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Anne Gold

Helvetias Traum vom Glück

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Alle Rechte vorbehalten

ISBN der Printausgabe 978-3-7245-1680-4

www.reinhardt.ch

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O Menschenherz, was ist dein Glück?
Ein rätselhaft geborner
und, kaum gegrüsst, verlorner,
unwiederholter Augenblick!

Nikolaus Lenau

1. Kapitel

«Gewählt ist mit hundertfünfundzwanzig Stimmen, Herr Peter Weller.»

«Jetzt hat es das Ekelpaket doch noch geschafft!»

Kommissär Ferrari drehte sich zu seiner Assistentin um.

«Na ja, ein Wonneproppen ist er nicht gerade. Da gebe ich dir recht, Nadine.»

«Ein Arschloch im Quadrat! Hast du seine Kampagne verfolgt? ‹Frauen zurück an den Herd!› ‹Stolze Mütter sollt ihr sein!› Wo sind wir denn da? Und Ausländer müssen seiner Meinung nach Deutsch können, wenn sie in die Schweiz einreisen wollen. Sie sollen eine Prüfung ablegen. Sogar die bilateralen Verträge will er aufkündigen. Ein erzkonservatives Arschloch, das mit seiner Politik die Schweiz um Jahre, wenn nicht um Jahrzehnte zurückwirft.»

«Du übertreibst. Zudem ist er ja nur einer von sieben. Es gibt zum Glück noch andere Kräfte in unserem Land, die für den Fortschritt einstehen und sich nicht von einem Weller aufhalten lassen.»

«Man siehts, Francesco, man siehts.»

Nadine schüttelte den Kopf und versank in trübe Gedanken.

Der Kommissär stellte den kleinen Fernseher ab. Immerhin ist ein Basler in den Bundesrat gewählt worden. Schlechter Trost. Nadines Bemerkungen hallten in seinem Kopf. Erzkonservativ war wohl noch schmeichelhaft ausgedrückt. Ein Rechtsradikaler würde es wohl eher auf den Punkt bringen. Noch vor wenigen Tagen standen die Chancen schlecht, dass Weller den Sprung in den Bundesrat schaffen würde. Die Eidgenössische Fortschrittspartei hatte zwar in den letzten National- und Ständeratswahlen einen erdrutschartigen Sieg eingefahren. Ein aussergewöhnliches Ergebnis für eine Partei, die seit Jahren vor sich hin dümpelte. Wenn man sich jedoch die Parteispitze der EFP näher betrachtete, war die Verdoppelung ihrer Sitze innerhalb von vier Jahren nicht mehr so überraschend. Alle Querulanten der anderen bürgerlichen Parteien hatten sich nämlich mit Weller zur EFP zusammengeschlossen und ihre Anhänger nahmen sie gleich mit. Trotzdem – dieses Ergebnis hatte niemand erwartet. Für die gemässigte Schweiz, in der man sich auf politischer Ebene mit Samthandschuhen anfasste, war es eine Sensation. Die viel besungene und seit ein paar Jahren arg in Bedrängnis geratene Zauberformel schien ihr Ende zu nehmen und alle, die sich gegen Radikalismus jeglicher Art einsetzten, kassierten eine klatschende Ohrfeige.

«Ein Armutszeugnis! Ich schäme mich für die Schweiz. Ich verstehe nicht, dass sich die Bürgerlichen hinter diesen Weller stellen. Auch mein Vater! Der kommt mir heute Abend gerade recht.»

Armer Nationalrat Kupfer. Tja, da muss er durch.

«Das ist Demokratie, Nadine», versuchte Ferrari seine Kollegin zu beruhigen.

«Du findest das sicher auch noch lustig. Womöglich hast du ihn und seine sauberen Parteikollegen bei den National- und Ständeratswahlen auch gewählt. Heimlich versteht sich, um in der Öffentlichkeit sich darüber aufzuregen, dass er seinen Stimmanteil verdoppeln konnte. So seid ihr doch, ihr harmlosen Biedermänner. Gegen aussen hin tolerant und aufgeschlossen. Liberal, wie es doch so schön heisst. Aber, wenns gegen die eigenen Frauen und die Ausländer geht, dann immer feste draufhauen.»

