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Anne Gold

Wenn
Marionetten
einsam sterben

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© 2014 Friedrich Reinhardt Verlag, Basel

© eBook 2014 Friedrich Reinhardt Verlag, Basel

Lektorat: Claudia Leuppi

Gestaltung: Bernadette Leus, www.leusgrafikbox.ch

Illustration: Tarek Moussalli

ISBN 978-3-7245-2040-5

ISBN der Printausgabe 978-3-7245-2018-4

www.reinhardt.ch

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Wir lieben Menschen, die frisch heraus sagen,
was sie denken.
Vorausgesetzt, sie denken wie wir
.
Mark Twain

Inhalt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

1. Kapitel

«Kommt überhaupt nicht infrage!»

«Im letzten Jahr klang das noch ganz anders. Na ja, zumindest bis du dir eine Zerrung eingefangen hast. Wir sind nach wie vor der Meinung, dass das Absicht war.»

«Also bitte. So einen Mist habe ich lange nicht gehört.»

«Dir ist alles zuzutrauen. Ich hör dich noch, als ob es gestern gewesen wäre. ‹Bitte, bitte, ich will unbedingt dabei sein›», äffte Monika ihren Lebenspartner Kommissär Francesco Ferrari nach. «Und jetzt, wo es um die Wurst geht, macht der Herr einen Rückzieher. Typisch.»

«Nein und nochmals nein! Ich habe es mir eben anders überlegt. Ich laufe nicht in kurzen Hosen wie ein Volltrottel im Kreis herum. Ende der Diskussion.»

«Es ist für einen guten Zweck.»

«Blödsinn! Was ist daran gut? Dass ich nach zwei Runden mit einem Herzinfarkt ins Spital eingeliefert werde?»

«Olivia bezahlt für jede Runde, die du läufst, tausend Franken.»

«Und wieso gerade ich? Sie kann doch einen ihrer Lover umbringen. Davon gibts genügend.»

«Die Idee ist wirklich gut, Francesco. Mit dem Geld will die Stiftung einen Kinderspielplatz bauen. Komm schon, Brummbär, sag ja.»

Monika kraulte Ferrari am Kinn.

«Lass das …»

Der Kommissär ging in den Garten hinaus. Von wegen Rückzieher. Wir leben in einem freien Land, in dem jeder seine Meinung äussern und natürlich auch ändern darf. Wieso also ich nicht? Als mir Monika von Olivia Vischers Stiftung erzählt hat, wie hiess sie gleich noch?, «Gesund durch Spass» oder so ähnlich, fand ich die Idee gut. Auch dass Monika und Marco Streller im Patronatskomitee sind. Vor allem die Vorstellung, mit und neben meinem Stürmeridol zu laufen, gefiel mir ausserordentlich gut. Aber seien wir ehrlich, ich kann mich nur blamieren. Mein Body-Mass-Index lässt zu wünschen übrig, genauso wie meine Fitness. Was solls, es kann nicht jeder den ganzen Tag im Fitnessstudio verbringen, Gewichte stemmen und so. Mein Job ist es, Mörder zu fassen, und Olivia soll ihrerseits mit ihren Milliarden dafür sorgen, dass die Kinder zu Spielplätzen kommen. So weit, so gut. Dass sie nun aber andere mit in den Schlamassel hineinzieht, oder vielmehr mich, das geht entschieden zu weit.

Puma, die schwarze Katze der Nachbarin, schmiegte sich an Ferraris Bein und liess sich verführerisch auf den Rücken plumpsen. Eine Katze müsste man sein, dachte der Kommissär und kraulte ihr den Bauch. Du hast es gut. Du musst keine blöden Runden auf der OB-Matte drehen, damit «Gesund durch Spass» auf Kosten Laufunwilliger ihre Kasse füllen kann. Und dann erst noch bei diesem Wetter! Gemäss Meteorologen war der Juli viel zu heiss und zu trocken. Gerade mal drei Prozent des üblichen Juliregens waren bisher gefallen. Kein Wunder, bangen die Bauern um ihre Ernte. Wenn Petrus den Juli noch in Ordnung bringen will, rein statistisch gesehen, werden wir in den nächsten zwei Wochen ertrinken. Und allem Anschein nach war es ihm ernst, denn der Wetterdienst hatte für die kommenden Tage starke Böen und heftige Gewitter angekündigt. Ferrari blickte zum Himmel. Sternenklar, nirgends zeigte sich eine Wolke. Seltsam, nur das mit dem Wind stimmte. Die Baumkronen im Hardwald wippten zuerst leicht, dann immer stärker hin und her. Wie stumme Riesen, die sich im Wind langsam auf mich zubewegen. Es sieht richtig unheimlich aus. Das fand auch Puma, die blitzschnell durch den Wintergarten huschte und im Haus verschwand. Der Kommissär schmunzelte. Nach dem langen Spitalaufenthalt der Nachbarin war ihr Zuhause zu Pumas zweiter Heimat geworden. Wie gesagt, eine Katze müsste man sein. Vielleicht klappts ja in einem anderen Leben.

«Und, läuft er?»

«Nein! Er läuft nicht. Du hast mir gerade noch gefehlt, Nadine. So wahr ich Francesco Ferrari heisse, ich laufe nicht. Und wenn ihr euch auf den Kopf stellt, es nützt alles nichts! Ich laufe nicht. Nicht für alles Geld auf der Welt.»

Nadine sah Monika verschwörerisch an.

«Meine Rede!»

«Das stimmt nicht, Nadine. Er ist bloss zu faul.»

«Was stimmt nicht?», wandte sich der Kommissär an seine Kollegin, doch Nadine lächelte nur engelhaft.

«Nadine meint, dass du einfach zu fett geworden bist», erklärte Monika.

