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Anne Gold

Das LACHEN
des Clowns

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Friedrich Reinhardt Verlag

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Willst du den Charakter eines Menschen erkennen,
so gib ihm Macht.

Abraham Lincoln

1. Kapitel

Aus der Hard drangen Trommel- und Pfeifenklänge. Trotz Dauerregen, der die Waldwege in einen Morast verwandelt hatte, liessen einige Fasnachtscliquen keinen Abend aus, um sich mit Marschübungen den letzten Schliff für die Fasnacht zu geben. Nur noch ein, zwei Tage, dann ist dieser Spuk endlich vorbei, dachte Kommissär Francesco Ferrari, der absolut gar nichts damit anfangen konnte. Puma, die schwarze Nachbarskatze, kratzte an der Balkontür. Einem lieb gewonnenen Ritual folgend, erhob sich Ferrari und liess sie hinein. Mit herzzerreissendem Miauen streifte die Katze um seine Beine und begann sofort zu schnurren, als ihr der Kommissär über den Kopf strich.

«Puh! Du bist ja total nass.»

Ferrari holte aus dem Badezimmer ein Handtuch und rieb die Katze trocken, sie schien es sichtlich zu geniessen. Von Minute zu Minute verstärkte sich der Regen. Da werden wohl auch die letzten unbeirrbaren Fasnächtler ihre Übung abbrechen. Gut so. Tja, alles hat seine zwei Seiten. Der Kommissär nahm sein Rotweinglas und prostete in Richtung Waldrand. Seit dem Vogel Gryff rannten sie Tag für Tag wie die Verrückten durch den Wald und jetzt, kurz vor dem Morgestraich, liefen die Vorbereitungen natürlich auf Hochtouren. Gedankenverloren schüttelte er den Kopf. Diese Welt wird sich mir nie öffnen. Als Sohn einer genialen Schnitzelbanggsängerin und eines Tambours, der im Keller neue Märsche kreierte, floh er seit Jahren mit seiner Partnerin Monika und deren Tochter Nikki in die Berge. Die Natur und die Ruhe taten einfach gut. Was gab es Schöneres? Ein Schmunzeln umspielte Ferraris Lippen. Schon als Binggis hatte ihn niemand dazu gebracht, in eine Clique einzutreten, um im Vortrab mit zu marschieren und unzählige Fasnachtszettel zu verteilen. So verbrachte der kleine Francesco wohl oder übel diese drei Tage bei den Grosseltern, die ihn trotz gewaltigem Terror gnadenlos an den Cortège schleppten. Widerstand war zwecklos! Vom Donnerstag an war die Welt dann wieder einigermassen in Ordnung. Mutter Martha krächzte zwar noch einige Tage vor sich hin, zumal sie bereits nach dem ersten Abend die Stimme verloren hatte, während sich Vater Herbert schlicht vom einen oder anderen zu viel genehmigten Glas Wein und den zig Kilometern in den Knochen erholen musste. Spätestens am Wochenende waren alle Blessuren wie durch ein Wunder verschwunden. Und so stimmten sich die beiden beim traditionellen vom Schweizer Fernsehen produzierten Querschnitt ganz nach dem Motto «Nach der Fasnacht ist vor der Fasnacht» bestens gelaunt aufs kommende Jahr ein. Nur eine Sache wurmte seinen Vater immer wieder von Neuem, auch wenn er sich nichts anmerken liess. Die beste Fasnachtsclique aller Zeiten, selbstverständlich seine, wurde von diesen ignoranten Fernsehmachern aus Leutschenbach boykottiert. Die verstanden einfach nichts von der Basler Fasnacht! Mutter sass derweil schmunzelnd neben ihm und verkniff sich jegliche Bemerkung, zumal sie seit Jahren Stammgast in der Sendung war. Die Welt war und blieb nun einmal ungerecht. Doch mit der Zeit wurde dem heranwachsenden Francesco auch klar, weshalb es in diesem speziellen Fall so war. Bei aller Liebe zum Detail und allem Engagement während des ganzen Jahrs blieb sein Vater Mittelmass. Seine Mutter hingegen war ein Schnitzelbanggstar, die nach ihrem Rücktritt nur so mit Ehrungen überhäuft wurde. Die «Basler Zeitung» widmete ihr sogar vier Sonderseiten und zitierte ihre besten Pointen. Vermutlich hat es mit charakterlicher Stärke zu tun, wenn ein Mensch im richtigen Moment zurücktritt. Diese Eigenschaft war Ferraris Vater nicht gegeben. Selbst als er den Zenit überschritten hatte und seine Kameraden sich längst in die Alte Garde verzogen hatten, marschierte er unverdrossen mit der Stammclique mit. Aus Respekt gegenüber dem alten Mann, der viel für die Clique geleistet hatte, hielten sich die Jungen bedeckt. Doch eines Tages kam es zum Eklat. Als Herbert Ferrari total erschöpft bei den Marschübungen nicht mehr mithalten konnte, schlug ihm der Obmann vor, dieses Jahr ausnahmsweise auszusetzen, weil er nach einer längeren Krankheit konditionell noch nicht in Form sei. Die Reaktion war heftig. Schäumend vor Wut warf er den Bettel hin und trat noch am gleichen Abend, vor dem Einpfeifen der Laterne, aus der Clique aus. Und von diesem Tag an durfte das Thema Fasnacht im Hause Ferrari nicht mehr erwähnt werden. Ein Umstand, der Ferrari junior nicht im Geringsten störte. Erst nach dem Tod des geliebten Vaters hatte seine Mutter noch ein-, zweimal versucht, ihren Sohn von der Schönheit der Basler Fasnacht zu überzeugen, allerdings ohne Erfolg.

Monika und Nadine Kupfer, Ferraris Kollegin, kamen aus der Küche.

«So, fertig mit dem Aufräumen. Kriegen wir auch noch ein Glas Wein?»

«Sicher!»

«Die haben aber Ausdauer, und das bei diesem Wetter.»

«Ich bin froh, wenns vorbei ist, Monika. Jedes Jahr das Gleiche. Einen Monat lang rennen sie wie die Wahnsinnigen durch die Hard, ohne Rücksicht auf die Anwohner.»

«Irgendwo müssen sie ja üben.»

«Nur nicht gerade vor unserer Haustür.»

«Oh, oh! Dringt hier wieder einmal der Fasnachtshasser durch?», fragte Nadine schmunzelnd.

«Ich hasse die Fasnacht nicht. Ich kann nur nichts damit anfangen. Kadergehorsam, Marschübungen – wie im Militär.»