«Also, das ist doch die Höhe! Das lass ich mir von dir nicht sagen. Ich wähle seit Jahren, was heisst seit Jahren, seit Jahrzehnten …»

«Nun, was wählst du, Ferrari?», schrie Nadine mit hochrotem Kopf. «Wen hast du gewählt, wenn nicht diesen Weller? Sicher seine Steigbügelhalter von den Bürgerlichen. Noch schlimmer. Jetzt zeigst du dein wahres Gesicht, Francesco! Du bist zu feige gewesen, Wellers Partei direkt zu wählen. Also wählst du die anderen, die ihn dann auf den Thron heben. Raffiniert! Damit wäschst du deine Hände in Unschuld. Sauber gemacht, Herr Kommissär! Bravo!»

Die letzten Worte hörte wohl auch Staatsanwalt Borer, der nach erfolglosem Klopfen das Büro betrat.

«Ah! Da kommt ja noch so ein Vollblutpolitiker. Wo ist der Champagner, Herr Staatsanwalt? Es gibt Tausende, was sage ich, Millionen von Gründen, um zu feiern. Die Herren der Schöpfung und die Ewiggestrigen sind die Gewinner des heutigen Tages. Aber die Schweiz hat verloren. Hier mieft es gewaltig. Ich muss raus an die frische Luft, bevor ich kotze.»

Nadine Kupfer stiess den Staatsanwalt zur Seite und warf die Tür hinter sich zu. Borer tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Schläfe.

«Ihre Assistentin ist wohl voll durch den Wind.»

Ferrari lächelte milde.

«Sie ist ein wenig erregt. Wellers Wahl hat ihr für heute den Rest gegeben.»

«Schlimme Sache! Wie konnte das nur passieren? Was wird das Ausland über uns denken? Der Mann ist politisch gesehen doch sehr weit rechts.»

«Nadine sagt es deutlicher. Er ist ein rechtsradikales Arschloch.»

«Harte Worte, aber in diesem speziellen Fall nicht ganz von der Hand zu weisen.»

Ferrari schaute den Staatsanwalt an. Irgendetwas schien ihn zu bedrücken.

«Ist Ihnen die Wahl von Weller so unter die Haut gegangen?»

Borer setzte sich.

«Nein … doch. Ich meine, nein.»

«Was nun? Ja oder nein?»

«Weller ist immerhin ein Basler», setzte Borer an.

«Stimmt. Es gibt rund zweihunderttausend Baslerinnen und Basler.»

«Aber nur einen von der Bundesversammlung gewählten Bundesrat, der aus Basel stammt.»

«Meines Wissens ist er nach Brenner und Tschudi der dritte Bundesrat aus Basel-Stadt. Bitte, Herr Staatsanwalt, könnten Sie etwas deutlicher werden?»

«Rechter Flügel, Bundesrat, Empfang in Basel … verstehen Sie, was ich damit sagen will?»

Ferrari nickte bedächtig. Traditionellerweise wurde ein neu gewählter Bundesrat mit allen Ehren in seinem Heimatort empfangen. Ein grosser Anlass für den Politiker, verbunden mit der symbolischen Übergabe des Stadtschlüssels durch den Stadtpräsidenten und einem Galadiner im Grossen Saal der Mustermesse. In kleineren Kantonen wurde die Wahl eines Bundesrates zum Volksfest. Die ganze Wohnortgemeinde stand Kopf und feierte ihren Bundesrat.

«Stadtpräsident Markwart hat mich kurz nach der Wahl angerufen. Er bat mich, beim Empfang für Weller … ich meine, Bundesrat Weller, einige Worte zu sagen. Lobesworte, versteht sich. Immerhin ist der neue Bundesrat ein Bürgerlicher … im weitesten Sinn.»

«Herzliche Gratulation!»

«Hören Sie auf, Ferrari. Markwart will mich schon lange kaltstellen und mit diesem Akt schafft er es womöglich auch.»