«Zu fett? Ich zu fett? Ich habe kein Gramm zu viel auf den Rippen. Das nimmst du sofort zurück.»

Sie zwickte ihn in die Seite.

«Da kann ich nur lachen. Du hast eine richtige Wampe. Pirelli lässt grüssen.»

Unwillkürlich zog der Kommissär seinen Bauch ein.

«Du kannst deine Winterreifen ruhig draussen lassen. Für einen Wechsel ist es eh zu spät. Du bist zu fett und kannst gar nicht mehr laufen.»

«Das ist doch … nein, ich lasse mich nicht provozieren.»

«Da ist Yvo schon ein anderes Kaliber.»

«Yvo? Was zum Teufel hat mein Schulfreund damit zu tun?»

«Ihn mussten wir nicht auf Knien anflehen. Er sagte sofort zu.»

So, so! Yvo Liechti läuft mit. Seines Zeichens Stararchitekt und womöglich, das finde ich schon noch raus, Bettgspusi von Nadine, obwohl er ihr Vater sein könnte.

«Wann hast du ihm denn seine Zusage abgerungen?»

«Gestern Nacht im Bett!»

«Hm.»

So genau wollte ich es gar nicht wissen.

«Yvo wusste, dass du kneifst. Der liebe Francesco sei schon in der Schule ein Faultier gewesen. Nur keinen Sport, und vor allem kein Schwimmen. Du sollst richtig Angst vor dem Wasser gehabt haben», kicherte Nadine.

Wenn ich ihn das nächste Mal sehe, schlage ich ihm die Zähne ein.

«Und beim Stafettenlauf hast du immer den Stab fallen lassen. Noch schlimmer wars bei den Waldläufen, deine Gruppe musste am Ende stets gesucht werden.»

Ich werde ihn in seine Einzelteile zerlegen. Definitiv.

«Was meinst du, Monika, wenn dein Liebster also nicht zu fett ist, wie er behauptet, weshalb läuft er dann nicht? Vor einigen Wochen klangs nämlich noch ganz anders.»

«Weil der Herr düpiert ist, dass er mit anderen zusammen laufen muss. Dabei hat sich Marco angeboten, mit ihm über die Bahn zu joggen.»

«Das ist doch super. Stell dir vor, du mit Marco Streller auf der Tartanbahn. Alle werden dich beneiden.»

«Gut, ich machs. Ich werde diesem Angeber Yvo zeigen, dass ich noch immer in Topform bin.»

«Super!»

Monika drückte Ferrari einen Kuss auf die Lippen.

«Unter einer Bedingung. Ich laufe nicht, wenn Marco mitläuft.»

Nadine blickte irritiert zu Monika, die in ihrer Bewegung erstarrte.

«Was passt dir denn jetzt wieder nicht? Zuerst willst du nicht in einer Gruppe von No-Names laufen und nun nicht mit Marco. Entscheide dich gefälligst, was du willst. Und was hast du auf einmal gegen Marco? Schiesst er zu wenig Tore oder was?»

«Ich bin sein treuster Fan, das weisst du ganz genau. Es ist nur so … der ist voll austrainiert und läuft mir um die Ohren. Ich hab absolut keine Chance und kann mich nur blamieren.»

«Ah, darum gehts. Fettbauch will nicht mit Waschbrettbauch rennen.»

«Hm!»

«Das versteht sich doch von selbst, dass Marco nicht sein gewohntes Tempo mit dir durchziehen kann. Er soll ja Runde für Runde mit dir laufen. Am besten, ich rede nochmals mit ihm. Würde das den Herrn motivieren?»

Das klingt wie Musik in meinen Ohren. Ganz gemächlich, Runde für Runde mit Marco an meiner Seite. Wieso nicht?

«Wenn du Marco dazu kriegst, dass er ganz langsam mit mir läuft, bin ich einverstanden, Monika. Da wäre allerdings noch etwas …»

«Jetzt ist es aber genug, Francesco! Man könnte meinen, du seist der Superstar dieses Benefizlaufes.»

Bin ich doch auch! Zwei Schönheiten liegen mir zu Füssen, flehen mich an, daran teilzunehmen. Und die reichste Frau von Basel, wenn nicht der Schweiz, setzt sozusagen einen Preis auf meinen Kopf aus. Das alles spricht doch eine eindeutige Sprache.

«Hör sofort mit deinem überheblichen Grinsen auf, Ferrari!»

Oh, oh! Wenn Monika zu «Ferrari» übergeht, wird es ernst.

«Also, was sind deine weiteren Bedingungen, du Supersiech?!», höhnte Nadine und klopfte ihm augenzwinkernd auf den Bauch.

«Lass das! Meine Gage sind zweitausend Franken pro Runde. Wenn schon, denn schon. Wie lang ist eine Runde?»

«Vierhundert Meter.»

«Uff! Das ist aber viel. Hm … Also gut, zweitausend pro Runde, und wenn ich zehn Runden schaffe, muss Olivia ihren Einsatz verdoppeln.»

«Das wären ja vierzigtausend Franken!»

«Das bekommt Usain Bolt bereits, wenn er einen Fuss auf die Tartanbahn stellt.»

«Falls du es vergessen hast, du bist nicht Usain Bolt.»

«Stimmt, aber ebenso begehrt wie er.»

«Du bist unverbesserlich. Gut, ich spreche mit Olivia und du, Nadine, übernimmst Marco.»

