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Dani von Wattenwyl

Die Patriotenlüge

Thriller

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Alle Rechte vorbehalten

ISBN der Printausgabe 978-3-7245-1792-4

www.reinhardt.ch

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Inhalt

Kapitel 1: Wohnblocksiedlung, Baumgartenallee 12, Luzern

Kapitel 2: Schweizer Nachrichtendienst, Spezialabteilung PRIOS, Bern

Kapitel 3: San Luca, kalabrisches Bergdorf in Italien

Kapitel 4: Schweizer Nachrichtendienst, Spezialabteilung PRIOS, Bern

Kapitel 5: Luzern, ganz in der Nähe vom Restaurant «Tell»

Kapitel 6: Bern, Bärenplatz, Café Fédérale

Kapitel 7: Bern, Innenstadt, Restaurant Pizzeria «Da Roberto»

Kapitel 8: Bern, Hotel «Schweizerhof», Zimmer 127, 14:08

Kapitel 9: Am nächsten Tag, Sursee, Stadtverwaltung

Kapitel 10: Bern, Lorraine-Quartier

Kapitel 11: Bern, Lorraine-Quartier, Quertiergasse

Kapitel 12: Bern, am Bärengraben

Kapitel 13: Bern, irgendwo auf dem Land

Kapitel 14: Bern, Innenstadt, Restaurant «Harmonie»

Kapitel 15: Bern, Abteilung PRIOS, Abhörsicherer Raum (Aquarium)

Kapitel 16: Bern, Lorraine-Quartier

Kapitel 17: Bern, Abteilung PRIOS, Büro von Maximilian Frech

Kapitel 18: Bern, Tierpark Dälhölzli

Kapitel 19: Bundeshaus, Abteilung PRIOS, Büro von Maximilian Frech

Kapitel 20: Bern Bundeshaus, Abteilung PRIOS, Büro von Denis Benz

Kapitel 21: Bern, Autobahn Richtung Berner Oberland

Über den Autor

Dani von Wattenwyl im Friedrich Reinhardt Verlag

Kapitel 1: Wohnblocksiedlung, Baumgartenallee 12, Luzern

Walter zog vor dem grossen Spiegel sein Jackett stramm und strich mit der rechten Hand über die letzten Falten, die sich in seiner neuen marineblauen Uniform gebildet hatten. Dass diese stark der Uniform eines amerikanischen Marineoffiziers glich, war kein Zufall. Schon immer war er der Meinung gewesen, dass die Amerikaner die schönsten Galauniformen hatten. Darum nahm er eine solche auch als Vorbild für seine Uniform: edles marineblaues Jackett mit Goldknöpfen, roter Saum und zwei breite Brusttaschen mit sorgfältig eingearbeiteten Falten, links über der Brusttasche viele bunte Auszeichnungen, rechts ein goldenes Namensschild. Ein breiter, weisser Ledergurt mit einer auf Hochglanz polierten Goldschnalle rundete die Illusion eines hohen Militärs ab. Die Hosen, die er sich in derselben Farbe hatte anfertigen lassen, waren auf den Seiten mit je einem drei Finger breiten, bordeauxroten Streifen aus Samt versehen, der sich von der Hüfte bis zum Saum zog. Einzig die Schuhe hatte er sich nicht speziell anfertigen lassen, aber seine neuen schwarzglänzenden Halbschuhe passten trotzdem perfekt zum Outfit.

Mit einem selbstverliebten Lächeln betrachtete er sich im Spiegel. Ihm gefiel, was er sah. Vor im stand ein strammer Soldat, ein Offizier seiner selbsternannten Armee «Wächter der Schweiz». Die Uniform war eine Spezialanfertigung, die er sich von einem Schneider für teures Geld hatte machen lassen. Gerade eben war sie ihm nach Hause zugestellt worden.

Erneut strich er sich mit der flachen Hand über die bunten Fantasieauszeichnungen und Goldknöpfe, die der Uniform eine ebenso edle wie starke Ausstrahlung verliehen. Auf seinen Schultern prangten breite, bordeauxrote Epauletten aus Filz, die mit je drei breiten, goldenen Streifen versehen waren. Er hatte sich selbst den Rang eines Obersts verliehen. Walter verzog für einen kurzen Moment das Gesicht. «Vielleicht hätte ich mir doch den Rang eines Generals verleihen sollen», sagte er leise vor sich hin, während er sanft über die goldenen Streifen auf der Schulter strich. Nachdenklich blickte er in den Spiegel, verharrte einen Moment in dieser Position und schüttelte nach kurzem Überlegen den Kopf. «Sei nicht ungeduldig, Soldat, alles zu seiner Zeit!» Er zeigte mit seinem Finger auf den Spiegel. «Ihre Beförderung zum General steht schon kurz bevor, niemand sonst in unserer Armee ist geeigneter als Sie, Herr Oberst. Aber wie Sie selbst wissen, kann der General nur im Kriegsfall ausgerufen werden, und noch ist es nicht so weit. Aber es steht ausser Frage: Sie werden mit Ihren vierunddreissig Jahren der jüngste General in der Geschichte unserer Armee sein und Sie werden unser Land wieder zu Ehre, Ruhm und Würde führen.» Plötzlich wurde Walters Gesichtsausdruck ernst. Mit angriffslustiger Miene salutierte er sich selbst vor dem Spiegel und verharrte einen Moment lang in dieser Position. Nachdem er den Vorgang ein paar Mal wiederholte, fing er erneut an zu grinsen. Er gefiel sich. Alles passte perfekt. Walter hatte an nichts gespart, nur die besten Stoffe und Materialien waren gerade gut genug. Der Aufwand hatte sich gelohnt, er war zufrieden mit seinem Ebenbild im Spiegel. Der Schneider hatte gute Arbeit geleistet.

Er zog das schwarze Barett tiefer in die Stirn und rückte die darauf angebrachte goldene Medaille wieder gerade. Auch die Medaille war eine Sonderanfertigung. Auf sie war er besonders stolz, denn er hatte das Logo selbst entworfen. Vor einem Schweizer Kreuz kreuzten sich zwei Schwerter, die durch einen Totenschädel gestossen wurden.

Walter hiess mit Nachnamen Steiner. Er war vierunddreissig Jahre alt, ledig und Einzelkind. Mit seinen ein Meter vierundsechzig war er eher ein kleiner Mann mit keiner sonderlich sportlichen Figur. Seine Arme waren für seine Begriffe etwas zu lang, seine Beine hingegen zu kurz. Oft kaufte er sich zu grosse Schuhe, da er wegen seiner Schuhgrösse siebenunddreissig schon öfter in die Kinderabteilung geschickt wurde. Eine der grössten Demütigungen, die er je erlebt hatte. Seine nahe beieinander stehenden braunen Augen, welche neben einer kleinen Stupsnase tief in den Augenhöhlen sassen, verliehen ihm einen aggressiven und unheimlichen Ausdruck. Ein Umstand, unter dem er vor allem in der Pubertät gelitten hatte, denn die Mädchen liessen ihn immer abblitzen. Mittlerweile hatte sich Walter damit abgefunden, dass er noch nie eine richtige Freundin hatte. Seiner Meinung nach war es Bestimmung, denn das Schicksal hatte Grösseres mit ihm vor. Frauen würden ihn nur ablenken. Wenn er mal Sex brauchte, dann ging er zu einer Prostituierten, was aber sehr selten vorkam. Er gab sein Geld lieber für Waffen und Uniformen aus. Seine braunen Haare hatte er rundherum kurz geschoren, seinen Scheitel immer präzise und sorgfältig auf die linke Seite gekämmt. Dadurch stachen seine kleinen, etwas zu tief sitzenden Ohren noch mehr heraus, was ihn aber nicht störte. Walter wäre gerne blond gewesen, quasi arisch. Er hatte sich sogar mal die Haare blond gefärbt, aber da es an ihm nur lächerlich aussah, fand er sich mit der Tatsache ab, braune Haare zu haben.

