich. Sara ist von Florian enttäuscht und bat mich, ihr bei der Jobsuche zu helfen. Sie will ihm nicht zur Last fallen.»

«Ich begreife das nicht. Sara ist eine wirklich tolle Frau und er lässt sie einfach laufen. Soll ich mit ihm reden?»

«Versuch es, aber sei nicht enttäuscht, wenns nichts fruchtet. In der Zwischenzeit besorge ich ihr eine Abwartsstelle.»

«Wo?»

«Bei Christ-Immobilien.»

«Ist dort eine Stelle frei?»

«Keine Ahnung. Ich bat Peter darum.»

«Du nötigst den CEO von Paps?»

«Von Nötigung würde ich nicht sprechen. Es reichte vollkommen, als ich ihm erklärte, dass es dein Wunsch sei.»

«Ich will gar nicht wissen, was für Wünsche ich sonst noch habe.»

«Sara kann die Überbauung in Allschwil übernehmen.»

«Welche Überbauung?»

«Ich will dich nicht mit Details langweilen. Die Idee stammt von deinem Vater.»

«Sehr interessant, was ihr so hinter meinem Rücken treibt. Wie ist Florians Verhältnis zu Andrea?»

«Noch immer angespannt. Sollte Sara ausziehen, ist er bei seiner Schwester vollkommen unten durch. Wenn ich damit anfange, blockt sie ab. Dass er Sara nicht unterstützen wollte, versteht Andrea bis heute nicht.»

«Immerhin musste Florian sie zu einer Lüge überreden.»

«Ich teile Andis Meinung. Ich kann diesem schleimigen, scheinheiligen Getue nichts ab.»

Nachdenklich schüttelte Christ den Kopf.

«Ein Jahr nach Annas Tod bricht die Familie auseinander. Es ist so schwer ohne sie. Anna … Sie war die Liebe meines Lebens und das Herz der ganzen Familie. Ich weiss nicht, wie ich das Auseinanderdriften verhindern kann.»

«Die Familie befindet sich in einer Krise, aber sie ist noch intakt.»

«Dank dir, Nicole.»

«Ich gebe mein Bestes. Ein Treffen am Wochenende, am besten am Freitag, ist bestimmt eine gute Idee.»

«Wenn es zu kurzfristig ist, geht auch eine Woche später. Du und Paps seid selbstverständlich auch herzlich eingeladen.»

«Herzlichen Dank. Das ist lieb gemeint, doch es ist ein Familienessen.»

«Du gehörst zur Familie, ich will nicht darüber diskutieren.»

«Zu Befehl, Chef.»

«Immerhin scheint Andrea mit ihrem Muskelpaket glücklich zu sein. Sie arbeiten zusammen und sie leben zusammen, das stelle ich mir nicht einfach vor.»

«Alles halb so wild, sie sind nur gute Freunde.»

«Das wiederholt Andrea eine Spur zu oft. Ist Helen mit ihrem Staatsanwalt eigentlich glücklich?»

«Ich weiss nichts anderes. Wieso fragst du?»

«Sie hatten in der letzten Woche eine heftige Auseinandersetzung.»

«Hier im Büro?»

«Ja. Ich vergass eine Akte für die Sitzung unseres Parteivorstands. Rita war wegen dieses Jazzorchesters unterwegs und als ich ins Büro wollte, hörte ich sie streiten.»

«Da bist du diskret reingegangen und sie beendeten das Gespräch.»

«Ich blieb vor der Tür stehen und hörte zu. Aber alles konnte ich nicht verstehen. Ich bin zu spät an die Sitzung gekommen.»

«Du lauschst und lässt den Vorstand warten, nur weil du einen Skandal witterst? Spinnst du?»

«Die wissen ja nicht, warum ich zu spät kam.»

«Ich glaube es nicht. Worum ging es?»

«Um die Strategie für die kommenden Regierungsratswahlen. Kummer will nicht mehr antreten und so nominierten wir Alder, er ist bei Rechten und Linken unbestritten.»

«Ich meine bei Helen und Sebastian.»

«Ach so. Du kommst mir gerade recht. Wirfst mir vor, dass ich lausche, bist aber selbst total neugierig. Sie diskutierten über einen Fall von Kern. Offenbar erwartete er in diesem Zusammenhang etwas von Helen, doch sie wollte ihn nicht unterstützen. Dann driftete das Ganze ins Persönliche ab. Zu guter Letzt rannte Kern wutentbrannt aus dem Büro und rempelte mich an.»