Freunde waren Markwart und Borer nicht gerade. Das munkelte man seit Längerem hinter den Kulissen. Nur, hatte Borer überhaupt Freunde?

«Vorsicht, Ferrari. Ihr Blick spricht Bände. Seien Sie unbesorgt, ich habe durchaus Freunde. Nur Markwart gehört nicht dazu. Da war vor Jahren so eine Geschichte … ich habe mich ihm entgegengestellt. Es ging um seine Ständeratskandidatur.»

«Wollten Sie an seiner Stelle kandidieren?»

«Gott bewahre! Nein! Aber wir stritten uns wieder einmal heftig in der Partei. Es ging um die politische Ausrichtung. Mehr nach rechts oder besser mehr nach links. Die eine, eher konservative Hälfte, war für Markwart, die andere für Schneider. Markwart wirft mir noch immer vor, dass eine Rede von mir den Ausschlag für Schneider gegeben habe.»

«Hat anscheinend ziemlich viel gebracht. Die Rede, meine ich.»

«Nur, weil wir Bürgerlichen uns für einmal einig waren und mit Schneider einen gemeinsamen Kandidaten ins Rennen schickten. Sonst wäre der Ständeratssitz noch immer in der Hand der Linken.»

«Tja, die Bürgerlichen schlagen sich in unserem Kanton oft selbst.»

«Ein wahres Wort. Und jetzt soll ich Weller küren. Das passt mir nicht. Das gefällt mir überhaupt nicht.»

«Das zum Thema Politik. Es tut mir leid, Herr Staatsanwalt, aber ich weiss nicht, wie ich Ihnen dabei helfen kann. Mich interessiert Politik nur am Rande. Heute eigentlich nur, weil ich wissen wollte, ob Weller tatsächlich gewählt wird.»

«Könnten Sie nicht Ihre guten Beziehungen zum Basler Daig spielen lassen und mit Olivia Vischer sprechen?»

«Olivia? Was hat denn sie damit zu tun?»

«Markwart frisst ihr aus der Hand.»

«Sie meinen, wenn Olivia ihm gut zuredet, wird er einen anderen bestimmen und Sie sind fein raus.»

Borer rieb sich erfreut die Hände.

«Genau! Wir sind ein ausgezeichnetes Team, Ferrari. Ein hervorragendes Team sogar. Markwart wird nicht die Hand beissen, die ihn füttert.»

«Sie wollen damit sagen, dass Markwart auf Olivias Lohnliste steht?»

«Wie? Nein, nein, das missverstehen Sie vollkommen. Olivia unterstützt die Partei, das meine ich damit. Nun, rufen Sie für mich an? Olivia hört auf Sie. Sie hat den Narren an Ihnen gefressen seit damals, Sie wissen schon, seit dem Fall Brehm.»

Der Kommissär klopfte mit seinem Kugelschreiber auf den Tisch. Frank Brehm, ja, das war gut drei Jahre her. Olivia Vischer, aus wohlhabender und einflussreicher Familie stammend, hatte sich in den Künstler Brehm verliebt. Eine unglückliche Liebe mit einem tragischen Ende. Letztendlich war es Ferrari gelungen, den Fall zu lösen, wenn auch auf seine ganz persönliche Art und Weise. Eigentlich geht mich die Sache mit Markwart gar nichts an. Soll Borer die Kuh selbst vom Eis holen. Borer, das Ekelpaket oder, wie es Nadine bezeichnete, der Stinkstiefel. Gut, der Staatsanwalt half ihm auch hin und wieder, liess ihn mit seinen teils unüblichen Methoden gewähren und drückte zuweilen auch beide Augen zu. Zudem wollte er schon lange wieder einmal mit Olivia essen gehen. In den letzten Monaten hatten ihn einige komplizierte Fälle davon abgehalten. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt dafür.

«Gut, ich rufe Olivia an. Dafür schulden Sie mir aber einen Gefallen.»

«Wunderbar! Dann will ich Sie nicht weiter stören. Sie haben bestimmt viel um die Ohren», rief er und weg war er.