Na also, geht doch – Sieg auf der ganzen Linie! Ferrari setzte sich zufrieden in den Wintergarten. Puma sprang zu ihm hoch und machte es sich auf seinem Schoss bequem. Ein wahrhaft historischer Tag. Ich habe die Emanzen gebändigt. Darüber hinaus erhält die Stiftung vierzigtausend Franken. Ein gutes Gefühl. Natürlich nur unter der Voraussetzung, dass ich die zehn Runden schaffe und nicht vorher am Tropf hänge. Das wird schon klappen, noch bleibt ja Zeit, um zu trainieren. Vor Ferraris geistigem Auge tauchte Yvo Liechti auf, keuchend und mit heraushängender Zunge, während er sich leichtfüssig mit Marco Streller unterhielt. Ein triumphierendes Lächeln umspielte seine Lippen. Genau so soll es sein. Was findet Nadine überhaupt an dem Kerl?

«He, Francesco!»

«Wie … was?»

«Olivia ist einverstanden. Sie freut sich sehr über deine Zusage.»

«Und Marco läuft zusammen mit dir im Schneckentempo», fügte Nadine hinzu.

«Wunderbar. Dann wäre es doch an der Zeit, dass ihr eurem Laufwunder ein Glas Wein kredenzt, um es bei Laune zu halten. Wann findet der Lauf eigentlich statt?»

«Übermorgen auf der Schützenmatte.»

Schlagartig wich jegliche Farbe aus Ferraris Gesicht, und was die Lust auf ein Glas Wein betraf, die war ihm gründlich vergangen.

2. Kapitel

Olivia Vischer hatte gerufen und tout Bâle war gekommen. Schauspieler, Künstler, Sportler, Promis und solche, die es gern wären, aus jeglicher Sparte. Und nicht zuletzt gaben sich Politiker aller Parteien beim Benefizanlass die Ehre. Alles in allem trugen rund dreitausend Besucher zu einer guten Stimmung bei, und auch das Wetter spielte mit.

«Starkes Outfit!»

«Haha! Das habe ich alles dir zu verdanken. Keine Sorge, ich werde mich bei der erstbesten Gelegenheit revanchieren. Im Klartext: Das kriegst du hundertfach zurück.»

«Hab dich nicht so, Francesco. Schliesslich bist du mein Ehrengast. Und wenn du mit Marco zusammen zehn Runden läufst, werde ich arm wie eine Kirchenmaus sein. Ah … da sind Monika, Nadine und Yvo. Komm, wir begrüssen sie.»

Olivia hängte sich bei Ferrari unter.

«Wo hast du denn die enge Hose her und erst das schreckliche T-Shirt?», zischte ihm Monika ins Ohr.

«Von unserem Urlaub auf Madeira.»

«Das war vor zehn Jahren! Da bist du längst rausgewachsen.»

«Blödsinn. Es spannt ein wenig in der Bauchgegend, aber sonst ist es ganz in Ordnung.»

«Wow! Echt stark dein Dress, Francesco. Auf dem Flohmarkt gekauft?»

Der Kommissär zog sich das knappe T-Shirt über den Bauchansatz, so gut es eben ging. Das habe ich nun von meiner Gutmütigkeit. Nichts als Spott. Ganz beiläufig trat er Yvo auf den Fuss.

«Oh, Entschuldigung! Ich habe dich gar nicht gesehen.»

«Schon gut, alter Freund. War wohl eine kleine Retourkutsche für meine Erzählungen aus unserer Schulzeit.»

«Im Bett wird Mann halt gesprächig.»

«Schön wärs. Sie ist nur mit mir essen gegangen.»

Gut zu wissen! Ehrlich gesagt, bin ich ziemlich erleichtert. Nadine könnte ja seine Tochter sein, na ja – fast. Zuweilen ist die Welt eben doch noch in Ordnung. Kaum gedacht, erstarrte Ferrari angesichts von Staatsanwalt Jakob Borer, der wie aus dem Ei gepellt im teuren Joggingdress grinsend vor ihm stand.

«Sie haben mir gerade noch gefehlt!», brummte der Kommissär missmutig zur Begrüssung.

«Na, wieder einmal schlecht gelaunt, Ferrari?»

«Solche Anlässe sind nichts für mich. Das ist doch Ihre Spielwiese mit all den Möchtegernpromis. Wer weiss, vielleicht können Sie hier sogar Stimmen für Ihre allfällige Wahl in den Nationalrat sammeln, oder kandidieren Sie gar für den Bundesrat?»

Borer winkte einem Mann mit schwarz gefärbtem Haar zu, Ferraris Seitenhieb schien er nicht gehört zu haben.

«Hallo, Herr Richter. Schön, dass Sie auch da sind … Das ist Verwaltungsratspräsident Richter von der Ancom.»

«Der EDV-Firma? … Er sollte sich die Haare besser färben.»

«Wie … was meinen Sie? Ah … sogar ein Bundesrat gibt uns die Ehre …», und schon liess er den Kommissär stehen.

«Wann beginnt der Mist?»

«In einigen Minuten. Und zieh das beschissene T-Shirt runter. Dein Bauch hängt unten raus. Schöner Chef!»

«Hm.»

Ferrari sah sich um. Eine erlesene Gesellschaft. Da würde Olivia im Nullkommanichts das Geld für den Kinderspielplatz zusammenkriegen. Wenn nicht durch den Lauf, dann mit Sicherheit durch das anschliessende Galadiner im Teufelhof. Ferraris Blick blieb an Yvo hängen. Ich gebe es ja äusserst ungern zu, aber er sieht für sein Alter verdammt gut aus. Bestimmt trainiert er mehrmals in der Woche in einem noblen Fitnessclub.

«Wie kommst du eigentlich dazu, Nadine unsere Kindheitserlebnisse brühwarm zu erzählen?»

«Ganz einfach, sie hat mich danach gefragt.»

«Aha! Und dann läuft dein Plappermaul einfach über. Ich werds mir merken.»