«Die machen das alles freiwillig.»

«Die spinnen doch.»

«Du musst wissen, Nadine, Francesco ist fasnachtgeschädigt. Seine Mutter war eine begnadete Schnitzelbängglerin und sein Vater ein grossartiger Tambour.»

«Martha hat Schnitzelbängge gesungen? Das kann ich gar nicht glauben.»

«Es ist wahr. Sie schrieb wirklich gute Texte, ihre Pointen werden noch heute oft zitiert. Sie war ein richtiger Star.»

«Da hat Francesco aber nichts vom Talent seiner Mutter abbekommen.»

«Na ja, ein Humorbolzen ist er nicht gerade. Aber er hat andere Qualitäten.»

«Gut, dass wir darüber gesprochen haben. Wenn ihr mich weiter beleidigen wollt, nur zu. Dann kann ich ja gehen.»

«Komm schon, Brummbär, es war nicht so gemeint.»

Monika strich ihm durchs Haar.

«Lass das! Ich mag das nicht.»

Ferrari rückte von ihr ab.

«Gut, dann eben nicht, mein Schatz.»

«Die drehen heute Abend total durch. Es ist bereits halb elf. Wann hören die endlich auf? Das ist Ruhestörung.»

«Du kannst ja die Polizei rufen.»

«Eine gute Idee, Nadine. Die sollen die Spinner aus dem Wald vertreiben.»

«Am Sonntag ist es vorbei, Liebling.»

«Zum Glück! Ich werde mich einmal mit Kuno unterhalten.»

«Wer ist Kuno?»

«Unser Jurist. Ich will wissen, wie lange die trommeln und pfeifen dürfen.»

«Wozu? Willst du die gesamten Basler Fasnachtscliquen verklagen? Ich sehe schon die Schlagzeile vor mir: ‹Schickimickikommissär schiesst sich auf die Basler Fasnacht ein›. Ist Staatsanwalt Borer nicht bei den Olympern?»

«Du hast recht, Nadine. Das wird ihm gar nicht gefallen. Und Olivia Vischer ist bei der Spezi.»

«Oje. Da sammelt Francesco auch keine Punkte.»

So ist das in unserer Stadt! Alle nehmen irgendwie an der Fasnacht teil. Aktiv oder passiv. Im Vorstand, in der Clique oder bei einer der wie Pilze aus dem Boden schiessenden Vorfasnachtsveranstaltungen. Die Basler Fasnacht ist sozusagen der Heilige Gral. Wer gegen die Fasnacht ist, wird ausgemistet. Ohne Rücksicht auf Verluste.

«Was ist denn das?»

Monikas Stimme überschlug sich. Blitzartig setzte sich der Kommissär auf das Handtuch. Monika riss es unter ihm weg.

«Wieso liegt das Handtuch hier auf der Couch?»

«Ich habe mir die Hände gewaschen und …»

«Hundert Mal, nein, tausend Mal habe ich dir gesagt, du sollst Puma nicht mit unseren Handtüchern abreiben, Ferrari.»

Monikas Stimme klang gefährlich und dass sie den Kommissär beim Nachnamen nannte, sprach Bände.

«Ich … sie war nass, da …»

Monika warf ihm das Handtuch ins Gesicht.

«Bin ich denn hier eigentlich nur die Dienstmagd? Der Herr holt sich einfach zum weiss nicht wie vielten Mal ein Handtuch, um seinen kleinen Liebling trocken zu reiben.»

Puma verzog sich unter die Polstergruppe.

«Noch einmal, Ferrari, und du kannst deine Wäsche selbst waschen!»

Nadine sah der Szene belustigt zu.

«Und alles wegen eines blöden Handtuchs», brummte Ferrari.

«Was hast du gesagt?»

«Nichts! … Komm, Puma, wir gehen.»

«Aber diese Nacht schläft sie nicht bei uns im Schlafzimmer. Hörst du?!» Monika wandte sich an Nadine. «Unsere Nachbarin ist nach der fünften Operation innerhalb von zwei Jahren noch im Spital. Deshalb kümmern wir uns um die Katze. Ich bin echt froh, wenn sie wieder zu Hause ist. Gestern lag die Katze nämlich sogar auf unserem Bett!»

«Nur am Fussende.»

«Wag es nicht, sie nass aufs Bett zu setzen.»

«Ja, ja, schon gut. Komm Puma, wir gehen. Hier bei den bösen Frauen ist es nicht lustig.»

«Übrigens, Andreas hat sich gestern das Bein gebrochen.»

Misstrauisch sah Ferrari zu Monika hinüber. Was bezweckte sie mit dem plötzlichen Themenwechsel?

«Andreas? Welcher Andreas?»

«Wie viele Andreas kennen wir?»

«Hm! Du meinst den Hampelmann von nebenan.»

«Red nicht so von ihm. Er ist ein sehr netter Mensch und Eleonore gehört zu meinen Freundinnen.»

«Eine grüne Spinnerin!»

«Francesco!»

«Ist doch wahr. Die haben ja nicht einmal einen Fernseher.»

«Das ist natürlich ein schlagendes Argument, um Eleonore als grüne Spinnerin zu bezeichnen.»

«Tatsache ist, dass die arme Sau ständig unter einem Vorwand zu uns rüberkommt, um mit mir Fussball zu schauen. Kreativ ist er ja, damit er von zu Hause abhauen kann. Ich habe ihm schon mehrmals …»

«Sprich ruhig weiter, Francescolein.»

«Hm! Gut. Ich habe ihm schon mehrmals gesagt, dass er ein Waschlappen ist. Er soll endlich auf den Tisch hauen. Besser noch, er soll seine über alles geliebte Eleonore, sein Zuckermäuschen, einfach mit einem Fernseher konfrontieren. Mich nervt seine ständige Anwesenheit. Er stopft meine Chips rein, als ob es von morgen an verboten wäre, und säuft meinen Wein, von trinken kann keine Rede sein, um dann jedes Mal halb besoffen nach dem Spiel heimzutorkeln. Wahrscheinlich erzählt er der dummen Kuh, dass ihn der böse Francesco zu Chips und Wein verführt hat. So schaut sie mich nämlich immer an. Als ob ich der Teufel in Person bin.»

«Ich gebe zu, sie ist etwas eigen.»

«Ha! Eigen! Das ist aber sehr nett ausgedrückt. Was solls. Das ist nicht unser Problem. Jetzt hat sich der Hanswurst auch noch das Bein gebrochen. Das passt zu ihm.»

«Wie meinst du das, Francesco?», hakte Nadine nach.