Typisch Borer! Kaum ist das Ziel erreicht, macht er einen Abgang. Ferrari kritzelte «Olivia wegen Borer anrufen» auf einen Zettel und stellte wieder seinen Fernseher an. Die Kommentatoren hielten sich vornehm zurück. Aber zwischen den Zeilen konnte man klar und deutlich herauslesen, dass die Schweizer Presselandschaft geschockt war. Niemand hatte mit der Wahl von Weller gerechnet. Der Bundeshauskorrespondent des Schweizer Fernsehens brachte es auf den Punkt: «Es müssen in den letzten Tagen geheime Absprachen stattgefunden haben. Anders lässt sich die Mehrheit für Weller nicht erklären. Der gesamte bürgerliche Block, mit Ausnahme von wenigen Dissidenten, hat Weller auf den Schild gehoben. Die politische Schweiz geht harten Zeiten entgegen.»

Das geht sie doch wohl schon seit geraumer Zeit, dachte Ferrari. Bei der Bewältigung der Wirtschaftskrise, für ihn eher eine Bankenkrise, bei der vor allem die Chefetage der Finanzinstitute über Jahre Monopoly mit den Anlegergeldern gespielt hatte, versagten sowohl Kontrollinstanzen wie auch die Politik. Zuerst sass der Bundesrat wie ein Kaninchen vor der Schlange, dann sorgte er mit verschiedenen, unglücklichen Interventionen für ein ziemliches Chaos. Das Vertrauen der Bevölkerung in Wirtschaft und Politik war an einem Tiefpunkt angelangt. Vielleicht war dies unter anderem einer der Gründe für den extremen Rechtsrutsch in den vergangenen Monaten. Mit Sicherheit waren die schlechte Konjunktur und die steigende Arbeitslosigkeit, vor allem auch unter jungen Menschen, ein guter Nährboden für eine Partei wie die EFP. Wenn dann ein Messias wie Weller auftaucht, der als erfolgreicher Unternehmer zahlreiche Stellen schafft, Lehrlinge ausbildet, denen er nach der Lehrzeit eine Festanstellung garantiert, liegt es auf der Hand, dass ihm die Stimmen zufliegen. Der neu gewählte Bundesrat gab strahlend sein erstes Interview. Er dankte den Wählerinnen und Wählern, die ihm vor zwei Monaten das Vertrauen bei den National- und Ständeratswahlen ausgesprochen hatten und selbstverständlich der Bundesversammlung für seine Wahl. In perfektem Hochdeutsch und danach nochmals das Ganze in perfektem Französisch, soweit der Kommissär das beurteilen konnte. Wenigstens einer, der sprachlich eine gute Falle macht. Ferrari lief es jedes Mal kalt den Rücken herunter, wenn einer der anderen Bundesräte auf Hochdeutsch ein Interview gab. Unverkennbar, dass er aus der Schweiz stammte. Langgezogene Worte, halb Hochdeutsch, halb Dialekt, meist durch tausend «Ähs» unterbrochen. Ganz anders dieser Weller. Ein smarter Fünfzigjähriger mit Charisma und einer perfekten Aussprache. Ferrari erinnerte sich an ein Fernsehinterview, in dem Weller über seine Studienjahre in Deutschland, Frankreich und in den USA gesprochen hatte. Also der richtige Mann für die Regierung, wäre da nicht seine politische Gesinnung.

Im Laufe des Tages war die Wahl Wellers natürlich auch im Kommissariat das Gesprächsthema Nummer eins. Die Meinungen gingen weit auseinander. Nach hitzigen Diskussionen nutzte Ferrari den restlichen Tag, um längst fällige Berichte zu schreiben. Eine Arbeit, die ihm wenig Vergnügen bereitete.

«Darf ich reinkommen?»

«Bitte. Ich habe mich schon gefragt, wo du bist. Irgendwo auf einer Voodoo-Frauen-Versammlung, rund um eine Weller-Puppe tanzend?»

«Ha, ha! Wie originell. Ich wollte mich entschuldigen.»

«Für was?»