Walter, der seinen Namen hasste, weil er so schrecklich altmodisch klang, wuchs in schwierigen Verhältnissen auf. Sein Vater haute kurz nach seiner Geburt ab und liess ihn und seine Mutter allein. Er meldete sich nie wieder und irgendwann hörte Walter auf, seine Mutter zu fragen, wer denn sein Vater sei und warum er nicht mehr nach Hause käme. Weil seine Mutter viel arbeiten musste, damit sie etwas Geld hatten, wurde er ein typisches Schlüsselkind. Er war viel alleine und lernte dadurch schon früh selbstständig zu leben. Trotz bestandener Matura wollte er nicht studieren. Das fand er zu langweilig. Er wollte Geld verdienen und das Leben entdecken. Von Beruf war er Kaufmann. Zumindest nannte er sich Kaufmann, obwohl er nie eine Ausbildung in diese Richtung gemacht hatte. Er hatte viele Berufe ausprobiert, doch er hielt es nie lange in einem Job aus. Walter tat sich mit Autoritäten schwer, weshalb er sich auch immer wieder mit seinen Vorgesetzten verkrachte. Niemand hatte ihm vorzuschreiben, was er zu tun oder zu lassen hatte, denn er war ein Leadertyp. Dessen war er sich sicher. Er vertrat die Meinung, dass Menschen entweder als Führertypen oder als Handlanger geboren werden. Er war ein Führertyp, ihm war es nicht bestimmt, sich irgendwo unterzuordnen.

Nachdem er vor zwei Jahren erneut seine Arbeitsstelle als Verkäufer in einem Elektrogeschäft wegen seiner Aufmüpfigkeit verloren hatte, entschied er, sich selbstständig zu machen. Er versuchte es als Programmierer und Computerdoktor. Da er ein Computerfreak war, drängte sich diese Idee förmlich auf. Immer wieder wurde er von Verwandten oder Bekannten um Hilfe gebeten, wenn es darum ging, einen Computer von seinen Viren oder Macken zu befreien. Walter sah darin eine Marktlücke. Denn wenn es schon in seinem Umfeld so viele Menschen gab, die nicht mit dem Computer klarkamen, dann gab es sicher noch etliche andere Menschen, die mit ihrem Computer überfordert waren. Doch die Idee konnte nicht umgesetzt werden. Niemand interessierte sich für seine selbst kreierte Website, auf der er seine Dienste anbot.

Dann spekulierte er eine Weile lang von zu Hause aus an der Börse. Auch das ging schief. Schon bald hatte er seine kleinen Ersparnisse verloren. Schliesslich entdeckte er durch eine Anzeige in der Zeitung ein neues Geschäftsfeld: den Vertrieb von Werbeartikeln per Internet. Walter stieg in dieses virtuelle Vertriebsgeschäft ein und zum ersten Mal seit seinem Entschluss zur Selbstständigkeit verdiente er etwas dabei. Er hatte sich auf den Vertrieb von Kugelschreibern spezialisiert. Seine Idee, statt Visitenkarten Kugelschreiber mit Name, Telefonnummer und Mailadresse zu verschenken, kam in der Geschäftswelt gut an. Ein paar kleinere Unternehmen zählten seit einem Jahr zu seinen Stammkunden und bescherten ihm ein regelmässiges, kleines Einkommen. Zwar wurde er damit nicht reich, doch er konnte davon leben, seine kleine Zweizimmerwohnung am Stadtrand von Luzern bezahlen und seinem teuren Hobby nachkommen: Waffen und Uniformen.

Walter war ein typischer Einzelgänger. Wenn er nicht gerade ein paar Kugelschreiber per Mausklick verkaufte, spielte er aggressive Kriegsspiele am Computer, polierte seine Waffensammlung oder bastelte an seiner noch nicht freigeschalteten Website. Auf seine Website war er besonders stolz. Walter hatte jahrelang Artikel und Bücher über Ausländerströmungen, Migrationen und radikale Religionen gelesen und gesammelt und Aussagen oder Ansichten, die ihm gefielen, auf diese Seite gestellt. Über die Jahre hatte er ein beachtliches Archiv von radikalen Denkanstössen und Ansichten zum Thema Ausländer und Islamisierung des Westens zusammengetragen. Je mehr Artikel darauf abgespeichert wurden, desto radikaler wurden auch seine Ansichten. Walter spielte sich immer wieder bei Stammtischrunden als Experte auf und beeindruckte nicht selten seine Streitgegner und Zuhörer mit seinem breiten Allgemeinwissen. Oft trieb er seine Gegner mit Statistiken und Zahlen in die Enge, die er irgendwo einmal aufgeschnappt und auf seiner Website archiviert hatte. Er tat dies stets mit einer solchen Überzeugungskraft, dass er immer als Sieger aus diesen Diskussionen hervorging. Mittlerweile kannte er die Statistiken und Zahlen in- und auswendig. Walter mischte sich nur selten unter das Volk. Aber wenn er mal aus seiner Wohnung ging, dann setzte er sich ganz bewusst in Kneipen, wo noch Schweizer Werte gelten. Das Restaurant «Tell» mitten in Luzern war so eines.

Walter mochte Ausländer noch nie. Der Umstand, dass er wegen des bescheidenen Einkommens seiner Mutter in einem Quartier mit hohem Ausländeranteil aufwuchs, machte ihn schon früh zu einem Skeptiker der Migrationspolitik. Mit den Jahren wandelte er sich von einem Skeptiker zu einem ausländerfeindlichen Bürger. Mittlerweile hasste Walter die Ausländer. Sie waren an allem schuld. Seine Zahlen und Fakten liessen dabei keinen Zweifel offen. Er war auch sehr unzufrieden mit seiner Regierung, denn die schaute seiner Meinung nach bloss zu, wie die Islamisten aus dem Nahen Osten, Nordafrika und dem Balkan unser Land überrannten und einnahmen. Er konnte nie verstehen, warum seine Regierung ihn und seine Schweiz im Stich liess. Schliesslich hatte er viel für sein Land getan. Er hatte seinen Militärdienst geleistet, zahlte Steuern und war ein geachtetes Mitglied der Gesellschaft. Aber Walter hatte für die aktuelle Situation eine Erklärung: die Frauen! Ihm war schon immer klar, dass eine Frau nichts in der Politik zu suchen hatte. Eigentlich hatten seiner Meinung nach Frauen sowieso nichts in der Arbeitswelt zu suchen. Frauen sei es nicht bestimmt, zu führen und Entscheidungen zu treffen, demonstrierte er Dutzende Male auf seiner Website mit Beiträgen, die seine radikale Ansicht untermauerten. Und seit die Schweiz so viele Frauen im Bundesrat hatte, sah sich Walter erst recht darin bestätigt, wie schlecht sein Land geführt wurde.