«Kennst du den Schauspieler Pierre Richard?»

«Ich habe einen Film mit ihm und Gerard Depardieu gesehen. Weshalb fragst du?»

«Pierre Richard spielt immer den zerstreuten Tollpatsch, der unverschuldet in die kritischsten Situationen gerät. Er zieht das Unglück magisch an. Der da drüben ist unser Pierre Richard. Selbst wenn in ganz Birsfelden die Sonne scheint, regnets über dem Haus von Andreas. Wie hat er sich eigentlich seinen Scheichen gebrochen?»

«Er ist in eine Baugrube gefallen, an der Wartenbergstrasse reissen sie die Strasse auf.»

«Was!? War die Baustelle nicht gesichert?»

«Doch, schon. Er hielt sich an der Bauschranke fest, um hineinzuschauen, und ist dann samt der Schranke abgestürzt.»

«War das Loch tief?»

«Nicht wirklich, aber Andreas prallte unglücklich auf eine der Leitungen.»

«Siehst du, Nadine. Das meine ich. Bei jedem anderen hätte die Absperrung gehalten, nur nicht bei ihm. Der Trampel fällt mit ihr zusammen in die Baugrube und bricht sich das Bein. Jetzt hängt mir die Klette noch mehr am Hals. Er wird jeden Abend auftauchen, mich mit seinen treuen Hundeaugen anglotzen und fragen: ‹Störe ich dich, Francesco? Ich komm nur auf einen Sprung vorbei, dann bin ich schon wieder weg. Ah! Ist das ein Champions-League-Match? Darf ich mich etwas zu dir setzen? Nur für die erste Halbzeit. Ich muss dann wieder zu Eleonore, sie vermisst mich sicher schon. Was trinkst du da? Einen roten Dezaley. Ein guter Wein. Macht es dir etwas aus, wenn ich ihn koste?›», äffte der Kommissär den Nachbarn nach.

«Nun hab dich nicht so. Er ist ein lieber Mensch.»

«Eine Nervensäge.» Ferrari gähnte. «Ausserdem bin ich müde und will nicht länger über Andreas diskutieren. Ihr kommt sicher auch ohne mich aus. Komm, Puma, wir gehen schlafen.»

«Da wäre noch eine Kleinigkeit! »

Ferrari sah die beiden fragend an. Was kommt denn jetzt? So, wie die zwei dasitzen, schwant mir nichts Gutes. Das gefällt mir nicht. Überhaupt nicht! Beim letzten Mal sollte ich auf der Schützenmatte für die Stiftung von Olivia Vischer unzählige Runden laufen. Das wurde zum Glück durch einen Mord verhindert. Na ja, das klingt jetzt etwas pietätlos. Was hecken die beiden bloss aus?

«Wie gesagt, Andreas liegt mit gebrochenem Bein im Bett.»

«Das hatten wir schon. Und, was heisst das?»

«Lea und Iris brauchen deshalb einen Ersatz.»

«Ich verstehe nicht, einen Ersatz wofür? Was haben Andreas’ Kinder mit seinem gebrochenen Bein zu tun? Und vor allem, was geht das mich an?»

«In drei Tagen ist Fasnacht, mein Schatz.»

«Unüberhörbar! Und?»

«Andreas wollte mit den Kleinen am Montag an den Cortège.»

Ferraris Augen weiteten sich vor Schreck.

«Kommt nicht infrage!»

«Und am Dienstag an den Kinderumzug.»

«Spinnst du, Nadine?»

«Sie basteln seit Wochen an einem Leiterwagen herum. Sie freuen sich riesig auf die Fasnacht.»

«Eleonore hat den beiden zwei sensationelle Kostüme geschneidert und für Andreas, der den Leiterwagen ziehen sollte, einen Waggis.»

«Das ist nicht euer Ernst! Womöglich soll ich noch mit den Mädchen an den Morgestraich?!»

«Das ist lieb von dir, aber nicht nötig. Auf deinem Programm stehen nur der Cortège und die Kinderfasnacht, Liebling! »

Das darf doch alles nicht wahr sein! Ich soll als Waggis verkleidet am Dienstag bei Wind und Regen mit zwei kleinen Kindern und womöglich noch mit dieser Eleonore im Schlepptau am Kinderumzug teilnehmen? Mit einer Larve, unter der ich ersticken werde! Und alles, weil sich Pierre Richard das Bein gebrochen hat. Womöglich mit Absicht, um nicht an dem stupiden Umzug teilnehmen zu müssen.

«Nun, was ist, Francesco?»

Monika konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen und auch Nadine schmunzelte auf den Stockzähnen.

«Nein und nochmals nein! Mein letztes Wort. Ich spiel nicht den Pausenclown für diese Eleonore.»

«Du machst es für die Kinder oder magst du die Kleinen nicht?»

«Hm! »

Die beiden Hyänen haben meinen wunden Punkt getroffen. Es sind zwei sehr nette Mädchen. Höflich, hilfsbereit, lustig, verspielt und manchmal ein bisschen frech. Genau so, wie Kinder sein sollten.

«Wer hilft dir im Spätsommer, die Äpfel einzusammeln, die am Boden verfaulen würden, weil der Herr des Hauses sie nicht pflücken will? Wer recht das Laub, während der Pascha träge auf seiner faulen Haut liegt?»

«Also, ich muss schon bitten! »

«Ganz richtig geraten. Es sind Lea, Iris und Nikki, die deine Arbeit machen.»

«Kinderarbeit! Schäm dich, Francesco!»

«Diese lieben Kinder sind jetzt traurig, todtraurig. All ihre schönen Fasnachtspläne haben sich in Luft aufgelöst, weil sich der hartherzige Nachbar querstellt.»

«Schöner Nachbar! »

«Komm, Nadine, wir gehen in die Küche. Du musst dich nicht weiter bemühen, Francesco. Ich gehe morgen früh rüber und sage Eleonore, dass du nicht kannst. Aus beruflichen Gründen. Ich lüge sogar für dich, alles andere ist mir so was von peinlich.»

«Wir wären sogar mitgekommen», fügte Nadine an.

«Stimmt. Du hättest nur den Leiterwagen ziehen müssen. Mehr nicht. He … ich rede mit dir. Was spielst du da mit deinem Natel herum?»

«Francesco trägt seit Neustem seine Termine im iPhone ein. Da staunst du, Monika.»

«Also, was ist jetzt?»

Monika verlor langsam, aber sicher die Geduld.

«Mittwoch geht nicht!»

«Aha, und warum nicht?»

«Da ist Champions League.»