«Ist Helen in einen seiner Fälle involviert?»

«Es scheint so. Du kannst ja deinen Klon Nummer eins fragen.»

Nachdenklich verliess Nicole das Büro ihres Chefs.

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Kommissärin Andrea Christ las zum dritten Mal den Abschlussbericht ihres letzten Falls durch, den ihr Partner Daniel Winter geschrieben und den sie nun redigiert hatte. Partner – beruflich traf das voll zu, aber privat? Seit Wochen rang sie mit sich. Ist es gut, wenn aus unserer Freundschaft mehr wird? Ich weiss es einfach nicht. So, jetzt sollte der Bericht gut lesbar und verständlich sein. Daniel ist ein guter Kommissär, aber Deutsch ist nicht gerade seine Stärke. Es wäre einfacher, wenn er mir das Schreiben überlassen würde. Die Korrektur dieser zwei Seiten nimmt mehr Zeit in Anspruch, als wenn ich den Text selbst verfasse. Andrea schmunzelte. Nur würde Dani dann wieder einmal den Beleidigten spielen, weil er sich für Shakespeare hält. Tja, das mit der Selbsteinschätzung ist so eine Sache. Sie massierte sich den schmerzenden Nacken. Büroarbeit muss zwar sein, aber sie ist ein ungeliebtes notwendiges Übel. Andrea schob den Laptop zur Seite. Wie soll es nur mit uns weitergehen? Ich liebe Dani, aber ich will ihn als Partner nicht verlieren. Und eines ist klar: Unsere Beziehung läuft schief, wenn wir Tag und Nacht aneinanderkleben. Wie ich es auch drehe und wende, es bleibt ein Dilemma. Werden wir privat ein Paar, muss ich mir jemand anders für den Dienst suchen. Dabei verbringen wir mehr Zeit im Dienst zusammen als privat. Und ehrlich gesagt, ich kann mir keinen anderen Partner vorstellen. Wir ergänzen uns perfekt, verstehen uns wortlos und sind voll aufeinander abgestimmt. Soll ich mit Paps oder Grossvater darüber sprechen? Ich weiss nicht … Nicole! Ja, genau. Ich lade sie auf einen Drink ein. Seit Mams Tod ist sie für Tina und mich wie eine grosse Schwester, nur mein lieber Bruder sieht das anders. Florian! Im Moment verstehen wir uns gar nicht gut. Ein Pfarrer, der seine frommen Sprüche vor sich herträgt, doch wenns darauf ankommt, ist alles nur warme Luft. Ich bewundere Sara, dass sie es mit diesem Egoisten aushält. Sie liebt ihn wirklich. So leid es mir tut, ich gebe ihrer Beziehung nicht mehr lange. Dann wird Florian irgendwelche passende Bibelzitate klopfen und sich in sein Schneckenhaus verabschieden. Wie immer sind die anderen schuld an der Misere. Als Heiliger, der nur die Befehle seines Gebieters ausführt, trägt er natürlich keine Verantwortung. Andrea schüttelte den Kopf und wandte sich wieder dem Bericht zu.

«Eine Frau Schneider-Holzer ist am Empfang. Sie will uns sprechen. Sagt dir der Name etwas?», riss sie Dani aus ihren Gedanken.

«Schneider-Holzer? Vielleicht einer unserer ehemaligen Fälle?»

«Ich finde nirgends ihren Namen. Soll ich sie holen?»

«Ja, es ist ja im Moment nicht viel los.»

«Wie war mein Bericht?»

«Besser als der Letzte. Ich muss noch einige Korrekturen anbringen, dann können wir ihn unterzeichnen.»

«Inhaltliche Fehler?»

«Mehr Stilistisches, nichts Gravierendes.»

«Ich werde von Mal zu Mal besser», stellte Dani stolz fest. «Bald kann ich mich mit dir messen. Ich hole sie.»

Ich bringe es einfach nicht übers Herz, ihm den Bericht um die Ohren zu schlagen. Das war bei meinem letzten Partner anders. Der bat um Versetzung, weil er meine ewigen Schikanen satthatte. Das war mein Glück. Dani ist ein hervorragender Polizist, sieht die Zusammenhänge oft schneller als ich. Dafür bin ich ausgeglichener, reflektiere mehr und kann besser formulieren. Wir ergänzen uns optimal. Nicole! Ich muss unbedingt mit ihr sprechen.