«Na, du weisst schon. Für meinen Ausraster heute Vormittag.»

Ferrari lachte.

«Knüppel aus dem Sack und voll drauf hauen! Aber du hast damit den Falschen erwischt. Es gibt sicher mehr von denen, wie du sie geschildert hast. Aber ich gehöre nicht dazu.»

«Du warst halt der einzige Mann, der gerade da war.»

«So, so. Ein wahrhaft stichhaltiges Argument. Ich hoffe, dass du ein Geheimnis für dich behalten kannst. Ich bin nämlich ein verkappter Sozi. Ich war sogar einmal im Vorstand der jungen SP. Aber das ist schon eine Weile her.»

Nadine lachte und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

«Ich behalte das Geheimnis für mich.»

«Was meint dein Vater zur Wahl Wellers?»

«Er schäumt vor Wut. Er gehört zu denen, die in der Fraktion bis zur letzten Minute gegen Weller mobil machten. Leider ohne Erfolg. Weller versprach den Bürgerlichen den Himmel auf Erden. Das zieht immer, wie man ja auch in Deutschland sieht.»

«Ich habe Weller heute im Fernsehen beobachtet. Ein gewisses Charisma und ein professionelles Auftreten sind ihm nicht abzusprechen.»

«Ein Wolf im Schafspelz.»

«Warten wir doch einmal ab, wie sich das Ganze entwickelt, Nadine. Seine Partei ist zu klein, um etwas bewegen zu können. In jedem Land gibt es zwanzig Prozent Unzufriedene. Rechte und Linke, die mit dem System nicht klarkommen. Irgendwann werden die Bürgerlichen aufwachen. Dann ist Wellers Schonfrist vorbei. Vielleicht ist die Entwicklung sogar ganz gut. Es könnte durchaus sein, dass die gemässigten Bürgerlichen und die gemässigten Linken etwas näher zusammenrücken.»

«Deine Worte in Gottes Ohr und hoffentlich …», weiter kam Nadine nicht, denn Jakob Borer stand plötzlich in der Tür.

«Haben Sie Olivia schon erreicht, Ferrari?»

«Nein, aber ich werde es morgen früh sofort versuchen.»

Etwas in Borers Stimme liess Ferrari aufhorchen.

«Das ist nicht mehr nötig. Schalten Sie Ihren Fernseher ein.»

Ferrari und Nadine starrten auf den TV-Sprecher. Das Programm wurde aus aktuellem Anlass unterbrochen.

«… wurde der frisch gewählte Bundesrat Weller vor seinem Haus auf dem Bruderholz ermordet. Vom Täter fehlt bisher jede Spur.»

«Kurze Amtszeit!», stellte Nadine trocken fest, während Ferrari den Staatsanwalt entsetzt anstarrte.

2. Kapitel

«Kommt überhaupt nicht in Frage!», ereiferte sich Ferrari, der mit Nadine zusammen in Borers Büro sass. «Wir haben weder Zeit noch Lust im Sumpf der Politik zu waten. Ausserdem steckt Christoph mit seinem Assistenten bereits voll in den Ermittlungen. Ich bin doch kein Kameradenschwein.»

«Aha, daher weht der Wind, Ferrari! Ihr Kommissäre haltet immer zusammen. Sogar dann, wenn einer von euch in einer Sackgasse landet. Ich habe von Anfang an gewusst, dass dieser Schmalspurermittler die Sache versaut.»

«Unsinn! Christoph ist ein guter, ein sehr guter Kommissär. Es gibt keinen Grund, ihn von diesem Fall abzuziehen.»

«Das ist er nicht!»

«Sehr wohl ist er das! Er hat bisher jeden Fall oder beinahe jeden gelöst. Also, was soll der Mist?»

«Es geht nicht voran, Ferrari. Ich will Ergebnisse sehen, ein Mörder muss her!»

«So ist das, es geht Ihnen zu langsam voran. Die Öffentlichkeit schreit nach einem Sündenbock. Dabei sind gerade mal vier Tage vergangen. Nein, wir übernehmen den Fall nicht.»