«Blödsinn! Während der Fasnacht ist kein Fussball.»

«Die internationalen Spiele finden trotzdem statt. Unsere Fasnacht interessiert die UEFA nicht.»

«Und wer spielt an diesem Tag?»

«Monaco gegen Arsenal und Leverkusen gegen Atletico Madrid.»

«Na, das ist ja kein Problem. Ich dachte schon dein Marco spielt.»

«Das Rückspiel in Porto findet erst am 10. März statt. Mit dem Unentschieden haben wir eine gute Chance, in die Viertelfinals zu kommen. Ich bin jetzt schon ganz aufgeregt, wenn ich daran denke.»

«Dann steht der Fasnacht ja nichts im Weg.»

«Du kannst dich auf den Kopf stellen, Monika. Es bleibt dabei. Montag und Dienstag sind mir egal, am Mittwoch schaue ich Champions League.»

«Was diskutiert ihr da eigentlich? Die Spiele beginnen doch erst um Viertel vor neun.»

Monika sah Nadine irritiert an.

«Stimmt das, Francesco?»

«Sag ich doch die ganze Zeit.»

«Hast du nicht. Ich dachte, die spielen viel früher.»

«Champions-League-Spiele beginnen immer um Viertel vor neun. Das weiss doch jeder.»

«Gut, damit können wir die Diskussion beenden. Die Kids müssen spätestens um acht zu Hause sein. Die sind dann sicher total durch den Wind und du kannst problemlos vor der Kiste für deinen Marco Tränen vergiessen.»

«Wenn er nicht noch eine Saison anhängt. Kann ja durchaus sein, oder?»

«Möglich wäre es natürlich schon. Aber ich will nicht …»

«Schluss mit der Diskussion! Ich kanns nicht mehr hören. Marco hier, Marco da. Es wundert mich, dass im Arbeitszimmer nicht alles mit Marco-Postern zugepflastert ist.»

«Eine gute Idee!»

«Untersteh dich. Und, was ist jetzt? Wenn wir dir garantieren, dass du am Mittwoch um acht zu Hause bist, springst du dann für Andreas ein?»

«Ja, ich machs. Weil ich die Mädchen mag. Aber ihr kommt mit. Wehe, ihr haut einfach ab. Dann könnt ihr was erleben. Und ohne den Waggis, damit das klar ist.»

Sie sahen sich triumphierend an und verzogen sich tuschelnd in die Küche. Diese Runde ging ganz klar an das weibliche Geschlecht. Weshalb gebe ich eigentlich immer nach? Oder anders herum gefragt, warum sperre ich mich überhaupt dagegen? Sie gewinnen immer. Sie wissen nur zu gut, wie sie mich in die Defensive drängen und letztendlich besiegen können. Ein raffiniertes Gespann! Und alles, weil Monika in diesem Jahr nicht wegfahren kann. Eine ihrer Apothekerinnen erwartet ein Kind und muss sich nun vorzeitig schonen. Im Klartext heisst das, die letzten sieben Wochen liegen. Auch nicht gerade verlockend! Auf jeden Fall ist die Häufung dieser unglücklichen Zufälle nun meine Bürde. Ich bin der Hofnarr, der die Suppe auslöffeln darf. Dabei betrifft mich weder der Beinbruch noch die schwierige Schwangerschaft! Genau. Wenn ich es mir recht überlege, dann war das eine absolut unfaire Attacke von Monika und Nadine. So nicht, meine Damen! Ich gehe jetzt zu den Amazonen in die Küche und sag ihnen die Meinung. Und dann können sie sich ihren Leiterwagen weiss Gott wohin stecken.

«Ist was, Francesco?»

«Öh … ich … nein, nein. Es ist nichts. Gar nichts. Ich freue mich nur auf den nächsten Dienstag. Gute Nacht.»

Das Lachen von Monika und Nadine überdröhnte sogar die zum Endstreich ansetzenden Fasnächtler im Hardwald.

2. Kapitel

Am Wochenende schaute sich Ferrari die Bescherung an. Eines musste man Andreas lassen, der Leiterwagen war grosse Klasse. Pierre Richard humpelte voller Stolz und ziemlich unbeholfen durch die Garage. Der Kommissär blieb auf Distanz. Womöglich trifft er mich noch mit einer seiner Krücken. Jetzt ist mir auch klar, weshalb er seinen braunen Volvo die ganze Zeit in der Einfahrt und nicht in der Garage stehen liess. Lea und Iris wichen nicht von Ferraris Seite. Sie führten ihn ins Haus und zeigten ihm die Kostüme, die ebenfalls wunderschön waren. Ehrfürchtig fuhr Ferrari über den Stoff.

«Möchtest du einen Kaffee?», Eleonore trat mit einer Tasse ins Kinderzimmer.

«Oh ja, sehr gern.»

«Danke, dass du für meinen Mann einspringst, Francesco.»

«Gern geschehen. Die Kostüme sind super. Bist du Schneiderin?»

«Eigentlich Designerin. Doch seit einigen Jahren etwas aus der Übung.»

«Scheint mir aber nicht so.»

«Danke. Das macht wirklich Spass, ist allerdings keine besonders kreative Leistung. Es gibt nur wenige klassische Sujets. Den Waggis, die Alte Tante, den Harlekin, den Blätzlibajass,» sie dachte einen Augenblick nach, «ah ja, den Dummpeeter, den Stänzler und den Ueli. Lea wollte unbedingt eine Alte Tante und Iris ein Harlekin sein.»

«Und das sind unsere Laternen, Francesco.»

Auch diese waren mit viel Liebe und Geschick von Eleonore gestaltet worden. Ferrari spürte ein Kribbeln, so etwas wie Vorfreude machte sich bemerkbar. Vielleicht wird es ja gar nicht so schlimm.

«Schade, dass niemand den Waggis trägt. Der ist mir besonders gut gelungen», hörte er Eleonores Stimme.

Das war nun definitiv der Moment, in dem der Kommissär dringend weg musste.

In der Nacht auf Montag stand Ferrari kurz vor vier Uhr auf, weil Puma ihren morgendlichen Waldrundgang machen wollte. Im Halbschlaf liess er die Katze zur Balkontür hinaus. Es war ziemlich kühl, aber trocken. Von Weitem hörte er Trommeln und Pfeifen aus der Stadt, die Basler Fasnacht hatte soeben begonnen. Gähnend setzte er sich auf die Couch und stellte den Fernseher an. Telebasel übertrug live vom Marktplatz aus. Ferrari sah sich einige Minuten das Spektakel an und verkroch sich danach wieder unter die Bettdecke, nicht ohne die Tür zum Garten einen Spalt offen zu lassen, damit Puma ungehindert wieder hineinschlüpfen konnte. Herrlich, diese wohlige Bettwärme. Zwei, drei Stunden Schlaf lagen noch drin.