Trotz seines mittlerweile tief verankerten Hasses gegen die Ausländer und Politiker dieses Landes, fiel Walter in der Gesellschaft nicht besonders auf. Geschickt tarnte er seinen radikalen Kern mit einem unauffälligen Wesen und zurückhaltendem Verhalten. Wahrscheinlich trug der Umstand, dass er nicht besonders mutig und selbstbewusst war, auch noch dazu bei, dass er als Mensch nicht sonderlich wahrgenommen wurde. Aber genau dieser Umstand, der ihn schon früh zu einem isolierten Aussenseiter gemacht hatte, spielte ihm nun alle Trümpfe in die Hand. Zudem war Walter enorm vorsichtig. Seine beachtliche Waffensammlung hatte er über Jahre anonym zusammengestellt. Die Website war noch nicht freigeschaltet. Und wenn er sich an Menschen wenden musste, wie im Fall der Uniform, dann hatte er für das, was er tat, immer eine passende Erklärung parat. Walter hielt sich für intelligent, viel intelligenter als die meisten Menschen. Darum verstand er auch die komplexen Zusammenhänge zwischen Börsen- und Währungsstürzen und dem Islam und den Ausländern. Aber er wusste, dass er sich noch in Geduld üben musste. Die Menschen waren noch nicht bereit, die Augen aufzumachen und den Tatsachen ins Gesicht zu schauen. Noch verstanden sie die Gefahr nicht. Aber es sollte nicht mehr lange dauern, denn es war seine Aufgabe, den Menschen wieder jene Werte zurückzugeben, die ihnen die Islamisten und Ausländer in einem geschickten und gut durchdachten, schleichenden Prozess genommen hatten.

Als sich Walter so selbstverliebt im Spiegel betrachtete, kam ihm plötzlich eine Idee. Abrupt drehte er sich um, schritt eilig zu seinem Wandschrank und öffnete ihn. Behutsam zog er seine neuen Uniformhosen etwas nach oben und ging in die Knie. Mit ein paar geschickten Griffen löste er die Bodenplatte vom Schrank und legte sie zur Seite. Unter der Platte kam sein Waffenarsenal zum Vorschein. Er hatte drei Maschinengewehre, eine 9-mm-Maschinenpistole und vier normale Pistolen. Neben den Waffen, die sorgfältig in eine selbst gebastelte Halterung eingelassen waren, befanden sich mehrere Schachteln Munition und vier Handgranaten. Beim Anblick seiner Sammlung huschte Walter ein stolzes Lächeln über die Lippen. Er liebte seine Waffen. Allesamt waren sie Präzisionswaffen und schwer zu kriegen. Am längsten hatte er auf die STEYR AUG gewartet, ein Sturmgewehr, das die österreichische Armee verwendet. Zwar war eine STEYR AUG nicht mehr die modernste Waffe auf dem Markt und man konnte sie in einer abgeänderten Version legal beziehen, aber die Armeeversion mit Schnellfeuer war sehr schwer zu beschaffen. Ihre spezielle Form, das Magazin, das im Schulterhalfter eingesteckt wurde, das integrierte Zielfernrohr und nicht zuletzt ihre Feuerkraft hatten es Walter besonders angetan. Er hatte noch nie mit ihr geschossen, denn es war nicht legal, eine solche Waffe zu besitzen. Aber er war sich sicher: Irgendwann einmal würde er dazu kommen. Freudig griff er nach der Waffe und kehrte zum Spiegel zurück. Am Spiegel angekommen, schulterte er das Gewehr und zielte auf den Spiegel. Walter beobachtete sich ganz genau, wie er mit der Waffe aussah. Er gefiel sich. Ein Lächeln zuckte über sein Gesicht. Wie immer, wenn er eine Waffe in Händen hielt, fühlte er sich stark und unbesiegbar. Eine wohlige Ruhe breitete sich in ihm aus. Walter prüfte kurz das Magazin. Es war voll. Alle Magazine seiner Waffen waren immer voll. Das hatte er in der Rekrutenschule gelernt: immer bereit sein. Es gab nur wenige Dinge, an die er sich gerne aus seiner Zeit in der Rekrutenschule erinnerte, denn man hatte ihn trotz all seiner Bemühungen nicht für die Karriere eines Offiziers vorgeschlagen. Walter hatte lange daran zu kauen, schliesslich hatte er für seine Schweizer Armee gelebt. Nie hätte er gedacht, dass sie ihm in seiner Offizierskarriere im Weg stehen würden. Ursprünglich war es seine Absicht gewesen, zum Berufsmilitär zu gehen. Doch als sein Traum aufgrund der ausgebliebenen Nominierung zum Offizier ein jähes Ende fand, entschied er sich, der Armee den Rücken zu kehren.

Geschickt zog er das Magazin aus dem Schaft, warf einen Blick hinein, klopfte es routiniert zweimal gegen die Innenhand und setzte es wieder ein. Anschliessend lud er mit einem kurzen Ziehen am Ladestift die Waffe. Sofort setzte er sie wieder an die Schulter, legte den Kopf gegen den Schaft, um durch das Zielfernrohr zu spähen, und kniff dabei ein Auge zu. Wie er es gelernt hatte, suchte er sich einen sicheren Stand, atmete ruhig und öffnete das zusammengekniffene Auge wieder. Sein Finger, der bislang in gestreckter Haltung auf dem Ladeschaft auflag, bewegte sich langsam zum Abzug. Walter verspürte plötzlich grosse Lust abzudrücken. Nicht weil er sein Ebenbild im Spiegel sah, sondern weil er endlich einmal mit seiner Waffe schiessen wollte. Er sehnte sich danach, den Rückstoss zu spüren, den Geruch von verbranntem Schiesspulver in der Nase zu haben, den Knall zu hören und schliesslich die Zerstörung, die er angerichtet hatte, zu sehen. Sein Herz fing schneller zu schlagen an. In ihm keimte eine unglaubliche Lust, Gebrauch von seiner Waffe zu machen. Im Moment verspürte er den Drang, die Waffe nicht nur zu besitzen, sondern sie auch anzuwenden. Was bringt es mir, meine Waffen im Schrank zu haben, sie jeden zweiten Tag auseinander zu nehmen, zu putzen und wieder zusammenzusetzen, wenn ich nicht damit schiesse? Der Sinn und Zweck einer Waffe ist doch zu schiessen, zu zerstören und zu töten! Nervös zuckte sein Finger am Abzug. Das Gefühl, zu wissen, dass diese todbringende Waffe seinem Willen gehorchte, gab ihm tiefe Befriedigung. Es kam ihm fast schon so vor, wie wenn ihn die Waffe förmlich darum anbettelte, dass er den Abzug betätigte. Walter suchte sachte den Druckpunkt des Abzugs, also jenen Punkt, wo der Abzug keinen Spielraum mehr hatte. Er hatte ihn gefunden, der Abzug gab nicht mehr nach. Jetzt wären es nur noch Millimeter, ein kleines Zucken seines Fingers und ein Schuss würde sich lösen. Falls er auf Automatik umstellen würde, könnte er sogar sein Magazin in nur wenigen Sekunden mit einer todbringenden Salve leeren. Walter stellte sich gerade vor, dass er zusammen mit anderen Kameraden in Afghanistan ein Haus durchsuchen und sie Feindkontakt haben würden. Er wäre der Anführer der Gruppe und nur durch sein schnelles, kühnes und präzises Handeln wären sie dem sicheren Tod entkommen. Walter spürte, wie sich eine Erregung in ihm breit machte, die er bis dahin nur verspürte, wenn er scharf auf eine Frau war. Er genoss dieses Gefühl und beobachtete seinen Blick im Spiegel ganz genau. Aus seinen Augen sprach eine absolute Kompromisslosigkeit. Er war sich sicher: Wer ihm in einem solchen Moment begegnen würde, hätte keine Überlebenschance.