«Ein super Anlass», lenkte Yvo Liechti das Gespräch auf ein anderes Thema. «Das muss man Olivia lassen. Da ist so in etwa alles vorhanden, was in Basel Rang und Namen hat. Nadine hat mir erzählt, wir laufen zusammen mit Marco Streller. Ist das nicht toll?»

«Was heisst wir? Ich laufe mit ihm, nicht du!»

«Jetzt hör endlich mit deinem albernen Getue auf. Es ist beinahe wie früher.»

«Was heisst das nun wieder?»

«Du warst immer neidisch auf meinen Erfolg, vor allem bei den Frauen. Und bist es anscheinend heute noch.»

«Ha! Nur weil du mir Eliane vor der Nase weggeschnappt hast?! Dafür habe ich dir …»

«Was tuschelt ihr zwei da?»

«Wir … nichts, Monika. Gar nichts. Gehts dir gut?»

«Ja, sehr. Danke der Nachfrage. Ich freue mich riesig, Francesco in Kinderkleidern über die Bahn joggen zu sehen. Wie ein dicker Hase.»

«Oder wie eine der Figuren aus ‹Alice im Wunderland›.»

«Die sind noch harmlos im Vergleich zu meinem Mann, Nadine. Ich kanns kaum erwarten, bis Hase Hoppel neben dem durchtrainierten und gestylten Marco und dem weltmännischen und gut aussehenden Yvo seine Runden hoppelt. Danke Francesco, dass es dir heute wieder einmal gelingt, mich vor allen blosszustellen. ‹Wer ist denn der alte, fette Mann in den viel zu engen Kleidern neben Marco Streller und Yvo Liechti?› – ‹Mein über alles geliebter Gatte, Frau Regierungsrat … Nein, nein, fett ist er nicht, meine Liebe, nur trägt er normalerweise Konfektionsgrösse vierundfünfzig. Die Klamotten hat er sich beim Nachbarsjungen ausgeliehen.›»

«Du darfst dich einfach nicht bücken, sonst zerreisst deine Hose.»

«Das wäre die Krönung, Nadine. Dann kann ich mich nirgends mehr sehen lassen», entgegnete Monika besorgt.

«Eure liebevollen Bemerkungen muntern mich übrigens richtig auf.»

«Das hast du dir alles selbst zuzuschreiben.»

«Nun lasst doch den armen Francesco in Ruhe», versuchte Yvo die Gemüter zu beruhigen.

«Und wie gedenkst du anschliessend an die Gala zu kommen? Im Tutu?», Monika war nicht zu bremsen.

«Gala? Davon war nie die Rede.»

«Olivia hat uns eingeladen, aber du kannst dich vorher noch zu Hause umziehen. Wir sitzen mit Nadine, Yvo, Marco und seiner Frau an einem Tisch.»

«Aber ich …»

Monika zog ihn ausser Hörweite.

«Und wenn du dich nicht anständig anziehst oder auch nur eine Sekunde daran denkst, das Diner zu schmeissen, reisse ich dir den Allerwertesten auf. Du blamierst mich hier vor allen im höchsten Masse. Das kannst du nur noch mit einem absolut überzeugenden Auftritt heute Abend wettmachen, Schatzilein!»

Das «Schatzilein» hatte sie lächelnd und gut hörbar für alle in die Runde geworfen.

«Schon gut. Ich werfe mich in Schale. Und zieh nicht an meinem T-Shirt, es ist schon eng genug.»

Unter den Anfeuerungsrufen der Zuschauer drehten die ersten Läufer ihre Runden, während Marco Streller geduldig Autogramme gab. Tja, Berühmtheit verpflichtet eben. Nach knapp einer halben Stunde gab Yvo dem Kommissär ein Zeichen. Aha, jetzt sind wir bald an der Reihe. Gut so, ich bin froh, wenn ich es hinter mir habe.

«Zeigs ihnen, Francesco!», brüllte Monika von der Tribüne hinunter.

Doch kurz bevor sie starteten, rannte Nadine auf die Tartanbahn und zog den Kommissär zu sich.

«Sorry, ich brauche dich. Es gibt zu tun.»

«Nicht jetzt, Nadine. Ich muss zuerst die zehn Runden abspulen.»

«Dafür ist keine Zeit.»

«Wieso nicht?»

«Edgar Hasenböhler liegt tot in seiner Kanzlei!»

«Hasenböhler? Das ist doch einer von Olivias Anwälten. Unmöglich, Nadine, den habe ich eben noch hier gesehen, und zwar im Jogginganzug.»

«Peter ist absolut sicher, dass es Hasenböhler ist. Nun komm schon.»

«Sorry, Freunde. Ihr müsst ohne mich rennen. Die Pflicht ruft. Das holen wir ein anderes Mal nach.»

Ferrari zog sich eine Hose über.

«Hast du kein Hemd?»

«Nein, das habe ich zu Hause gelassen. Ich konnte ja nicht wissen, dass ausgerechnet jetzt ein Mord passiert.»

«Na prima! Du siehst aus wie ein Clochard. Peter wird seine Freude haben.»

Der Kommissär versuchte auf der Fahrt in die Innenstadt mehrmals, sein enges T-Shirt in der Hose zu verstauen.

«Vergiss es. Sei froh, dass es bis über den Bauchnabel reicht. Manchmal frage ich mich wirklich, was Monika an dir findet.»

«Hm! … Wohin fahren wir eigentlich?»

«Zur Maulbeerstrasse.»

«Wo ist denn die?»

«Oh, der Superbasler weiss nicht, wo die Maulbeerstrasse ist?»

«Ich kann mir schliesslich nicht alle Strassen von Basel merken. Oder kennst du jedes einzelne Gässchen in Bern?»

«Nein. Bloss tue ich nicht dauernd so, als wäre ich der beste Stadtkenner, den die Welt je gesehen hat.»