Gut gelaunt stieg Ferrari am Montagmorgen am Barfüsserplatz aus dem Dreier, um zu Fuss durch die Steinenvorstadt zum Waaghof zu schlendern. Basel ist einfach schön, auch wenn sich die Stadt derzeit im Ausnahmezustand befindet. Andere würden wohl vom Fasnachtsfieber, von den drey scheenschte Dääg reden. Wie immer war es eine Frage des Standpunkts. Vor verschiedenen Lokalen hatten die Fasnächtler unbeaufsichtigt ihre Trommeln und Larven abgestellt. Echt mutig, dachte Ferrari und nahm sich vor, die zuständigen Kollegen zu fragen, ob es während der Fasnacht zu vermehrten Diebstählen kam.

Nadine sass bereits an ihrem Schreibtisch, sie sah übermüdet aus. Langsam, fast schon in Zeitlupe nippte sie an der Kaffeetasse.

«Guten Morgen. Am Morgestraich gewesen?»

«Freinacht!» Sie gähnte herzhaft. «Es bringt nichts, um Mitternacht ins Bett zu gehen. Da haben wir einfach durchgemacht.»

«Wir?»

«Es geht dich zwar nichts an, aber ich bin heute grosszügig. Ja, wir. Ich war mit Yvo unterwegs.»

Das hätte ich mir denken können! Yvo Liechti, gut aussehender Stararchitekt und ein alter Schulfreund, der nebenbei bemerkt viel zu alt für Nadine war. Doch mit dieser Meinung stand der Kommissär ziemlich allein auf weiter Flur. Na ja, nicht ganz – Nadines Vater, Nationalrat Kupfer, stärkte ihm den Rücken.

«Es war genial. Zuerst haben wir in der Bodega gut gegessen, sind in verschiedenen Bars abgehangen, bis Punkt vier Uhr die Lichter ausgingen. Morgestraich, vorwärts marsch! Ein echt magischer Moment. Mir lief es kalt den Rücken rauf und runter. Später sind wir noch zu einem Freund von Yvo, der am Marktplatz wohnt. Und jetzt bin ich topfit und voll im Einsatz.»

«Man siehts! Aber heute Nachmittag kneifst du nicht.»

«Von wegen. Ich freue mich riesig. Fasnachtsmuffel Francesco Ferrari mit drei attraktiven Frauen und zwei Mädchen. Das wird bestimmt lustig.»

«Drei attraktive Frauen?»

«Eleonore, Monika und ich.»

«Eleonore ist nicht attraktiv.»

«Oh doch, verdammt attraktiv sogar. Nur versteckt sie es ziemlich gut unter ihren weiten Kleidern.»

«Hm. Und wann gehts los?»

«Wir treffen uns mit Monika, Eleonore und den Kids um halb zwei auf dem Wettsteinplatz. Deine Aufgabe ist es, die Kleinen bei den Wagencliquen hochzuhalten, damit sie so viele Süssigkeiten wie nur möglich ergattern können.»

Wunderbar! Und am Abend habe ich einen Hexenschuss. Das sind ja schöne Aussichten.

«Der Freund von Yvo heisst nicht zufällig Roman?»

«Du kennst ihn?»

«Allerdings. Das Haus am Marktplatz gehört ihm, so wie noch einige andere in der Innenstadt. Mich wundert, dass Yvo und Roman keine Fasnacht machen.»

«Sie setzen für ein Jahr aus. Ehrlich gesagt, ich glaube, dass sie sich nicht damit abfinden können, in der Alten Garde zu trommeln.»

«Wie bei meinem Vater. Nur nicht zugeben, dass man älter wird.»

«Sagt der, der an keinem Fenster vorbeigeht, ohne einen Blick hineinzuwerfen. Es könnte ja eine der spärlichen Haarsträhnen verrutscht sein.»

«Tja, Schönheit will gepflegt sein. Ich bin eben ein eitler Pfau, aber ich kenne meine Grenzen. Im Gegensatz zu …»

«Du meinst im Gegensatz zu Yvo.»

«Yvo Liechti, der renommierte Architekt?»

«Genau der. Guten Morgen, Herr Staatsanwalt. Wieso sind Sie denn hier und erst noch im Kostüm?»

«Ich fahre gleich nach Hause. Ich bin froh, wenn ich aus dem Zeug rauskomme. Noch ein oder zwei Jahre, dann höre ich bei den Olympern auf.»

«Wo ist denn Ihre Trommel?»

«Ich spiele Piccolo, Frau Kupfer», stellte Staatsanwalt Jakob Borer richtig.

Nadine sah den Kommissär fragend an.

«Die Olymper sind eine reine Männerclique, also ist Pfeifen auch Männersache.»

«Nur nicht so despektierlich, Ferrari. Man könnte meinen, dass es für einen Mann eine Schande ist, Piccolo zu spielen. Zudem ist das heute nicht mehr so getrennt, Frauen trommeln und Männer spielen Piccolo. Wir leben in einer modernen Gesellschaft. Da greifen Stereotypen nicht mehr.»

«Also für mich stimmt das völlig. Ich bin nämlich kein Fasnächtler.»

«Erstaunt mich nicht. Ein humorloser Mensch wie Sie kann mit der Fasnacht nichts anfangen.»

«Humorlos? Was bitte hat Fasnacht mit Humor zu tun?»

«Ha! Sehen Sie, Frau Kupfer. Ihr Partner ist ein Banause. Wie soll ich jemandem wie Ihnen den tieferen Sinn der Fasnacht erklären?»

«Versuchen Sies!»

«Nun gut. Die Fasnacht ist …»

Weiter kam der Staatsanwalt mit seinen Erklärungen nicht. Big Georg, der Chef der Fahndung, trat ohne anzuklopfen ins Büro.

«Gott sei Dank, da seid ihr ja!»

«Hallo, Georg, willst du dich nicht setzen?»

«Keine Zeit, Nadine. Wir müssen zum Rümelinsplatz. Sofort!»

«Nun setz dich erst einmal. Du bist ja ganz fertig.»

Georg liess sich widerwillig auf Ferraris Stuhl plumpsen, der ob des Gewichts von hundertfünfzig Kilo bedenklich knackste.

«Was sollen wir am Rümelinsplatz?»