Er verharrte einen Moment in dieser beobachtenden Position, bis die Wirkung, die dieses Bild auf ihn hatte, nachliess. Enttäuscht atmete er tief durch. Ihm wurde schlagartig klar, dass er wieder in die Realität seiner Zweizimmerwohnung am Stadtrand von Luzern zurückgekehrt war. Er hasste diesen Moment, er hasste sein Leben. Er war ein Kämpfer, ein Soldat mit aussergewöhnlichen Fähigkeiten, ein intelligenter Stratege, eine Tötungsmaschine, die für den Krieg erschaffen wurde, und kein Mann, der mit Kugelschreiber, die er über das Internet verkaufte, sein Geld verdiente. Eine grosse Wut gegen den Staat und die Armee stieg in ihm hoch, hatten diese doch verhindert, dass er nicht als hochdekorierter Soldat in Krisengebieten im Einsatz stand. Nachdem er sich wieder etwas gefasst und seine Wut, wie schon viele Tausend Male, hinuntergeschluckt hatte, entlud er routiniert seine Waffe. Das Gewicht des Sturmgewehrs und seine plötzliche Ernüchterung liessen seinen rechten Arm mit der Waffe schwer nach unten fallen. Erneut blickte er sich im Spiegel an, doch das Bild, das er jetzt sah, gefiel ihm nicht. Er stand von Angesicht zu Angesicht mit einem Typen, der in einer Fantasieuniform, mit leerem Blick sich selbst etwas vormachte. Den Lauf der Waffe lustlos zu Boden gerichtet, hatte sie für ihn jegliche Erotik verloren. Walter schüttelte langsam den Kopf. «Was ist nur aus dir geworden?!» Er zeigte mit dem Finger auf sich. «Schau dich nur an! Schau dir an, was sie aus dir gemacht haben, alle diese Ausländer und linken Politiker!» Plötzlich kehrte die Kampfeslust in sein Gesicht zurück. «Aber mich kriegt ihr nicht klein, bei mir funktioniert eure perfide Gehirnwäsche nicht! Ich bin bereit für euch und ich versichere euch Bastarden, an mir werdet ihr scheitern! Dank mir werden wir wieder eine Schweiz haben, wie sie sein sollte! Alle Schweizer werden mir dafür dankbar sein, dass sie durch mich die Erlösung aus diesem Übel, diesem Sumpf von Orientierungslosigkeit und Niederträchtigkeit erfahren durften! Ich werde in die Geschichte eingehen!» Walter stand stramm vor dem Spiegel und salutierte sich zu. So gefiel er sich! Jetzt ging es ihm wieder besser. Zufrieden lächelte er sich zu.

Plötzlich riss ihn das Klingeln seines Telefons aus dem Trancezustand. Er drehte seinen Kopf zur Telefonstation und überlegte, ob er das Klingeln ignorieren sollte. Wahrscheinlich war es wieder seine Mutter, die einfach mal Hallo sagen wollte, wie jeden Tag. Wer sollte es sonst sein? Walter hatte keine wirklichen Freunde. Er blickte kurz auf seine Uhr, es war zehn Uhr dreissig. Er stöhnte entnervt vor sich hin. Er hatte seiner Mutter bestimmt schon tausend Mal erklärt, dass sie nicht vor zwölf Uhr anrufen sollte, weil er arbeiten musste. Doch sie hielt sich nie daran. Leicht angesäuert, lief er zum Telefon, legte sein Sturmgewehr auf die bereits zerschlissene, blaue Stoffcouch und prüfte das Display. Wie er richtig vermutet hatte, war es seine Mutter. Er atmete kurz durch und nahm das Gespräch entgegen.

«Guten Morgen, Mama.» Walter betonte das Wort «Morgen» bewusst mit einem etwas schärferen Unterton.

«Guten Tag, mein Junge, wie geht es dir?»

«Danke, seit gestern hat sich nichts Grosses in meinem Leben verändert.» Walter nahm sein Barett vom Kopf und liess sich schwer in das Sofa fallen.

«Und wie geht es dir?»

«Ach, du weisst ja, meine Hüfte. Die macht mir noch immer Probleme. Eigentlich habe ich gedacht, dass mein Leiden nach der Operation endlich aufhört, aber zurzeit habe ich das Gefühl, dass alles nur noch schlimmer wird.» Sie stöhnte hörbar in die Sprechmuschel. «Aber so ist das eben. Mit uns armen Leuten kann man das ja machen. Wenn man nicht erster Klasse versichert ist, pfuschen die Ärzte doch nur rum!»

Walter verdrehte die Augen. Er kannte diesen Vortrag nur allzu gut. Seine Mutter wurde vor zwei Jahren an der rechten Hüfte operiert und seitdem sprach sie mindestens einmal am Tag von dieser Operation. Oft hatte er das Gefühl, dass sie damit nur um Aufmerksamkeit buhlte, denn seit ihrer Pensionierung vor drei Jahren wusste sie sich nicht mehr so richtig zu beschäftigen. Damit geriet auch Walter mehr in ihren Fokus. Sie war einsam.

«Mama, ich bin sicher, deine Hüfte wird sich schon bald wieder erholen. Du weisst ja, wir Steiners lassen uns nicht unterkriegen.» Sie lächelte.

«Da gebe ich dir recht, wir sind eine Kämpfernatur. Wie geht es mit der Arbeit?»