Eine Frau Mitte vierzig trat ins Büro. Sie kam Andrea bekannt vor, nur wusste sie nicht, woher?

«Guten Tag, Frau Christ.»

«Guten Tag. Bitte setzen Sie sich, Frau Schneider. Entschuldigen Sie, kennen wir uns?»

«Ich habe mich anscheinend sehr verändert. Vielleicht können Sie sich an mich erinnern, wenn ich Ihnen meinen Mädchennamen sage: Holzer, Irene Holzer.»

Andrea sah sie überrascht an. Die Frau hatte sich in den wenigen Jahren, seit ihrer letzten Begegnung total verändert. Aus dem schönen jungen Mädchen war eine alte Frau geworden.

«Erinnern Sie sich an mich?»

«Es war mein erster Fall als Assistentin von Kommissär Mäder.»

«Ich wollte ursprünglich zu ihm, aber er ist anscheinend pensioniert. Da ist mir Ihr Name eingefallen.»

«Kann mich jemand aufklären, was das für ein Fall war?», erkundigte sich Dani.

«Wollen Sie oder soll ich?»

«Bitte, Frau Schneider.»

«Meine jüngere Schwester wurde vor einigen Jahren im Milieu ermordet. Sie … Ich … Ich war nach dem Tod unserer Mutter für sie verantwortlich und werde mir nie verzeihen, dass ich ihre Drogensucht viel zu spät realisierte. Die Drogen … Melanie bezahlte sie mit ihrem Körper.» Frau Schneider-Holzer kramte umständlich ein Foto aus ihrer Tasche, auf dem zwei attraktive junge Mädchen zu sehen waren. «Ich bin nie über ihren Tod hinweggekommen.»

«Starb Ihre Schwester an einer Überdosis?»

«Nein. Sie wurde kaltblütig und brutal ermordet.»

Andrea erinnerte sich noch genau an die damaligen Ermittlungen. Ihr Chef war von Anfang an davon überzeugt, dass Melanie an den Folgen abartiger Sexpraktiken verstorben war. Zu einer Mordanklage kam es in der Folge nie.

«Das Gericht sah es anders.»

«Ich weiss, Frau Christ. Ich mache Ihnen auch keinen Vorwurf. Wagner wurde nur wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt, aber es war Mord.»

«Was ist genau passiert?», erkundigte sich Daniel.

«Matthias Wagner war der Freund meiner Schwester. Ein Junkie. Durch seinen schlechten Einfluss kam sie an die Drogen und, als wäre das nicht schon genug, schickte er sie zu seinem eigenen Vorteil auf den Strich. Einfach schrecklich.»

«Und Sie bemerkten nichts?»

«Nein. Melanie war eine perfekte Schauspielerin und ich so etwas von naiv. Am Tag ihres Todes ging sie wie jeden Morgen ins Kosmetikstudio, wo sie als Prostituierte arbeitete. Das Geschäft ist bei Insidern bekannt für seine Diskretion.»

«Waren Sie einmal da?»

«Ein einziges Mal. Es ist ein echter Kosmetiksalon, aber im 1. Stock befindet sich ein Bordell. Melanie schaffte dort an. Wenn es nur um normalen Sex gegangen wäre, würde sie noch leben. Doch dort gingen vor allem Perverse ein und aus und das wurde ihr zum Verhängnis.»

Daniel schaute fragend zu Andrea.

«Die Todesursache war Herzversagen. Melanie hatte an Händen und Füssen Verletzungen, die von Seilen stammten, und war voll verladen. Sie muss sich trotz des Drogeneinflusses heftig gewehrt haben.»

«Sie wurde von einem Freier und Wagner ermordet.»

«Den Freier konnten wir nicht ermitteln. Wagner gestand, dass er sie zu Fesselspielen überredet hatte. Als er merkte, dass etwas nicht stimmt, eilte er ihr zu Hilfe. Aber es war bereits zu spät. Wagner nahm alle Schuld auf sich, er wurde zu sechs Jahren verurteilt.»

«Seit eineinhalb Jahren ist er wieder draussen und führt sein Leben genauso weiter wie vorher. Wagner behauptet zwar, er habe im Gefängnis eine Entziehungskur gemacht und sich geändert, doch der Schein, trügt. Er mimt den Sozialhelfer, um noch leichter an seine Opfer heranzukommen. Eine clevere Taktik.»