«Eine Frau wurde auf offener Strasse überfallen … von einem Kostümierten.»

«Ist sie tot?»

Georg nickte.

«Ich habe Peters Leute bereits informiert. Sie warten am Tatort auf euch.»

Nadine sah Big Georg nachdenklich an.

«Wer ist es, Georg? Kennen wir die Frau? Oder kennst du die Frau?»

Der Chef der Fahndung nickte, Tränen liefen über seine Wangen.

«Es … Nadine, Francesco … die Tote ist meine Tochter!»

Die Polizei hatte den gesamten Platz abgesichert. Nadine half Georg aus dem Streifenwagen. Er zitterte und wirkte abwesend.

«Willst du dir das wirklich antun?»

«Wie? … Äh … ich … ich muss sie sehen, Nadine. Nochmals in den Arm nehmen … nur noch einmal.»

Peter Strub, der leitende Polizeiarzt, kam auf sie zu.

«Gut, dass ihr da seid. Wir haben eben erst mit der Spurensicherung begonnen. Wie geht es Big Georg?», wandte er sich flüsternd an Nadine.

«Den Umständen entsprechend. Er reisst sich zusammen. Ist es Annik?»

«Mit Sicherheit. Getötet durch einen Kopfschuss aus nächster Nähe.»

Ferrari ging langsam auf die unter einer Blache liegende Tote zu. Bevor er das Tuch hob, drehte er sich nochmals zu Big Georg um, der bewegungslos an einer Wand lehnte. Mit sichtlicher Überwindung hob er das Leichentuch, Nadine und Strub knieten sich zu ihm nieder.

«Gehts, Francesco?»

Der Kommissär atmete tief durch. Sein Puls raste.

«Mein Gott! Es … es ist ein glatter Durchschuss.»

«Ja. Sie ist sofort tot gewesen.»

«Wie ein aufgesetzter Schuss», stammelte Nadine. «Ein geplanter Mord. Jemand hat ihr aufgelauert und sie kaltblütig erschossen.»

Ferrari sah seine Kollegin entsetzt an. Sekunden vergingen, niemand sprach auch nur ein Wort. Nach einer gefühlten Ewigkeit erhob sich der Kommissär und zog sich die Plastikhandschuhe, die ihm Peter Strub gegeben hatte, von den Händen.

«Wie lange brauchst du, Peter?»

«Eine Stunde. Was machen wir inzwischen mit Georg?»

«Lass ihn zu seiner Tochter.»

«Und die Spuren?»

«Lass Georg mit seiner Tochter für einige Minuten allein. Er soll in Ruhe von ihr Abschied nehmen.»

Strub wollte insistieren, wurde aber durch einen warnenden Blick von Nadine gestoppt. Sie wusste, dass Ferrari jetzt keine Widerrede duldete. Der Polizeiarzt gab seinen Leuten die Anweisung, eine Pause einzulegen.

«Es ist kein schöner Anblick», wandte sich der Kommissär mit rauher Stimme an Big Georg.

«Ich will sie sehen.»

Ferrari nickte. Der Chef der Fahndung schritt wie in Trance die wenigen Meter zu seiner Tochter hin. Mühsam sank er in die Knie, zog das Tuch weg und nahm Annik von einem Weinkrampf geschüttelt in die Arme. So verharrte er einige Minuten, bis Nadine ihn sanft an der Schulter berührte.

«Ich … sie hat doch niemandem etwas getan! Wieso nur? Ich … ich begreife das nicht.»

«Es ist sicher ein grausamer Irrtum. Komm, Georg, wir bringen dich nach Hause.»

Big Georg nahm seine Tochter ein letztes Mal in den Arm. Ein Abschied für die Ewigkeit. Dann legte er sie sanft zurück auf den Boden. In dieser Geste lag eine unendlich tiefe Liebe, wie sie nur Eltern für ihre Kinder empfinden können. Unauffällig wischte der Kommissär eine Träne weg. Etwas lief ganz entschieden falsch. Nie und nimmer sollten Kinder vor ihren Eltern sterben. Das entsprach nicht dem Lauf der Dinge. War es Schicksal? Oder einfach abgrundtiefe Ungerechtigkeit? Ferrari und Strub halfen Big Georg hoch, jegliche Farbe war aus seinem Gesicht gewichen.

«Es … es tut mir leid … ich habe eure Ermittlungen aufgehalten … Spuren vernichtet …», mit einem letzten Blick auf seine Tochter ging er zum Streifenwagen zurück. Wie ein alter, geschlagener Mann, dachte der Kommissär und legte sorgfältig das Tuch über Annik. Hoffentlich gibt es einen Himmel und hoffentlich entspricht dieser Ort dem so sehr ersehnten Paradies.

Inzwischen war auch Staatsanwalt Jakob Borer eingetroffen, zum Glück ohne Kostüm. Aufgeregt unterhielt er sich mit einem Mann.

«Wer ist das?», wandte sich Nadine fragend an Ferrari.

«Ich glaube einer von der ‹TagesWoche›. Die haben dort an der Ecke ihre Büros.»

Anscheinend waren sich Borer und der unbekannte Mann einig geworden. Mit zackigen Schritten trat der Staatsanwalt auf sie zu.

«Die ‹TagesWoche› wird sich zurückhalten, nur einen kleinen Online-Bericht bringen. So können wir in Ruhe arbeiten … ich meine natürlich, so können Sie in Ruhe ermitteln.»

«Wer war das?»

«Der Chefredaktor. Er hat sich sehr kooperativ gezeigt. Ich bringe jetzt Georg nach Hause.»

«Gut. Wer hat den Mord gemeldet?»

«Eine Kellnerin aus dem Unternehmen Mitte, sagen die Kollegen. Greif … Christine», antwortete Nadine.

«Sollen wir nun mit unserer Arbeit beginnen?», mischte sich Strub ein. «Falls es überhaupt noch Sinn macht.»

Ruckartig drehte sich Ferrari zu ihm um. Der vorwurfsvolle Ton war nicht zu überhören gewesen.

«Fangt an! Und sag jetzt am besten nichts mehr … Komm, Nadine, ich muss unbedingt einen extrastarken Kaffee trinken.»

In Gedanken versunken rührte der Kommissär in seiner Kaffeetasse. Die drei Zuckerstücke hatten sich längst aufgelöst, doch einem inneren Zwang folgend wechselte er nach exakt fünf Umdrehungen die Richtung.

«Er wird dadurch nicht besser», bemerkte Nadine, die dem eigenartigen Treiben eine Weile zugesehen hatte.