Ein Stich fuhr Walter durchs Herz. Er hatte ihr nie im Detail erzählt, worin seine Arbeit bestand, denn er wollte, dass seine Mutter stolz auf ihn wäre. Als er ihr damals erzählte, dass er als Selbstständiger nun in der Werbebranche Geld verdiente, war seine Mutter so entzückt über diesen Gedanken, dass Walter seinen Job als etwas Grösseres darstellte, als es wirklich war. Offenbar hatte seine Mutter die Illusion, dass er ein eigenes Büro hätte und Werbung in die ganze Welt verkaufte, denn sie konnte zwischen Werbung und Werbeartikel nicht unterscheiden. Eh sich Walter versah, erzählte seine Mutter der ganzen Verwandtschaft, wie erfolgreich er als selbstständiger Werber sei. Von da an liess er seine Mutter in dieser Illusion und entschied sich, ihr nicht mitzuteilen, dass er lediglich ein Mittelsmann war, der per Computer von zu Hause aus Kugelschreiber vertrieb. Zudem genoss er die Aufmerksamkeit seiner Verwandtschaft, denn er und seine Mutter waren schon immer die mittellosen Aussenseiter aus dem Arbeiterviertel gewesen. Walter kratzte sich am Kinn.

«Die Geschäfte laufen gut, Mama, im Moment spüre ich zwar die Wirtschaftskrise etwas, aber ich gehe mal nicht von inflationären Tendenzen aus.»

«Ach, ich bin so stolz auf dich! Wenn ich dich so reden höre, dann kann ich mir richtig vorstellen, wie erfolgreich du in deinem Beruf bist.»

Walter lächelte zufrieden vor sich hin. Er benutzte gerne gut klingende Fremdwörter, wenn er mit seiner Mutter telefonierte. Er wusste, was er damit bei ihr auslöste.

«Eigentlich wünsche ich mir nur noch eines für dich!», setzte sie nach kurzer Pause wieder an.

Walter schnalzte entnervt mit der Zunge. Er wusste nur allzu gut, was jetzt folgen sollte.

«Mama, bitte nicht schon wieder!»

«Warum denn nicht? Du bist ein so guter Junge im besten Alter. Du hast einen guten Job, bist intelligent und erfolgreich und ich finde, du bist ein hübscher Junge. Die Frauen müssten sich doch um dich reissen!»

«Ich habe dir doch schon oft gesagt, dass die Richtige noch nicht gekommen ist!» Walter beugte sich vor und rieb sich die Stirn. Ihm war klar, dass sich seine Mutter mit dieser Erklärung nicht zufriedengeben würde.

«Aber vielleicht ist sie schon da und du hast es einfach noch nicht bemerkt! Gehst du mit Frauen aus?»

Walter fühlte sich gerade etwas peinlich berührt, denn für seine Begriffe war diese Frage etwas zu intim. Mit einem erneuten Stöhnen warf er sich in die Rücklehne des Sofas.

«Ja, natürlich treffe ich immer wieder mal eine Frau.» Er wusste, dass dies gelogen war, aber er hoffte, mit dieser Lüge das Thema schnell abhaken zu können. Doch seine Mutter liess nicht locker.

«Aber warum bringst du nie eine mal zum Mittagessen oder zum Kaffee mit? Ich hätte so gerne Enkelkinder, Walter, und ich bin nun auch schon fünfundsechzig Jahre alt. Es wäre doch schön, ich könnte das noch erleben.»

Nun war Walter endgültig peinlich berührt. Die Vorstellung, sein Leben mit einem Menschen teilen zu müssen, löste in ihm eine Mischung aus Panik und Aggression aus. Niemand durfte über sein Leben Bescheid wissen, schon gar keine Frau.

«Mama, können wir bitte das Thema wechseln?»

«Wieso denn? Nie willst du mit mir über Frauen reden. Manchmal habe ich das Gefühl, seit dieser Susanne hast du mit dem Thema abgeschlossen.»

Ein weiterer Stich fuhr ihm durchs Herz. Susanne war Walters heimliche Liebe. Sie kannten sich schon seit der Schulzeit, aber er hatte nie den Mut aufgebracht, ihr seine Liebe zu gestehen. Zu gross war seine Angst, von ihr abgewiesen zu werden. Sie trafen sich früher oft und Walter genoss ihre Freundschaft. Eigentlich hatte er sie immer als seine Freundin angesehen, auf platonischer Ebene. Vor vier Jahren hatte sich Susanne aber in einen Türken verliebt und der Kontakt war abgebrochen. Walter konnte nie verstehen, warum sie sich auf diesen Mann einliess. Sein Hass auf Ausländer wurde noch grösser.

«Können wir das Thema ‹Susanne› endlich mal begraben?» Walters Ton wurde schärfer.

«Ist sie eigentlich immer noch mit diesem Ausländer zusammen?»

Walter stellte sich gerade vor, wie Susanne mit ihrem Freund Hand in Hand am Vierwaldstättersee entlang ging. Die Vorstellung schmerzte ihn.

«Keine Ahnung, wahrscheinlich schon. So wie ich die Türken kenne, hat er sie zu Hause eingesperrt und lässt sie nicht mehr aus der Wohnung!», brummelte er genervt vor sich hin.

Seine Mutter stöhnte.

«Na ja, die Liebe fällt halt dort hin, wo sie will, das kann man nicht beeinflussen!»

Natürlich könnte man das beeinflussen. Man müsste nur die Grenzen dicht machen und alle Ausländer draussen lassen, dann hätte Susanne auch nie diesen Ali kennengelernt!, schoss es ihm durch den Kopf. Er vermied es aber, seine Gedanken laut zu äussern, denn seine Mutter würde das ja sowieso nicht verstehen.

«Weisst du, Mama, die Frauen heutzutage sind eben einfach zu kompliziert und anspruchsvoll. Sie wollen einfach zu viel: Karriere machen, Kinder grossziehen und dabei noch Konzerne leiten. Zudem kennen sie keine Hemmschwelle mehr und hüpfen gleich mit jedem ins Bett, der ihnen einigermassen gefällt!», monierte er sauer. «Frauen leben heutzutage einfach an ihrer natürlichen Bestimmung vorbei und bringen mit ihrer Orientierungslosigkeit das gesamte System ins Wanken.» Nun war Walter in seinem Element, denn er hatte sich über die Jahre seine ganz eigene Erklärung zusammengereimt, warum er keine Frau fand, die sich für ihn interessierte.

«Aber Junge, wir leben einfach in einer anderen Zeit. Heutzutage ist halt alles etwas moderner.»

«Moderner? Schau doch mal genau hin, wo uns das hingebracht hat! Kinder verbringen ihre Kindheit in Tagesstätten, weil die Mutter meint, sie müsse sich verwirklichen. Und wenn es der Mutter zu langweilig wird, hüpft sie mit dem Nächstbesten in die Kiste und gefährdet damit ihre Ehe. Der Ehemann kommt dahinter und der Konflikt ist vorprogrammiert. Schliesslich kommt die Scheidung und alles fällt in sich zusammen. Und das Schlimmste ist, dass das alles heutzutage gesellschaftskonform geworden ist. Scheiden ist in! Früher war das alles noch ganz anders, da gab es noch wahre Werte!» Walter redete sich in Rage. Seine Mutter seufzte.

«Ach Walter, ich denke nicht, dass alles so schlimm ist, wie du es gerade schilderst.» Ihre Stimme klang ernüchtert. «Und wenn ich mir so ansehe, wie es bei uns war, dann muss ich dir leider sagen, dass es der Mann war, der keine Werte hatte.»