«Was erlauben Sie sich!» Borer war zitternd aufgesprungen und krallte sich an seinem Schreibtisch fest. «Wenn Sie diesen Fall nicht übernehmen, Ferrari, dann …»

Ferrari war ebenfalls aufgesprungen.

«Was dann, Herr Staatsanwalt?»

Die beiden standen sich kampfbereit gegenüber, wie zwei Boxer. Wortlos verstrich Sekunde um Sekunde. Niemand rührte sich. Dann liess sich Borer unvermittelt in seinen bequemen Polstersessel fallen und wischte sich den Schweiss von der Stirn. So einen Stuhl wollte Ferrari schon lange … Die unüberwindbaren Hierarchien liessen jedoch grüssen. Dann erhob sich der Staatsanwalt mit einem Ruck, griff nach der Giesskanne und begann, mit dem Rücken zu Nadine und dem Kommissär, seine Pflanzen zu giessen. Der spinnt total, der Alte! Ferrari sah Hilfe suchend zu Nadine, die ihn mit dem süssesten Lächeln der Welt bedachte.

Nach einiger Zeit drehte sich Borer um.

«So kommen wir nicht weiter», sülzte der Staatsanwalt. «Nehmen Sie wieder Platz, Ferrari. Es beruhigt mich, wenn ich meine Lieblinge hegen und pflegen darf. Es ist schon ein richtiger kleiner Urwald geworden. Sehen Sie diese hier, eine besonders seltene Orchidee, die hat mir meine Frau zu meinem Geburtstag geschenkt …»

«Weshalb lassen Sie sie dann nicht zu Hause?», brummte Ferrari genervt.

«Weil ich hier viel mehr Zeit verbringe. Meine Frau versteht das. Also, wie gesagt, diese Orchidee, sehen Sie, wie sie es hier am Fenster geniesst. Nicht zu warm, nicht zu kalt, der ideale Ort.»

Borer bückte sich zur Blume und schien sie zu streicheln.

«Ja, Pflanzen sind gute Freunde. Wie geht es eigentlich Ihren beiden?»

«Meinen … sie … sie sind verdorrt.»

«Sie sollten sich Neue zulegen. Das beruhigt ungemein.»

«Ich bin die Ruhe selbst.»

«Man siehts … man siehts! Wo waren wir noch … Ah, ja … Sie sind mein bester Mann. Ich brauche Ihre Hilfe. Christoph Suter wird den Fall nie und nimmer lösen. Der Mann kann einfache Arbeiten erledigen. Mehr nicht. Er war bei mir und flehte mich praktisch auf den Knien an, ihn von dem Fall abzuziehen.»

«Christoph will den Fall abgeben?», fragte Ferrari misstrauisch.

«Na ja, gesagt hat er es so nicht ganz. Aber er liess anklingen, dass er nicht unglücklich wäre, wenn er von diesem Fall abgezogen würde.»

Vorsicht, Ferrari! Das ist eine Falle, sagte seine innere Stimme.

«Das glaube ich nie und nimmer.»

«Was?! Sie zweifeln an meinem Wort. Das ist ungeheuerlich, Ferrari. Dann gibt es nur eines. Ich befehle Ihnen, den Fall zu übernehmen.»

«Sie können mich mal! Kreuzweise!»

«Das ist … das ist Missachtung eines klaren Befehls, Ferrari!»

«Und wenn schon. Ich bin bereit, mit Nadine den Fall zu übernehmen, wenn Christoph mir klar sagt, dass er von den Ermittlungen zurücktritt.»

«Und wenn er sich weigert?»

«Dann gehört der Fall ihm. Er wurde ihm zugeteilt. Und nach vier Tagen kann niemand, und ich meine niemand, bereits mit einer Erfolgsmeldung aufwarten. Geben Sie ihm einen Monat Zeit und Sie werden erkennen, dass es noch andere gute Teams gibt.»

«Einen Monat!», stöhnte Borer. «Bis dann machen mich alle platt. Nein, so spielen wir dieses Spiel nicht. Hier geht es um mehr, als um die Befindlichkeiten einiger Kommissäre, Ferrari. Das hier ist kein Wunschkonzert! Und Ihre Seilschaften unter Kollegen sind mir schon lange ein Dorn im Auge. Sie übernehmen den Fall und damit basta.»