«Wie? … Was? Oh, entschuldige. Ich war abwesend. Das ist grausam und absolut ungerecht. Wer tut so etwas? Annik wurde regelrecht hingerichtet. Einfach entsetzlich! »

«Das stimmt. Vielleicht war es ein Irrer oder jemand, der sich an Annik rächen wollte.»

«Oder an Big Georg.»

«Kann auch sein.»

Eine Angestellte des Unternehmens Mitte trat an ihren Tisch.

«Mein Name ist Greif, Christine Greif. Sie wollen mich sprechen? Das ist alles so schlimm … Ich kann es noch immer nicht begreifen … Annik … sie trank bei uns jeden Morgen einen Kaffee.»

«Auch heute?»

«Ja, auch heute. Annik arbeitet … arbeitete am Spalenberg in einem kleinen Laden. Unsere letzten Morgestraichgäste sind so gegen sieben gegangen. Annik …», sie begann zu schluchzen, «Annik war unter der Woche immer der erste Gast. Sie kam um acht, trank ihren Kaffee, bevor sie zur Arbeit ging. Heute war es nicht anders.»

«Ist Ihnen etwas aufgefallen?»

«Ich habe den Clown gesehen», flüsterte sie.

«Einen Clown?»

«Ja, den Mörder! Ich dachte noch, was für ein wunderschöner Clown.»

«Sie meinen einen Harlekin?»

«Nein, Herr Ferrari, einen richtigen Clown.»

«Aus welcher Richtung kam er?»

«Vom Hotel Basel. Er stand einen Augenblick unschlüssig auf dem Platz. Was der wohl sucht, dachte ich. Dann sah er Annik und rannte auf sie zu. Ich hatte zu Ende geraucht und wollte gerade wieder ins Lokal zurück, da hörte ich einen Schuss. Ich drehte mich um. Der Clown rannte zum Spalenberg hoch … und ich … ich rannte rüber zu Annik. Sie lag in einer Blutlache. Ich wusste sofort, dass sie tot ist. Das … das ist alles so schrecklich.»

«Riefen Sie die Polizei an?»

«Es drehte sich alles. Ich konnte mich nur noch an die Telefonnummer der Feuerwehr erinnern. Die nahmen alles auf. Einige Minuten später wimmelte es bereits von Polizisten.»

«Waren noch andere Personen auf dem Platz?»

«Einige blieben stehen und gafften. Ob sie dann weitergegangen sind, weiss ich nicht. Wäre ja verständlich. Es will ja niemand in einen Mord verwickelt werden. Möchten Sie noch einen Kaffee?»

«Gern!»

Ferrari rührte erneut wie wild in seinem Kaffee.

«Das musste ja einmal so weit kommen.»

«Was meinst du?»

«Wenn ich jemanden ermorden würde, dann während der Fasnacht. Es gibt nichts Einfacheres. Eine ideale Zeit. Zehntausend in Kostümen und kein Mensch rechnet mit dem Schlimmsten. Ich wundere mich, dass es nicht mehr Überfälle in diesen drei Tagen gibt.»

«Nur dass es kein Überfall war, Francesco. Vielmehr haben wir es mit einem eiskalten, geplanten Mord zu tun. Du hast ja selbst von Hinrichtung gesprochen. Der Clown sieht sich nach Annik um, wartet, bis sie den Platz überquert, rennt auf sie zu, zückt seine Pistole und drückt ab. Dann verschwindet er in Richtung Spalenberg. Keine Spur eines Raubversuchs. Er hat Annik vorsätzlich erschossen.»

«Aber warum? Mit welchem Motiv?»

«Tja, das gilt es, herauszufinden. Kanntest du Annik gut?»

«Nicht wirklich. So viel ich weiss, war sie mit einem Polizisten liiert. Big Georg redet nicht über sein Privatleben, auch nicht über das seiner Tochter.»

«Vielleicht galt der Anschlag gar nicht Annik, sondern Big Georg.»

Ferrari nickte. Daran musste er die ganze Zeit denken. Nadine wollte die beiden Kaffees und ihr Mineralwasser bezahlen.

«Lassen Sie nur. Sie sind meine Gäste. Das bin ich Annik schuldig.»

Jetzt war es um Christine Greifs Beherrschung geschehen. Weinend rannte sie hinter den Tresen.

Peter Strubs Leute hatten unterdessen ihre Arbeit beendet.

«Viel ist dabei nicht herausgekommen», rapportierte der Polizeiarzt. «Die wenigen Spuren, die vorhanden waren, habt ihr vernichtet. Sie wurde mit einer grosskalibrigen Waffe aus nächster Nähe erschossen. Ein Schädeldurchschuss. Die Kugel ist in der Wand stecken geblieben. Wer auch immer Annik auf dem Gewissen hat, ist nicht recht bei Trost. Ein Wahnsinniger!»

«Danke, Peter. Ergab die Befragung weiterer Zeugen etwas?»

«Wie immer, niemand hat etwas gesehen oder gehört. So, wir rauschen jetzt ab und geben den Platz wieder frei. Das definitive Ergebnis kriegt ihr morgen. Mir ist die Freude an der Fasnacht eh gründlich vergangen.»

Ferrari fuhr mit der Hand über die Wand, das Projektil hatte ein Loch in die Wand gerissen. Annik ist knapp dreissig gewesen. Ein junger Mensch, lebensfreudig, interessiert, offen und mit vielen Plänen. Die Zukunft lag doch noch vor ihr, so vieles hätte es zu entdecken gegeben. Das Leben will gelebt sein, und zwar in all seinen Schattierungen. Aus unerklärlichen Gründen sollte es für Annik anders kommen, jäh wurde das Ihrige beendet. Mit einem einzigen Schuss, abgegeben von einem Clown. Ausgerechnet ein Clown, der doch Freude verbreiten, die Menschen zum Lachen bringen soll, und kein Blutbad anrichten darf!

«Mir ist die Lust am Cortège vergangen. Soll ich Monika anrufen und absagen?»

«Nein! Die Mädchen freuen sich darauf. Da müssen wir durch. Ich glaube nicht, dass wir heute noch etwas herausfinden. Gehen wir zurück in den Waaghof. Ruf bitte Georg an. Ich möchte wissen, wie es ihm geht.»

Auf dem Weg ins Kommissariat sprach keiner ein Wort. Immer wieder von Neuem wählte Nadine die Telefonnummer des Fahndungschefs. Vergeblich.

«Er nimmt nicht ab, Francesco.»

«Vielleicht schläft er ein wenig. Wir müssen ganz schnell den Mörder finden, Nadine, bevor Big Georg durchdreht und mit ihm seine ganze Truppe.»