«Das ist doch was anderes! Du hattest einfach Pech. Dieser Bastard hatte dich im Stich gelassen, weil er ein schlechter Mensch war. Er war ein Schwein.»

«Ich kann deine Wut verstehen, aber du solltest trotzdem nicht so von ihm sprechen. Immerhin ist er dein Vater.»

«Ich habe keinen Vater!», korrigierte Walter seine Mutter forsch. «Oder habe ich ihn jemals kennengelernt? War er ein einziges Mal an einem Geburtstag anwesend? Oder hat er sich jemals um dich gekümmert? Nein! Aber weisst du was? Väter machen so was. Darum habe ich keinen Vater!»

«Ich kann deine Wut verstehen. Trotzdem solltest du dich von ihr nicht auffressen lassen. Du bist ein lieber, guter Junge und wirst bestimmt einmal ein guter Vater sein.»

Walter stand entnervt auf. «Mama, können wir dieses Thema jetzt endlich bitte abhaken?! Ich möchte nicht mehr darüber sprechen!»

Offenbar schien seine Mutter zu verstehen, dass es Walter ernst meinte.

«Schon gut, ich habe ja verstanden!», wiegelte sie mit einem sanften Lächeln ab. «Kommst du heute zum Mittagessen?»

«Nein, heute kann ich nicht. Ich habe ein Geschäftsessen», antwortete er prompt. Er wusste, dass es gelogen war.

«Hast du Wäsche?»

«Nein!»

«Aber wir sehen uns bald wieder mal, oder?»

«Ja klar, ich rufe dich wieder an, okay?»

«Sehr gut! Dann wünsche ich dir einen schönen Tag. Und falls du etwas brauchst, meldest du dich, ja?»

«Ja, Mama! Das werde ich tun. Tschüss.»

«Tschüss mein Junge.»

Walter beendete das Gespräch und stellte das Telefon in seine Station zurück. Innerlich spürte er einen grossen Groll. Die Gefühle fuhren Achterbahn mit ihm. Dieses Gespräch hatte gerade viel in ihm aufgewühlt: sein gestörtes Verhältnis zu Frauen, sein Frust, dass er ohne Vater aufgewachsen war, und die Tatsache, dass er mit seinen vierunddreissig Jahren noch immer seine Wäsche zu seiner Mutter brachte. Er war wütend, wütend auf sich und sein Leben. Entnervt stand er auf, setzte sein Barett wieder auf und griff nach dem Sturmgewehr. Schliesslich war er ein Krieger, ein treuer Soldat, der sich von Gefühlen nicht beeinflussen liess. Wütend machte er eine Ladebewegung und zielte in Richtung Küche. Wieder kam in ihm die grosse Lust auf zu schiessen. Nach ein paar Sekunden setzte er wieder ab und vollführte eine weitere Ladebewegung, worauf sein Gewehr eine Patrone ausspuckte. Walter wiederholte diese Ladebewegung immer und immer wieder. Die Patronen flogen unkontrolliert durch das ganze Wohnzimmer, bis das Magazin leer war. Nachdem seine Waffe die letzte Patrone ausgespuckt hatte, hielt er kurz inne und schaute sich um. Überall lagen Patronen herum. Die Aktion hatte ihm gut getan, sein Puls senkte sich wieder. Er liess den Verschluss, der nach der letzten Patrone hinten blieb und den leeren Lauf frei gab, nach vorne schnellen und drückte kurz ab. Ein leises Klicken bestätigte ihm, dass nun keine Spannung mehr auf dem Schlagbolzen war. Anschliessend legte er sein Sturmgewehr wieder auf das Sofa und begann die Patronen zusammenzusuchen. Nachdem er alle Hülsen aufgelesen hatte, schob er sie ins Magazin zurück, setzte dieses wieder ins Gewehr ein und verstaute es im Schrank. Er nahm sich vor, sein Gewehr später zu reinigen, wie er es immer machte, wenn er eine seiner Waffen gebraucht hatte. Pflege war wichtig, genauso wie Disziplin. Nur ein disziplinierter Soldat ist ein guter Soldat. Ein Leitsatz, den sich Walter zum Lebensinhalt machte.

Nachdem Walter seine Uniform ausgezogen hatte und wieder Zivilkleidung trug, setzte er sich an seinen Computer und surfte im Netz. Wie jeden Tag war er auf der Suche nach neuen Blogs und Informationsquellen, die seine Ansichten teilten. Gefiel ihm etwas, so kopierte er es und setzte es in seine noch nicht veröffentlichte Website. Walter wusste, dass er vorsichtig sein musste. Immer wieder hatte er den Zeitungen und dem Fernsehen entnommen, dass die Polizei der Cyber-Kriminalität auf der Spur war. Er war sich sicher, dass der Staat, und damit der Geheimdienst, das ganze Netz überwachte und jeden registrierte, der sich für Religion und radikale Denkarten interessierte. Wann immer er auf eine interessante Seite stiess, klickte er nach deren Studium mindestens zwanzig harmlose Websites an, um den Eindruck zu vermitteln, zufällig und ohne Absicht auf diese Homepage gestossen zu sein. Er fühlte sich mit diesem Trick sicher.

Doch heute gab es nichts Interessantes zu entdecken. Also widmete er sich seiner eigenen Seite. Mittlerweile hatte er schon mehrere Hundert Seiten zusammen: viele eigene Texte, in denen er seine radikalen Ansichten zum Ausdruck brachte, aber auch Texte von Gleichgesinnten. Manchmal kopierte er auch Texte aus dem Islam hinein und interpretierte diese, indem er aufzeigte, warum anhand gewisser Aussagen der Islam eine Gefahr für die ganze Menschheit darstellte. Walter erfüllte es jedes Mal mit Stolz, wenn er seine Website öffnete, denn er gab sich viel Mühe mit der Darstellung. Wenn er die Seite öffnete, erschien als Erstes sein Logo mit dem Totenkopf und den gekreuzten Schwertern vor dem Schweizer Kreuz. Zusätzlich erklang die Schweizer Nationalhymne. Nach ein paar Takten öffnete sich eine neue Seite. Auf der linken Ebene konnte man die verschiedenen Themengebiete anklicken. Walter benutzte bewusst kräftige Schlagworte wie: «Todbringende Islamisierung», «Ausländer raus!» oder «Korrupte Politik». Er hatte sogar einen eigenen Waffenbestell-Button geschaffen. Klickte man diesen an, gab er seine Erfahrungen und Tipps weiter, wie man illegale Waffen zu guten Konditionen bekam. Auch zitierte er gerne aus der Bibel auf seiner Seite, denn Walter hielt sich für einen gläubigen und guten Christen. Er war sich sicher: Diese Seite würde, wenn er sie freischaltete, die Menschheit verändern. Zwar wusste er noch nicht, wann und wie er das machen würde, aber die Zeit würde kommen.