«Woher wissen Sie das?»

«Ich verfolge ihn auf Schritt und Tritt. Eines Tages werde ich ihn des Mordes überführen, das bin ich Melanie schuldig, Herr Zeugin.»

«Warum wollten Sie uns sprechen?»

Irene Schneider-Holzer holte zwei Zeitungsausschnitte aus der Tasche und legte sie auf den Tisch. Es waren kurze Mitteilungen über einen Unfall im Milieu.

«Wagner ist wieder aktiv.»

«Da heisst es lediglich, dass eine Prostituierte bei einem Unfall ums Leben kam.»

«Exakt auf die gleiche Weise wie Melanie. Vollgepumpt mit Drogen erlitt sie bei perversen Spielen einen Herzinfarkt.»

«Woher wissen Sie das?»

«Ich halte noch immer den Kontakt zu einigen Personen in der Szene aufrecht. Als ich die Notiz las, begann ich zu recherchieren. Das Mädchen arbeitete für Knut Lesser. Exakt derselbe Mann, der damals den Kosmetiksalon führte und bester Kumpel von Wagner war.»

«Das kann ein Zufall sein.»

«An Zufälle glaube ich nicht. Sechs Jahre ist nichts passiert und jetzt, wo Wagner wieder draussen ist, wird ein weiteres Mädchen ermordet.»

«Seine Entlassung war vor eineinhalb Jahren. Warum ist nicht schon viel früher etwas passiert?»

«Weil es solange gut ging.»

«Was erwarten Sie von uns?»

«Gerechtigkeit. Ich will, dass Sie das Unrecht, das meiner Familie durch Ihre schlampigen Ermittlungen angetan wurde, wiedergutmachen und dass diese Bestie keine Frauen mehr ermorden kann. Vielleicht schlafe ich dann wieder ruhig und finde ein wenig Frieden.»

Dani blickte zu Andrea. Gab es tatsächlich einen Zusammenhang? Möglich wäre es.

«Gut. Wir werden uns das Dossier dieser Prostituierten vornehmen. Wo finden wir Matthias Wagner?»

«Er arbeitet bei einer privaten Organisation, sie heisst ‹Für ein lebenswertes Leben›. Sinnigerweise stimmt die Adresse mit seinem Wohnsitz an der Klingentalstrasse überein. Was für ein Hohn! Das ist alles nur Tarnung. Und Lesser betreibt in der Webergasse einen kleinen Schönheitssalon mit Sauna und Solarium, nach dem gleichen Muster wie vor sechs Jahren.»

«Wo können wir Sie erreichen? Und wer ist Ihr Informant?»

«Ich wohne in der Feldbergstrasse, allein. Ich war verheiratet, aber die Ehe hielt nicht lange. Tagsüber arbeite ich Teilzeit im Unispital als Pflegerin. Hier sind meine Kontaktdaten», sie reichte Andrea eine Visitenkarte. «Meine Informantin ist eine Barfrau aus der Ochsengasse. Ich gebe Ihnen den Namen nur, wenn Sie mir garantieren, dass Sie sie nicht in die Sache hineinziehen.»

«Wir werden sie aus allem raushalten.»

«Danke. Ich sage ihr, dass Sie auf sie zukommen. Sie heisst Christa Nabholz. Glauben Sie mir, Frau Christ?»

«Ehrlich gesagt bin ich hin und hergerissen. Sie sind von Wagners Schuld felsenfest überzeugt und warten seit sechs Jahren auf Ihre Chance, dies zu beweisen. Sie leben nur für diesen Moment.»

«Warum nehmen Sie sich dann trotzdem der Sache an?»

«Kommissär Mäder stand damals kurz vor seiner Pensionierung und nahm den Fall auf die leichte Schulter. Für mich war es der erste Fall bei der Kriminalpolizei und beinahe auch der letzte. Zum Glück bestärkte mich meine Mutter, durchzuhalten, weiterzumachen und immer mein Bestes zu geben. Fehler sind zweifelslos passiert und deshalb werden wir die Sache untersuchen. Bitte halten Sie sich zurück und unternehmen rein gar nichts, bis wir zu einem Ergebnis gekommen sind.»

«Das verspreche ich Ihnen. Herzlichen Dank. Ich habe mehr erreicht, als ich mir erhoffen durfte.» Sie umarmte Andrea lange. «Sie werden sehen, dass ich keine Spinnerin bin.»