«Na, prima! Und wie stellst du dir das vor? Hast du einen konkreten Ansatz?»

«Zunächst müssen wir alles über Annik wissen. Am besten wir reden mit ihrem Freund.»

«Den treibe ich problemlos auf. Soll er zu dir ins Büro kommen?»

«Ja, bitte sofort. Für Big Georg ist das alles zu viel. Vor einem Jahr der Tod seiner Frau und jetzt Annik. Kein Mensch erträgt solche Schicksalsschläge.»

Im Kommissariat schlichen die Kollegen wortlos an ihnen vorbei. Die Stimmung war auf dem Tiefpunkt angelangt.

«Was ist denn hier los?»

«Der Mord hat die Runde gemacht.»

«Da muss noch was sein. Fragen wir Borer, der weiss schliesslich alles. Hast du Anniks Freund erreicht?»

«Noch so etwas Eigenartiges. Er ist nicht da und niemand kann mir sagen, wo er sich befindet.»

Wider Erwarten sass Staatsanwalt Borer nicht in seinem Büro und auch seine Vorzimmerdame glänzte durch Abwesenheit.

«Was ist hier eigentlich los? Ruf Peter an. Vielleicht kann er uns weiterhelfen.»

«Das wird nicht notwendig sein.»

«Ah, da sind Sie ja, Herr Staatsanwalt. Haben wir etwas verpasst? Die Kollegen weichen uns aus, als ob wir die Pest hätten.»

«Es ist nicht wegen Ihnen, sondern wegen Big Georg.»

«Hören Sie bitte mit der Geheimniskrämerei auf. Was ist mit Big Georg?»

«Er sitzt in seinem Büro.»

«Sie wollten ihn doch nach Hause fahren.»

«Korrekt. Er weigerte sich, also fuhr ich ihn ins Büro. Wenn ich gewusst hätte, weshalb, wäre ich nicht so blöd gewesen.»

«Jetzt reisst mir dann endgültig der Geduldsfaden. Was geht hier ab? Reden Sie Klartext!»

«Georg ging nicht in sein Büro, sondern zu Anniks Freund … Exfreund Daniel Spiess. Er ist Wachtmeister.»

«Und?»

«Es kam zu einem … einem Disput. Und bevor jemand eingreifen konnte, stürzte sich Georg auf ihn. Spiess liegt jetzt im Kantonsspital. Er wirds überleben, aber Georg muss ziemlich ausgerastet sein. Es brauchte sechs Mann, um ihn zu bremsen, Frau Kupfer. Die wollten ihn in eine Zelle sperren … Jetzt sitzt er in seinem Büro und wird von zwei Polizisten bewacht.»

Ferrari rannte bereits durch den Gang, die Treppe hinunter, rechts, dann links zu Georgs Büro. Weiter kam er nicht, denn die beiden vor der Tür postierten Polizisten stellten sich ihm in den Weg.

«Der ist total ausgerastet, Francesco. Wir lassen dich nicht allein zu ihm.»

«Unsinn! Zudem bin ich nicht allein, Nadine begleitet mich.»

«Wie du willst. Auf eigene Gefahr.»

Big Georg sass wie versteinert auf seinem Stuhl. Der Kommissär setzte sich ihm gegenüber, während sich Nadine im Hintergrund hielt. Minutenlang schwiegen sie sich an. Die Luft war gespannt, es knisterte förmlich.

«Er war es! Dieses Schwein konnte nicht verkraften, dass ihn Annik verlassen hat.»

«Sie war nicht mehr mit Spiess zusammen?»

«Seit einigen Monaten. Er akzeptierte es nicht, lauerte ihr vor dem Geschäft auf und bedrohte sie.»

«Was hast du dagegen unternommen?»

«Zuerst habe ich ihm gedroht, dann liess ich ihn versetzen. Es sollte nicht heissen, ich würde ihn schikanieren. Aber das Ganze wurde nur noch schlimmer, seine Aggressivität steigerte sich. Sicher auch, weil er sich von mir ungerecht behandelt fühlte. Niemand wechselt gern von der Fahndung in die Uniform. Ein bewusster Schachzug in der Hoffnung, er würde den Dienst quittieren, doch er hielt durch. Ein Kollege nach dem anderen distanzierte sich von ihm. Da er gegen mich machtlos war, schoss er sich auf Annik ein. Francesco, ich … ich allein bin für den Tod von Annik verantwortlich! »

«Gibt es Zeugen für seine Drohungen?»

«Frag Robert oder Martin. Sie werden es dir bestätigen.»

«Warum bist du so sicher, dass er Annik erschossen hat?»

«Er ist ein Waffennarr. Seine Wohnung ist voll davon. Peter war kurz hier und sprach von einem grosskalibrigen Geschoss. Da wusste ich, dass er es gewesen ist … Vor einer Woche kam Annik vollkommen aufgelöst nach Hause.»

«Sie wohnte bei dir?»

«Wieder. Weil sie es nicht allein in ihrer Wohnung aushielt. Er lauerte ihr nämlich auch dort auf. Sie zeigte mir einen Brief von Spiess. Darin stand sinngemäss: Entweder du kommst zu mir zurück oder ich bringe dich um … Dass er wirklich so weit gehen würde … Francesco, das konnte ich doch nicht ahnen!»

Georg schloss die Augen.

«Wo ist der Brief?»

«Bei mir zu Hause. Glaubst du mir nicht?»

«Doch. Wir brauchen ihn als Beweis.»

«Ich … jetzt habe ich alles verloren … zuerst Petra … und jetzt Annik. Francesco … dass ich dazu fähig bin …»

Ferrari nestelte nervös an einem seiner Jackenknöpfe. In solchen Momenten die richtigen Worte zu finden, war schwer. Sehr schwer.

«Ich liess ihn in den Waaghof kommen mit dem einzigen Ziel, ihn für seine Tat büssen zu lassen. Ohne eine Sekunde darüber nachzudenken, was ich da tue, hätte ich ihn kaltblütig ermordet, wenn die Kollegen nicht dazwischengegangen wären …»

«Das sind sie zum Glück. Er liegt im Spital und wird wieder gesund.»

«Gut oder auch nicht … Hier, Francesco, gib das bitte Staatsanwalt Borer.»

Georg schob Ferrari einen Briefumschlag über den Tisch.

«Sobald die Presse Wind davon kriegt, ist hier der Teufel los. Wenn ich jetzt zurücktrete, bleibt zumindest nichts an der Polizei hängen.»