Nachdem er ein paar Ergänzungen und Veränderungen auf seiner Website angebracht hatte, startete er sein Lieblingsspiel «War 2 Glory». In diesem Online-Spiel ging es hauptsächlich darum, als Elitesoldat in einem Kriegsgebiet so viele Feinde abzuknallen wie nur möglich. Dabei spielte man online mit Verbündeten oder Gegnern. Walter war gut in diesem Spiel. Treffsicher ballerte er alle Feinde per Kopfschuss ab. Er hatte sich eigens für dieses Spiel ein Cybergewehr gekauft, das es ihm ermöglichte, wie im echten Leben mit einer Waffe zu zielen und zu schiessen. Walter betrachtete dies als eine Art Training, um seine Fähigkeiten zu verbessern. Er mochte dieses Computerspiel unter anderem auch darum so, weil es ihm ermöglichte, die Waffen zu benutzen, die er auch im Schrank hatte. Somit hatte er das Gefühl, beim Spielen mit seinen eigenen Waffen zu üben.

Walter war gut in dem Spiel. Etliche Tausend Stunden hatten ihn zu einem wahren Computer-Elitesoldaten gemacht. Es erfüllte ihn noch immer mit grossem Stolz, wenn er eine Mission abschloss und vom Computer dafür gelobt wurde. Dass er mittlerweile das Spiel in- und auswendig kannte und genau wusste, hinter welchem Stein oder Lastwagen ein Feind auftauchte, brachte ihn jedoch nicht davon ab, sich für einen besonders guten Schützen zu halten.

Nachdem er sich den ganzen Frust aus der Seele geballert hatte, fuhr er erschöpft, aber zufrieden seinen Computer runter. Ein Blick auf seine Uhr verriet ihm, dass es bereits vierzehn Uhr war. Sein Magen knurrte, denn er hatte wie sooft, wenn er am Computer sass, die Zeit vergessen. Walter schlüpfte in seine Schuhe und verliess die Wohnung.

Nach einem kurzen Fussmarsch bestieg Walter einen Linienbus. Er hatte kein Auto, so was konnte er sich aufgrund seines teuren Hobbys nicht leisten. Wie immer setzte er sich in die letzte Reihe und beobachtete gelangweilt das Leben auf der anderen Seite der Scheibe, das an ihm vorbeizog. Zwei Stationen später stieg eine Gruppe von Schülern ein. Sie trugen alle bunte Rucksäcke, verwaschene Jeans und T-Shirts mit grossen Logos drauf. Kaum hatten sie den Bus bestiegen, fingen sie an, sich lautstark zu unterhalten. Ohne Rücksicht auf die anderen Fahrgäste zu nehmen, rauften und neckten sie sich stetig. Walter schätzte sie zwischen dreizehn bis fünfzehn Jahre. Wie immer, wenn eine grössere Gruppe auftauchte, zählte er die Ausländer. Bei dieser Gruppe von acht Leuten vermutete er, dass etwa sechs keine Schweizer waren. Walters Miene wurde wieder ernster. Aufmerksam verfolgte er das nervöse Treiben der jungen Leute. Das ist wieder typisch, die wissen sich einfach nicht zu benehmen! Wahrscheinlich ist es in ihrer Kultur üblich, sich so rücksichtslos über alle anderen hier im Bus hinwegzusetzen, aber nicht hier bei uns!, schoss es ihm durch den Kopf. Warum schreitet denn keiner ein und sagt denen mal Bescheid? Wäre das nicht die Aufgabe des Busfahrers? Einen Moment lang überlegte er sich, etwas zu sagen, doch es fehlte ihm dann doch der Mut dazu. Womöglich prügeln die sofort auf mich ein, wenn ich was sage. Oft genug hatte er schon solche Meldungen in den hiesigen Zeitungen gelesen. Er beschloss, seinen Groll hinunterzuschlucken und still sitzen zu bleiben. Walter schüttelte unbemerkt den Kopf, verschränkte die Arme und lehnte sich zurück. So gab er sich wenigstens das Gefühl, seinem Unmut Ausdruck gegeben zu haben.

Am Luzerner Bahnhof stieg er aus dem Bus und marschierte zielstrebig über die Brücke in die Altstadt. Sein Ziel war, wie sooft, das Restaurant «Tell». Dort fühlte er sich wohl. Da musste man sich nicht über laute Ausländer ärgern. Zudem setzte die Gastwirtschaft noch auf die gute alte Schweizer Küche, und nicht auf diesen mediterranen Frass aus anderen Ländern. Nach einem kurzen Fussmarsch hatte er sein Ziel erreicht. Freudig stiess er die wuchtige Holztür auf und schaute sich um. Da es bereits Nachmittag war, besetzten nicht viele Gäste die in die Jahre gekommenen, massiven Holztische. Walter war das ganz recht. Er mochte es nicht, wenn das Restaurant voll war. Die Einrichtung war spartanisch und typisch schweizerisch. Die Stühle und Tische waren aus massivem Eichenholz, auf den Tischen lag jeweils ein kleines, rot kariertes Tischtuch, auf dem ein kleiner Gewürz-Eisenständer mit Salz, Pfeffer, Aromat, Zahnstochern und Maggie-Sauce stand. Der dunkle Tonplattenboden, der sich durch den ganzen Raum zog, rundete die drückend-düstere Atmosphäre im Restaurant ab. Im Hintergrund trällerte gut hörbar ein Radio mit dem hiesigen Lokalprogramm.

Walters Gesicht hellte sich sofort auf, als er zum Stammtisch sah. Wie fast immer, wenn er hierher kam, sass Ueli, ein siebenundsechzigjähriger, weissbärtiger Bauer mit starken Armen, speckiger Halbglatze und kugelrundem Bierbauch, bei Schnaps und Kaffee am Tisch und rauchte eine Brissago, eine verdrehte, dünne Zigarre. Eigentlich war das Rauchen in Restaurants in der Schweiz verboten, aber Vroni, die Wirtin, widersetzte sich bewusst. Sie wollte sich nicht vom Staat vorschreiben lassen, was sie in ihrem Restaurant tun und lassen durfte. Walter schätzte diese Einstellung. Darum kam er auch gerne her. Hier herrschte noch ein anderer Geist. Selbstbewusst schritt er an den Stammtisch und klopfte Ueli auf den Rücken, worauf sich dieser sofort zu ihm umdrehte. Nach einer kurzen kritischen Musterung hellte sich sein Gesicht auf. Mit seinen wurstigen Fingern nahm er seine Zigarre aus dem Mund und streckte Walter seine freie Hand zum Gruss hin.

«Schau an, der Walter! Gibt es dich noch?»

Walter schlug ein, lächelte kurz und setzte sich dazu.

«Ich grüsse dich, Ueli. Na, lässt du deinen Hof wieder mal im Stich für einen anständigen Schnaps bei Vroni?»

Ueli fing an zu lachen. Es klang rauchig und kratzig.

«Ich musste wieder mal vor meiner Frau flüchten. Dieses Mannweib ist manchmal kaum auszuhalten.»