«Jaja. Also, wo genau ist die Maulbeerstrasse?»

«Hinter der Messe.»

«Stimmt! Jetzt fällts mir wieder ein. War da früher nicht die öffentliche Badeanstalt?»

Unwillkürlich dachte Ferrari an seine Kindheit. Es war eine schöne Zeit im Horburgquartier gewesen. Nur an die wöchentliche Waschzeremonie, die einige seiner in bescheidenen Verhältnissen lebenden Freunde über sich ergehen lassen mussten, erinnerte er sich ungern. Mangels eigener Dusche oder Badewanne suchten sie die öffentliche Badeanstalt auf. Ein einziges Mal war Ferrari mitgegangen. Allein der Gedanke an die Badekabine und die heissen Dämpfe trieb ihm den Schweiss auf die Stirn. Noch heute brachten ihn keine zehn Pferde in irgendein Dampfbad, geschweige denn in eine Sauna.

«Die gab es noch bis vor einem Jahr», riss ihn Nadine aus seinen Gedanken.

«Machst du Witze? Achtung …»

Blitzschnell zog Nadine das Lenkrad nach links und konnte am Erasmusplatz gerade noch rechtzeitig einem Lastwagen ausweichen.

«Arschloch! Hast du das gesehen?», schrie Nadine aufgebracht und hupte wie wild, was ihr vom Chauffeur den Stinkefinger eintrug.

Ferraris Kopf schlug leicht an der Fensterscheibe des Beifahrersitzes auf.

«Autsch! Kannst du nicht aufpassen?»

«Wieso ich?! Der Idiot wollte mir die Vorfahrt nehmen. So weit kommts noch.»

Ferrari kroch mühsam und mit zittrigen Beinen aus dem Porsche. An diesen Fahrstil werde ich mich nie gewöhnen.

«Weiche Schelle!», kommentierte Nadine und verschwand flugs im Hauseingang.

Wie man es nimmt. Der Kommissär sah sich um. Nicht unbedingt ein Ort, wo man die Kanzlei eines renommierten Anwalts vermutet. Zwar wirkte die Gegend nicht heruntergekommen, doch gutbürgerlich war definitiv anders. Verschiedene soziale Schichten unterschiedlicher Kulturen trafen aufeinander, was eine interessante Mischung versprach. Ganz in der Nähe, auf dem Gebiet des ehemaligen DB-Güterbahnhofs, war ein neues Stadtquartier mit über siebenhundert geplanten Wohnungen im Entstehen. Die erste Siedlung «Erlentor» mit zweihundertneununddreissig Wohnungen wurde vor rund fünf Jahren fertiggestellt, gefolgt von einem sorgfältig umgestalteten Spielplatz im 2011. Seither machte sich Stagnation breit, die nur langsam konkreten Visionen zu weichen schien.

«Worauf wartest du? Brauchst du eine schriftliche Einladung?», riss Nadine den Kommissär aus seinen Gedanken.

Brav trottete Ferrari nun hinter seiner Kollegin her. Im Parterre und im ersten Stock des Hauses hatte sich ein Fahrlehrer namens Höhner eingemietet, darüber befanden sich auf zwei Etagen die Kanzlei sowie die Dachwohnung des Anwalts. Ganz im Gegensatz zum ersten Eindruck auf der Strasse strotzte Hasenböhlers Wohnung nur so vor Luxus: grosszügiger Grundriss, hoher Ausbaustandard kombiniert mit edlen Materialien und teurer Einrichtung. Eine sicher erst vor Kurzem konzipierte Dachterrasse vermittelte zudem ein Wohngefühl der besonderen Art – eine Oase über der Stadt, die von niemandem eingesehen werden konnte.

«Nicht schlecht!»

«Das finde ich auch. Alles ist sehr geschmackvoll eingerichtet, und die Terrasse ist absolut spitze. Falls du die Leiche suchst, Hasenböhler liegt hinter seinem Schreibtisch. Peter ist mit seinem Team bereits bei der Arbeit.»

Ferrari trat zu Peter Strub, dem leitenden Polizeiarzt, der sich mühsam erhob.

«Puuh! Sauhitze … Wie siehst du denn aus, Francesco?»

«Ich musste ihn vom Joggen weglocken.»

«In dem Zeug? Das passt ja nicht einmal meiner fünfzehnjährigen Tochter. Wie bist du da überhaupt reingekommen?»

«Ich … das geht dich nichts an.»

«Wahrscheinlich mit einem Schuhlöffel. Ihr seid schon ein eigenartiges Völkchen, ihr Italiener. Immer voll auf Machogehabe, die Muckis spielen lassen und in viel zu engen Shirts herumlaufen. Fehlt nur noch das Gel im Haar. Sogar ein alter Sack wie du mit einem unübersehbaren Ranzen kanns nicht lassen.»

Ferraris Miene verdüsterte sich. Noch ein Wort und der alte Sack wird dir gleich die Eingeweide herausreissen.

«Lass ihn, Peter. Wir waren auf der Schützenmatte am Sponsorenlauf von Olivia. Francesco wollte für den Kinderspielplatz rennen.»

«Arme Monika …», murmelte Peter kopfschüttelnd und wurde nur dank des Umstandes, dass Nadine den Kommissär wegdrängte, vor einem Schlag in die Magengegend gerettet.

«Hört augenblicklich auf, und zwar beide!», donnerte Nadine.

«Der Leichenfledderer soll mich nicht weiter provozieren, sonst raste ich aus.»

«Jetzt ists aber genug. Was kannst du uns zum Mord sagen, Peter?»

Sicherheitshalber entfernte sich Strub aus Ferraris Reichweite.

«Er … er ist noch nicht lange tot.»