Während Daniel Irene Schneider-Holzer hinausführte, setzte sich Andrea vor den Laptop und googelte «Für ein lebenswertes Leben». Der von privaten Stiftern gegründete Verein kümmerte sich in erster Linie um junge Frauen, die mit ihrem Leben nicht zurechtkamen. Einer der Geschäftsführer war Matthias Wagner. In seiner Kurzbeschreibung stand er zu seiner Milieuvergangenheit und seiner langjährigen Haftstrafe. Entweder verfolgte die Stiftung wirklich diesen guten Zweck oder es war eine perfekte Tarnung, um Mädchen anzulocken, abhängig zu machen und danach zur Prostitution zu zwingen.

«Willst du wirklich diese alte Geschichte aufrollen?», erkundigte sich Daniel.

«In der letzten Stunde ist alles wieder hochgekommen. Ich habe diesen Fall nie wirklich verarbeitet. Mäder war als Kommissär eine Übergrösse und ich eine blutjunge Anfängerin. Ich sah zu ihm hoch, wollte eines Tages so werden wie er. Da übersieht man leicht die Schwächen des anderen. Er löste den Fall auf die Schnelle. Als Wagner gestand, war er abgeschlossen. Kein Nachhaken, kein Hinterfragen, nichts.»

«Gut. Ich besorg uns das Dossier aus dem Archiv.»

«Dani, es ist meine Vergangenheit. Du musst mir nicht helfen, wenn du der Meinung bist, dass ich mich verrenne.»

«Du bist meine Partnerin. Deine Angelegenheiten sind auch meine, wir sind ein Team. Zudem lasse ich dich keine Sekunde alleine im Milieu recherchieren.»

Andrea atmete tief durch. Ich muss die Vergangenheit aufarbeiten, das bin ich Irene Schneider und mir schuldig. Und mit Dani an meiner Seite ist alles einfacher. Sie griff zum Handy und rief Nicole an.

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Stirnrunzelnd sah sich Florian Christ die von Sara erstellte Skizze an. Der Blumenschmuck für die bevorstehende Hochzeit fiel sehr üppig aus. Wahnsinn. Ich müsste mich eigentlich freuen, wenn das Gotteshaus in einem Blumenmeer erstrahlt, aber wieder einmal ist Sara weit übers Ziel hinausgeschossen. Das Brautpaar liess sich von ihrer Euphorie anstecken, während meine Bedenken kein Gehör fanden. So konnte ich das Ganze nur noch durchwinken. Weniger wäre mehr gewesen. Definitiv. Ich darf gar nicht an die Kosten denken. Warum muss sich Sara überall einmischen? Früher ging es auch ohne sie. Die Menschen suchten meinen Rat und ich setzte ihre Wünsche um. Dem einen oder anderen musste ich sanft auf die Sprünge helfen. Das gehört dazu, doch nicht so. Diese Hochzeit wird eine richtige Herausforderung. Und wenns schiefgeht, trage ich die Verantwortung. Ein weiteres Mal lass ich mich nicht ins Abseits stellen. Das muss aufhören. Sofort.

«Ah, hier bist du.» Sara trat lächelnd in die Kirche. «Ich habe dich gesucht. Der Bräutigam möchte mir dir sprechen.»

«Ist ihm die Königsdekoration jetzt doch zu teuer?»

«Davon hat er nichts gesagt. Sie freuen sich auf ihren grossen Tag. Er möchte mit dir über die Liederauswahl reden.»

«Ich rufe ihn später an. In einer halben Stunde kommt der Blumenhändler. Sind sie sich bewusst, was das kostet?»

«Ja, natürlich. Soll ich dabei sein, wenn die Floristen kommen?»

«Das schaffe ich allein.»

Sara setzte sich auf eine Kirchenbank.

«Wir müssen reden, Florian.»

«Worüber?»

«Über uns, über unsere Beziehung. Seit Wochen weichst du mir aus. Wir tauschen keine Zärtlichkeiten mehr aus. Und … wir schlafen seit Wochen nicht mehr miteinander.»

«Ich bin im Moment stark beschäftigt. Es fehlt am Geld für die Renovation. Ich weiss nicht mehr, wie ich das alles bezahlen soll. Das belastet mich enorm.»

«Ein Anruf bei deinem Grossvater oder bei deinem Vater genügt und das Geld ist da.»