«Ich übernehme den Fall nicht und damit basta.»

Dingdong – die Boxer gehen in die zweite Runde, dachte Nadine amüsiert.

«Was ist Ihre Meinung, Frau Kupfer?»

Interessant! Normalerweise Spinnefeind, aber jetzt sucht der gewiefte Schweinepriester in Nadine eine Verbündete.

«Ich glaube, dass sie demnächst die Schraube macht.»

Borer und Ferrari sahen sie überrascht an.

«Ich verstehe nicht …»

«Ihre Orchidee! Die sieht nicht gut aus. Vielleicht haben Sie ihr zu viel Wasser gegeben.»

«Unmöglich! Kommen Sie her, Frau Kupfer. Das kann nicht sein. Ich halte mich immer an die Beschreibung auf dem Zettel hier.»

Sie standen beide mit dem Rücken zum Kommissär vor der Orchidee.

«Sehen Sie, sie verliert ein Blatt.»

«Jetzt, wo Sie es sagen, sehe ich es auch. Um Himmels willen, sie wird doch nicht eingehen? Meine Liebste, du musst durchhalten! Ich werde dir in den nächsten Tagen kein Wasser geben und mich erkundigen, was ich tun kann, damit du dich wieder erholst.»

Die spinnen jetzt wohl vollkommen, die zwei! Ferrari räusperte sich.

«Ah … Danke, Frau Kupfer! Das werde ich Ihnen nicht vergessen. Wo waren wir gleich noch? Ah ja, Sie übernehmen den Fall und zwar ohne Widerrede!»

«Nein, das ist mein letztes Wort. Ich bin keine Kameradensau! Christoph wird den Fall sicher lösen.»

«Ihr letztes Wort, Ferrari?»

«Mein allerletztes! … Nun sag du doch auch mal etwas, Nadine!»

«Wir übernehmen den Fall.»

Ferrari stocherte wild im Kaffee herum, den er von Nadine serviert bekam.

«Brunnenvergifterin!»

Nadine lachte.

«Nun komm schon, Francesco. Der Fall reizt dich doch.»

«Überhaupt nicht. Ich will nichts mit Politikern zu tun haben.»

«Das erzähl ich meinem Paps.»

«Er ist die löbliche Ausnahme. Ich begreife sowieso nicht, dass er es so lange im Nationalrat aushält.»

«Paps ist ein Vollblutpolitiker. Der Nationalrat ist sein Ein und Alles.»

«Christoph wird mich sein ganzes Leben lang hassen.»

«Da bin ich gar nicht so sicher. Noldi teilt Borers Ansicht. Christoph wird den Fall nie und nimmer lösen.»

«Wenn dein lieber Noldi das schon so sicher weiss, dann könnte er doch Kommissär werden und den Fall selbst in die Hand nehmen.»

«Es gefällt ihm sehr gut im Labor», schmunzelte Nadine. «Und, um deiner nächsten Frage zuvorzukommen, er hat es mir gestern Nacht im Bett zugeflüstert.»

«Und hat er beim Bettgeflüster auch gesagt, wie er zu dieser Vermutung kommt?»

«Christoph ist anscheinend ziemlich frustriert. Er ist noch keinen Schritt weitergekommen. Vor allem befürchtet er, dass er nicht an die richtigen Informationen kommt. Ganz anders unser Schickimicki-Kommissär mit den besten Beziehungen zur High Society. Möchtest du noch einen Kaffee?»

«Hm! Sag Christoph, dass ich ihn sprechen möchte. Du kannst ruhig dabei sein. Schliesslich bist du an dem ganzen Schlamassel schuld.»

Er hörte Nadines fröhliches Lachen im Gang auf dem Weg zu Kollege Suter.

Borer und Noldi schienen mit ihren Ansichten recht zu haben. Ein Kollege, der bei einem unverbindlichen ersten Gespräch schon die wenigen Ermittlungsakten mitbringt, ohne darum gebeten worden zu sein, für den war der Fall praktisch erledigt.