«Todesursache?»

«Mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit ein Schlag … das heisst mehrere Schläge mit dieser Statue», Strub hob einen Buddha verpackt in einem Plastikbeutel in die Höhe und sah vielsagend zu Ferrari, bevor er fortfuhr: «… jemand hat ihm von hinten den Buddha mehrmals übergezogen. Ich vermute, dass der erste Schlag noch nicht tödlich gewesen ist. Aber spätestens beim zweiten oder dritten war es vorbei. Natürlich wird die Obduktion noch Genaueres ergeben.»

«Woher weisst du, dass der Täter mehrmals zuschlug?»

«Bück dich zu mir hinunter, Nadine. Siehst du die Wunden? Es sind insgesamt drei, alle stammen vom Sockel der Statue. Vom ersten Schlag ist er ziemlich sicher überrascht worden, er drehte sich im Fallen noch um und wurde bereits vom nächsten, wohl tödlichen getroffen. Zur Sicherheit doppelte der Mörder nochmals nach. Willst du die blutigen Wunden auch sehen, Francesco?»

«Nein, danke!»

Strubs hämisches Grinsen übersah Ferrari geflissentlich. Nein, du provozierst mich nicht schon wieder. Diesen Gefallen tue ich dir nicht. Tatsache war, dass das ganze Kommissariat ihn verspottete, weil er absolut kein Blut sehen konnte. Auch die jahrzehntelange Erfahrung hatte daran nichts geändert. Eigentlich seltsam. Ferrari riskierte einen verstohlenen Blick über den Schreibtisch. Hasenböhler lag im Trainingsanzug auf dem Bauch vor einem Regal mit Akten. Genau in diesen Kleidern hatte ihn der Kommissär vor einer Stunde oder etwas mehr auf der Schützenmatte gesehen.

«Er nahm am Sponsorenanlass teil oder zumindest wollte er das. Ich bin sicher, dass er dort war.»

«Deshalb der Trainingsanzug und die Laufschuhe.»

«Ich habe ihn vor rund einer Stunde oder vielleicht auch anderthalb gesehen. Wer hat bei uns angerufen, Nadine? Und wann?»

«Eine Frau, ohne ihren Namen anzugeben. Sie rief um halb fünf an, sagte, Hasenböhler würde tot in seiner Wohnung in der Maulbeerstrasse liegen. Danach legte sie auf. Der Anruf kam aus einer Telefonzelle beim Badischen Bahnhof. Der diensthabende Beamte organisierte eine Streife und rief mich auf der Schützenmatte an.»

«Und zeitgleich wurden wir aufgeboten», bestätigte Strub.

«Der Mörder hat auf Hasenböhler gewartet.»

«Vielleicht hat er ihn auch auf der Schützenmatte angerufen, um ihn hierher zu locken.»

«Möglich ist auch, dass sein Lauf bereits vorbei war.»

«Kann sein. Das lässt sich problemlos feststellen.»

«Hat der Beamte etwas über die Frau gesagt? Die Stimme? Irgendein Dialekt? War es eine Deutschschweizerin oder eventuell eine Ausländerin?»

«Ich frage nach, Francesco.»

«Wenn ihr nichts dagegen habt, arbeiten wir weiter. Oder wollt ihr euch zuerst noch etwas umsehen?»

«Macht nur weiter, Peter. Wir können uns trotzdem umschauen.»

Die Wohnung war sehr sauber, fast schon steril. Auch in der Küche standen keine verschmutzten Teller oder Gläser herum. Nadine warf einen Blick in die Geschirrwaschmaschine. Zwei Teller, zwei Gläser, drei Pfannen und das Besteck dazu. «Hasenböhler scheint mit jemandem gegessen zu haben, wahrscheinlich gestern oder heute Mittag.»

«Vielleicht mit der Frau, die uns anrief.»

«Gesucht hat der Mörder nichts. Sonst wäre die Wohnung nicht so ordentlich.»

Strubs Leute hatten ihre Arbeit beendet.

«Den Bericht bekommt ihr im Laufe des Montags. Morgen sind wir nämlich bei meiner Schwiegermutter eingeladen. Sie feiert ihren Neunzigsten. Oder wollt ihr schon morgen früh einen Zwischenbericht?»

«Am Montag reicht, danke. Wir unterhalten uns nach der Gala, wenn die überhaupt stattfindet, mit Olivia Vischer. Sie kennt Edgar Hasenböhler seit Langem.»

«Okay, dann servus oder ciao, wie man bei dir zu Hause zu sagen pflegt.»

Nadine und der Kommissär standen auf der Terrasse. Hier lässt es sich durchaus leben. Eine leichte Brise kam auf. Die Abkühlung tat gut. Vor Kurzem lief der Anwalt noch in Sportkleidern durch die Gegend und jetzt befand er sich auf dem Weg ins Leichenschauhaus. So endlich ist das Leben. Carpe diem, ging es Ferrari durch den Kopf. Horaz hatte recht, der Mensch sollte das Hier und Jetzt, die knappe Lebenszeit geniessen und möglichst wenig auf morgen verschieben.

«Was sinnierst du?»

«Über die Endlichkeit des Lebens, Nadine.»

«Du meinst so im Stil von YOLO.»

«Von was bitte?»

«YOLO, das ist die Abkürzung für ‹you only live once›. Vor zwei Jahren wurde dieses Wort in Deutschland zum Jugendwort des Jahres gewählt.»

«Wirklich? Noch nie gehört. Aber es trifft den Nagel auf den Kopf. Wir leben nur ein einziges Mal, haben jetzt, hier und heute, die Chance, etwas daraus zu machen. Nur für Hasenböhler trifft das nicht mehr zu. So schnell kanns gehen.»