«Das will ich unter keinen Umständen. Soll ich mich etwa von meiner Familie aushalten lassen? Dann ist endgültig klar, dass ich ein Versager bin. Darauf wartet meine liebe Schwester Andrea doch nur. Reicht es nicht, dass sie mir mit Verachtung begegnet? Sie und Nicole. Ich werde nicht um Almosen betteln, eher verrottet die ganze Kirche.»

«Du hast dich verändert.»

«So, findest du? Wie kannst du das beurteilen? Wir sind noch nicht einmal ein Jahr zusammen. Was weisst du denn schon von mir? Nichts. Interessiert es dich überhaupt, wie es in mir aussieht?»

«Du und meine beiden Kinder sind alles, was ich habe. Euch liebe ich über alles.»

«Im Sprücheklopfen seid ihr stark. Mich mit Phrasen in die Defensive drängen, das könnt ihr. Aber wenns drauf ankommt, dann seid ihr nur auf euren persönlichen Vorteil aus. Du bist nicht besser als die anderen.»

Sara erhob sich mit Tränen in den Augen.

«Du sagst, du liebst mich – ist es denn Liebe, wenn du mich dauernd vorführst?»

«Ich … ich weiss nicht, was du meinst.»

«Die Trauung zum Beispiel. Wer schwatzte dem Brautpaar diesen masslos übertriebenen Blumenschmuck auf? Du! Du drängtest dich förmlich auf. Ich sass da wie der letzte Trottel und musste alles über mich ergehen lassen. Meine Ansichten waren überhaupt nicht gefragt.»

«Ich … ich wollte dir und dem Brautpaar nur helfen. Dieser Tag soll allen in Erinnerung bleiben.»

«Das ist dir gelungen. Ich werde noch in Jahren daran denken.»

«Es … es tut mir leid. Vielleicht …»

«Jetzt ziehen wir das durch. Für den Blumenladen wird es das Geschäft des Jahres. Man könnte meinen, dass du am Umsatz beteiligt bist.»

«Du bist gemein!»

«Du fragtest mich in den letzten Tagen mehrmals, was mich beschäftigt. Ich will es dir sagen. Es stört mich, dass du dich überall einmischst. Seit du bei mir im Pfarrhaus wohnst, läuft alles nach deinem Willen. Du hast den Haushalt neu organisiert, koordinierst die Treffen mit den Vereinen und bei Hochzeiten oder Bestattungen kommen die Leute zuerst zu dir. Ich darf gnädigerweise noch die Predigt halten. Vermutlich wirst du auch das bald übernehmen.»

«Ich will dir doch nur helfen und dich entlasten.»

«Hast du je darüber nachgedacht, nur ein einziges Mal, ob ich entlastet werden will? Du reisst dir den gesamten Betrieb unter den Nagel. Die super Managerin Sara Jeric hat alles im Griff, selbst mich, den dämlichen Pfarrer. Ich bin nur noch geduldet und das im eigenen Haus.»

«Ich …», Sara verstummte und ging langsam zum Ausgang der Kirche.

«Das hörst du nicht gern. Du weisst ganz genau, dass es stimmt», setzte Florian nach.

«Ich … liebe dich, Florian, und deine Worte verletzen mich sehr. Ich möchte dir gerne sagen, wie ich darüber denke.»

«Nur zu. Bereinigen wir es ein für alle Mal.»

«Ich kann nicht. Nicht jetzt … Willst du, dass wir gehen?»

«Wohin willst du denn?»

«Das ist keine Antwort. Wäre es dir lieber, wenn wir ausziehen?»

«So kann es auf jeden Fall nicht weitergehen.»

«Ich verstehe, es ist dir lieber.»

«Wenn du dich nur nicht mehr überall einmischst …»

«Das ändert nichts an deiner Eifersucht.» Sara drehte sich um, umarmte Florian und küsste ihn zärtlich. «Ich danke dir von Herzen für alles, was du für mich und meine beiden Jungs getan hast. Dieses Jahr mit dir war die schönste Zeit in meinem Leben. Ein wunderbares Geschenk. Ich wollte dir nur ein wenig davon zurückgeben.»

«Sara, ich …»

«Psst! Sag jetzt nichts. Mach es nicht noch schlimmer. Gib mir ein paar Tage, bis ich etwas gefunden habe. Vielleicht brauchen wir beide eine Auszeit.»