Genüsslich zog er wieder an seiner krummen Zigarre und sog den Rauch tief in die Lungen ein. Walter fiel auf, dass Ueli bereits etwas lallte, woraus er logisch kombinierte, dass er schon eine ganze Weile hier sass. Walter bemerkte, wie die Schwenktür hinter der massiven Holztheke aufgestossen wurde. Vroni, die Wirtin, trat wie immer resolut und geschäftig durch die Tür. Nachdem sie ein Tablett mit frisch gewaschenen Gläsern auf der Theke abgestellt hatte, blickte sie kurz auf und entdeckte Walter. Sofort schenkte sie ihm ein Lächeln, rückte ihre Brille auf der Nase zurecht und trat an den Stammtisch heran, um Walter die Hand zu reichen.

«Ich grüsse dich, Walter! Geht es dir gut?» Breitbeinig baute sie sich vor ihm auf und stützte ihre Hände selbstbewusst in die Hüften. Vroni war eine wuchtige Erscheinung. Sie trug kurze, rot gefärbte Haare, verfügte über eine mächtige Oberweite und war stark gebaut. Walter traute sich nie, sie nach ihrem Alter zu fragen. Er schätzte sie auf etwa fünfundfünzig Jahre. Wie immer trug sie eine etwas in die Jahre gekommene Hose, bequeme Sandalen und ein T-Shirt mit Pailletten. Walter reichte ihr die Hand.

«Hallo, Vroni, danke, es geht mir gut. Wie laufen die Geschäfte?»

Sie schnaubte und fuhr sich durch die Haare.

«Heute war über Mittag viel los. Neununddreissig Essen haben wir serviert. Bin ganz froh, dass es nun etwas ruhiger ist.»

Mit routinierter Freundlichkeit lächelte sie ihn an.

«Was darf ich dir bringen?»

Walter überlegte kurz.

«Krieg ich noch etwas zu essen?»

Vroni schnaubte erneut und blickte auf ihre Uhr.

«Die Küche ist eigentlich schon zu, ich habe soeben meinen Koch in die Zimmerstunde geschickt. Aber wenn du willst, mach ich dir ein Sandwich oder einen Wurst-Käse-Salat.»

«Der Wurst-Käse-Salat hört sich gut an. Und dann hätte ich noch gerne einen Ice-Tea dazu.»

Kaum hatte Walter seinen Wunsch geäussert, machte sich Vroni auch schon auf den Weg und verschwand wieder hinter der Schwenktür. Walter schaute sich kurz im Restaurant um. Es war fast leer.

«Nicht viel los heute», stellte er monoton fest.

Ueli kommentierte seinen Einwurf nicht, sondern nickte nur kurz und brummte dazu. Erst jetzt fiel Walter auf, dass auf dem Tisch noch ein halbvolles Bierglas stand. Offenbar sass noch jemand am Tisch. Ein kurzes Gefühl von Unbehagen überkam ihn, denn er mochte es nicht, wenn er mit Menschen an einem Tisch sass, die er nicht kannte. Walter überlegte kurz, ob er seinen Tischnachbarn darauf ansprechen sollte, doch er liess es bleiben. Eine peinliche Stille entstand, aber das störte Walter nicht. Er wusste von Ueli, dass er nicht der redseligste war, und offengestanden schätzte es Walter, wenn man sich nicht unterhalten musste. Plötzlich öffnete sich die Tür neben der Theke, die zu den Toiletten hinunter führte. Aus ihr trat ein etwa fünfundvierzigjähriger Mann in einem dunklen Anzug. Er wirkte dynamisch und sportlich. Walter kam das Gesicht bekannt vor, doch er konnte es nicht sofort zuordnen. Instinktiv wanderte sein Blick auf das halbvolle Bierglas. Er vermutete richtig. Der Mann mit den blonden Haaren und dem sportlichen Aussehen gesellte sich mit einem sympathischen Lächeln zu ihnen. Ueli erwachte aus seinem tranceähnlichen Zustand und blickte von seinem Schnaps auf. Mit der flachen Hand zeigte er auf den neuen Gast.

«Walter, kennst du meinen ältesten Sohn Markus schon?»

Nun fiel bei Walter der Groschen.

«Stimmt, der Stadtpräsident von Sursee, nicht?»

Der junge Mann strahlte. Es schien ihm zu gefallen, dass er als lokalprominenter Politiker erkannt wurde. Freundlich streckte er Walter die Hand quer über den Tisch.

«Das stimmt. Markus Gloor ist mein Name. Freut mich, dich kennenzulernen.»

«Du bist doch bei der SVP, nicht?», fragte Walter interessiert. Markus nickte.

«Genau, bei der Schweizerischen Volkspartei. Die einzige Partei in der Schweiz, die ihr Volk zu schätzen und zu verstehen weiss.» Er fing an zu lachen und zeigte dabei seine weissen Zähne. Walter stimmte mit ein.

«Da muss ich dir recht geben. Wenigstens eine Partei, die etwas gegen diese Flut von Ausländern und Islamisten macht.» Walter drehte seinen Kopf zu Ueli.

«Warum hast du mir nie erzählt, dass Markus dein Sohn ist? Bislang wusste ich nur von Peter.»

Ueli winkte mit einem Lächeln ab.

«Bestimmt habe ich dir schon von ihm erzählt.» Er klopfte seinem Sohn anerkennend auf die Schulter.

«Unser Politiker der Familie. Bestimmt wird er mal Bundesrat. Das Zeug dazu hätte er.»

Walter blickte Markus fasziniert an. Zwar kannte er sich gut in der Politik aus, doch so richtigen Kontakt mit einem Politiker hatte er noch nie gehabt.

«Und wie bist du in die Politik gekommen?»

Markus grinste. Es schien ihm zu gefallen, dass sich Walter für ihn interessierte. Mit gespielter Zurückhaltung drehte er sein Bierglas um die eigene Achse.

«Nun, die Politik hatte mich schon immer interessiert. Ich bin schon früh der SVP beigetreten und habe mich da quasi hochgearbeitet. Seit zwei Jahren bin nun Stadtpräsident von Sursee und versuche da, meine Qualitäten einzubringen.»

«Und nächstes Jahr will er für den Nationalrat kandidieren», warf sein Vater Ueli stolz in die Runde. «Das soll mir nur recht sein. Wenn er schon den Hof von mir nicht übernehmen will, dann soll er wenigstens auf höchster politischer Ebene dafür sorgen, dass es uns Bauern wieder besser geht in der Schweiz.»

Markus lächelte beschämt.

«Nun, erst muss ich mal gewählt werden, die Konkurrenz ist stark.»

Dieser Mann faszinierte Walter. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er das Gefühl, einen einflussreichen Menschen kennengelernt zu haben. Vielleicht hätte er über ihn die Möglichkeit, seine Sorgen und Ängste auszudrücken, vielleicht könnte er sogar über diesen Markus etwas in der Schweiz verändern. Walter spürte, dass dieser Mann seine Chance sein könnte.

«So, einmal Wurst-Käse-Salat und ein Ice-Tea dazu. Guten Appetit!» Vroni stellte den Teller und das gefüllte Glas vor Walter auf den Tisch und legte das Besteck, das in eine Papierserviette eingewickelt war, daneben und verschwand sofort wieder in der Küche. Walter war jetzt nicht nach essen zumute, er wollte mehr über diesen Menschen erfahren, der ihm gegenübersass.

«Und was arbeitest du, wenn du dich nicht um Sursee kümmern musst?»