«Aber nur, wenn jemand nachhilft.»

«Ich … ich weiss nicht, ob wir den Fall übernehmen sollen.»

«Wegen Olivia? Glaubst du, dass sie darin verwickelt ist?»

«Nein, das nicht. Aber vielleicht andere, die wir … ich kenne.»

«Aha! Du meinst Personen aus dem Daig?»

«Aus Olivias Umfeld. Damals, als wir den Fall mit dem Wahrsager untersuchten …»

«… bei dem ich deinen Schulfreund Yvo kennenlernte.»

«Genau. Einige Zeit hatte ich Yvo in Verdacht.»

«Das wusste ich gar nicht.»

«Mein kleines Geheimnis. Wäre er es gewesen, ich hätte wahrscheinlich den Dienst quittiert. Irgendwann kommt so ein Fall. Da taucht ein Mörder aus meinem Bekannten- oder sogar aus meinem Freundeskreis auf. Was dann?»

«Dann musst du den Fall abgeben.»

«Kann ich das? Und vor allem, werde ich das?»

Nadine lächelte und schüttelte den Kopf.

«Nein, das werden wir nicht. Genauso wenig, wie wir diesen Fall abgeben. Abgesehen davon, dass es unser überaus geschätzter Staatsanwalt nicht zulassen wird.»

«Borer? Der sitzt doch bei jedem Fall, den wir untersuchen, auf glühenden Kohlen.»

«Nicht bei Hasenböhler. Olivia wird wünschen, dass du den Fall untersuchst.»

«Du meinst, dass wir den Fall untersuchen.»

«Nein, du! Ich bin nur deine kleine Assistentin.»

Wers glaubt. Ferraris Miene sprach Bände.

Der Fahrlehrer hatte weder jemanden gesehen noch etwas gehört. Er ging seit Stunden seiner Lieblingsbeschäftigung nach, der Pflege seiner Orchideen. Dafür hatte er sich eigens, in Absprache mit Hausbesitzer Hasenböhler, ein kleines Treibhaus im Garten bauen lassen. Wiederholt versuchte Ferrari das Thema zu wechseln, weg von den detaillierten Ausführungen über Orchideen und hin zum Fall.

«Herr Höhner, ist Ihnen gar nichts aufgefallen?»

«Nein, aber das sagte ich doch schon. Sind Sie wirklich ein Kommissär der Basler Polizei?»

«Sicher. Weshalb fragen Sie?»

«Och, nur so. Ich habe mir einen Kommissär ganz anders vorgestellt.»

«Wir kommen direkt von einem Benefizanlass.»

«Ach so, von einer Aufführung! Das ist natürlich etwas anderes.»

«Aufführung?», echote Ferrari.

«Ja, jetzt ist mir das mit dem zu engen T-Shirt klar. Sie spielen in einem Theaterstück mit, Herr Kommissär. Ist es ein Stück für Kinder?»

«Das ist doch …»

«Ganz richtig, Herr Höhner», übernahm Nadine lachend. «Der Kommissär spielt einen der Seeräuber bei Pippi Langstrumpf.»

«Herrliche Geschichte, Pippi Langstrumpf liebe ich. Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf. Einfach wunderbar. Ich habe leider keine Kinder. Wenn ich welche hätte, würde ich ihnen die Bücher von Pippi vorlesen und die Filme kaufen. Das gehört schlicht zur Allgemeinbildung. Ich kann Sie mir gut als Seeräuber vorstellen, Herr Kommissär. Das zu kurze T-Shirt passt hervorragend. Wahrscheinlich tragen Sie darunter noch kurze, löchrige Hosen. Das hat Stil.»

Krampfhaft versuchte Nadine einen Lachanfall zu unterdrücken.

«Wir wollen Sie nicht länger von Ihren Orchideen abhalten, Herr Höhner. Falls Ihnen noch etwas einfällt, hier ist meine Karte. Rufen Sie mich einfach an.»

«Gern. Nur, ich befürchte, dass ich Ihnen nicht helfen kann, Herr Kommissär. Schreckliche Sache, das mit Edgar. Er war der friedliebendste Mensch, den ich kenne. Immer und überall schlichtend. Eine Respektsperson. Das ist gerade hier in der Gegend wichtig, wo verschiedene Kulturen zusammenleben. Natürlich ist Multikulti, wie man so schön sagt, keine einfache Lebensform. Doch auf Edgar war Verlass. Er fand immer einen Konsens, wenns irgendwo Spannungen gab.»

«Zum Beispiel?»

«Der Gemüsehändler unten an der Ecke. Sein Geschäft ist bis spätabends geöffnet. Und wie das halt so ist, da läuft immer etwas. Ab und zu wird es selbst mir zu laut. Vor einem Monat wurde er angezeigt. Als die Polizei mit zwei Streifenwagen vorfuhr, ist er durchgedreht. ‹Wenn ich den erwische, der mich angezeigt hat, den bringe ich um!›, schrie er und warf mit Früchten nach den Beamten, die ihn beruhigen wollten. Tja, sie führten ihn dann in Handschellen ab.»

Ferrari stellte sich die Kollegen mit Bananenschalen beworfen vor. Ein herrliches Bild!

«Edgar liess ihn nicht hängen. Nach vierundzwanzig Stunden stand er wieder hinter dem Tresen. Inzwischen ist es etwas ruhiger geworden. Edgar liess sogar Flugblätter drucken und verteilte sie in der ganzen Strasse. Warten Sie, hier … ich habe noch eines.»

Auf dem Flugblatt bat Hasenböhler die Nachbarn in der Strasse um Verständnis für den Gemüsehändler. Ausserdem rief er jeden, der sich gestört fühlte, auf, sich bei ihm zu melden. Er würde sich dann der Sache annehmen, ohne dass jemand davon erfahre.

«Das ist nur eines von vielen Beispielen. ‹Gelebte Integration› nannte er seine Handlungsweise.»

«Lebte Hasenböhler allein?»

«Ab und zu besuchte ihn eine Frau, Frau Kommissärin. Ich bin ihr mehrmals im Flur begegnet. So um die vierzig. Sie ist mir aufgefallen, weil sie regelmässig gekommen ist. Alle anderen, meistens Geschäftsmänner, und ich vermute Klienten, sind höchstens zwei Mal hier gewesen. Aber sicher bin ich natürlich nicht. Ich weiss nicht einmal, was für ein Anwalt Edgar gewesen ist.»

«Spezialist für Finanzfragen», klärte ihn Ferrari auf.

«Deshalb die Geschäftsleute, alles klar. Ein Mal war sogar Olivia Vischer hier.»

«Sind Sie sicher?»

«Absolut sicher. Ganz Basel kennt doch Olivia Vischer. Ich war so etwas von platt. Die reichste Frau der Schweiz kommt einfach so zur Tür herein, fragt mich, wo sie Edgar Hasenböhler findet, und, ob Sie es glauben oder nicht, sie liess sich sogar von mir zu einer Tasse Kaffee einladen.»

«Und mit der Dame, die immer wieder kam, unterhielten Sie sich nicht?»

«Nein. Sie drehte sich immer zur Seite, murmelte etwas wie ‹Guten Tag› und ging rasch die Treppe zu Edgar hoch.»

Ferrari notierte sich: Mails von Hasenböhler überprüfen. Den PC hatte ja Peter mit seinem Team sichergestellt. Vielleicht gab es irgendwelche Hinweise auf die unbekannte Frau. Zudem muss ich unbedingt Olivia nach ihr fragen.

«Eine grosse Hilfe bin ich Ihnen wohl nicht.»

«Vielleicht fällt Ihnen noch etwas ein. Rufen Sie uns einfach an.»

«Mach ich. Und weiterhin viel Spass, Herr Kommissär.»

Ferrari schaute ihn fragend an.

«Na, beim Theaterspielen meine ich. So ein Seeräuber ist schon eine tolle Sache! Das gefällt den Kleinen.»

«Hör auf zu lachen!»

«Wenn ich das Monika erzähle … Übrigens, die Seeräuber bei Pippi sind nicht gerade die Hellsten.»

«Jaja, schon gut. He, wohin fahren wir eigentlich?»

«Zu dir nach Hause. Oder glaubst du wirklich, dass ich noch länger mit einem Laienschauspieler im zu kurzen Unterleibchen unterwegs sein will, dem der Ranzen über den Gürtel hängt?! Sexy ist definitiv anders.»

«Hm.»

Der Galaabend mit herrlichem Bankett im Teufelhof war ein Erfolg. Für das Wohl der rund einhundert Gäste, die pro Person fünfhundert Franken bezahlen mussten, sorgte ein bekannter Spitzenkoch mit einem Menü, das sich wie ein Gedicht las. Roher Fenchelsalat mit geräucherter Entenbrust und karamellisiertem Pfirsich; Erbsencremesuppe mit Estragon; Zucchiniblüten gefüllt mit Petersfisch, Pfifferlingen und Safranfumet; mit Kümmel gebratene Schweinsrippchen, Schalottenbuchteln und Sommerbohnen; Beeren mit Balsamessig, Limettensorbet und Basilikum; Friandises. Dazu wurde ein Pinot noir «Eichholz» 2009 gereicht.

Zwischen den Gängen zeigte ein Magier seine Künste, und nach dem Dessert stand ein virtuoses Klavierkonzert auf dem Programm. Einfach herrlich. Ferrari genoss den Abend in vollen Zügen, wenngleich seine Gedanken immer wieder zum Toten schweiften. Vermutlich würde Edgar Hasenböhler jetzt auch hier unter den illustren Gästen sitzen, würde reden, lachen, hätte vorzüglich gegessen und einen erlesenen Wein getrunken, wenn … Ja, wenn das Wörtchen «wenn» nicht wäre. Aus unzähligen Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten, die uns das Leben bietet, wurde eine zur brutalen Realität. Der Tod, unumgänglich und definitiv, ist das Ende des irdischen Lebens und erinnert uns immer wieder aufs Neue an die Vergänglichkeit aller Dinge. Vom Nachbartisch drang ein herzhaftes Lachen zu ihnen herüber. Der Kommissär blickte sich um, mit Ausnahme von Monika, Olivia, Staatsanwalt Jakob Borer sowie des Vorstehers des Justiz- und Sicherheitsdepartements wusste niemand von dem tragischen Ereignis. Ahnungslos feierten sie und lebten nach Horaz’ Worten. Und eigentlich war das ganz gut so. Auch Nadine amüsierte sich, sie schäkerte ganz ausgelassen mit Yvo.

«Da scheint sich etwas anzubahnen.»

«Der ist doch viel zu alt für sie», flüsterte Ferrari seiner Partnerin zu.

«Quatsch! Sie steht halt auf reife, gut aussehende Männer … ohne Wampe.»

Beleidigt drehte der Kommissär den Kopf zur Seite. So ein Wirbel wegen zwei, drei Kilos zu viel. Eigentlich war er doch ganz gut beieinander, zumindest für sein Alter.

«Du siehst natürlich auch gut aus, mein Schatz. Du solltest öfters deinen schwarzen Anzug tragen», fügte Monika hinzu.

«Hm!»

«Ehrlich. Dein kleines Bäuchlein stört mich nicht. Darauf steh ich sogar.»

Sie tätschelte ihm den Bauch.

«Hör auf damit. Die Leute beobachten uns.»