«Hast du mit Borer gesprochen, Christoph?»

«Er will, dass du den Fall übernimmst, Francesco.»

«Das weiss ich. Aber, was willst du?»

«Ich?»

«Ja, was willst du? Ist es dir egal, den Fall abzugeben, oder willst du weiter ermitteln?»

«Eigentlich möchte ich die Untersuchungen schon weiterführen.»

Ferrari schob den Ordner über den Tisch zurück zu seinem Kollegen.

«Dann ist es dein Fall, Christoph. Wenn ich dir irgendwie behilflich sein kann, lass es mich wissen. Wir stehen dir mit Rat und Tat zur Seite.»

Kommissär Suter griff sich den Ordner und ging langsam zur Tür.

«He! Moment mal. So geht das nicht», mischte sich Nadine ein. «Staatsanwalt Borer verlangt ausdrücklich, dass Francesco den Fall übernimmt.»

«Nadine, halt dich da raus. Christoph will den Fall selbst lösen. Das ist absolut legitim.»

«Dummes Zeug! Was soll das, Christoph? Du weisst genauso gut wie ich, dass du nicht an die richtigen Leute rankommst.»

«Nadine!», drohte Ferrari.

«Was, Nadine? Ich behaupte nicht, dass Christoph ein schlechter Polizist ist. Aber er verfügt längst nicht über dein Beziehungsnetz. Natürlich will er den Fall behalten. Schon allein aus dem Grund, damit die anderen Macho-Arschlöcher hier im Kommissariat nicht mit dem Finger auf ihn zeigen. Auf einen Versager, der sich hinter dem Rockzipfel von Ferrari verkriecht. Nun gut, Christoph. Behalte deinen Fall. Viel Spass und gutes Gelingen.»

Sie schob ihn zur Tür raus.

«Der will doch den Fall gar nicht, diese weiche Schelle.»

«Immer schön mit dem Holzhammer draufhauen! So gewinnst du viele neue Freunde, Nadine.»

«Muss ich das? Es geht doch nicht um die Quantität, sondern um die Qualität. Aber darüber können wir gern ein anderes Mal diskutieren. Christoph ist im falschen Moment im Dienst gewesen. So einfach ist das. Jetzt hat er einen Fall am Hals, der seine Möglichkeiten übersteigt. Bloss zugeben will er das nicht. Glaubst du wirklich, dass sich ihm die Türen zu den Politikern öffnen werden? Oder gar zur Wirtschaft?»

«Wieso zur Wirtschaft?», stutzte Ferrari.

«Weller ist nicht nur Politiker, sondern ein erfolgreicher Unternehmer gewesen. Ihm gehört die Logistik AG. Ich glaube, dass er der grösste Transporteur der Schweiz ist … war.»

«Ermittelst du bereits?»

«Unsinn. Das weiss man einfach … Christoph ist ein anständiger Polizist. Mehr nicht. Du hingegen bist genial.»

«Danke für die Blumen.»

«Das weisst du doch selbst und auch, dass nur du den Fall lösen kannst. Weshalb zierst du dich so?»

«Weil es nicht unser Fall ist.»

«Männerlogik! Manchmal frage ich mich schon, wie das Gehirn eines Mannes funktioniert. Ziemlich einseitig vermutlich. Dein Freund Christoph wird untergehen und dann erst recht zum Gespött der Kollegen werden.»

Hinter Nadine räusperte sich Christoph Suter.

«Darf ich nochmals reinkommen?»

«Setz dich, Christoph.»

Er schob den Ordner über den Tisch.

«Nadine hat recht! Ich bin der Falsche für diesen Fall. Ich wäre froh, wenn du die Ermittlungen leiten würdest, Francesco. Es fällt mir nicht leicht … aber die letzten Tage waren ein einziger Horror. Ich komme mit dieser Schicht Leute, mit denen Weller verkehrte, nicht klar.»

Ferrari sass mit verschränkten Armen da.

«Gut, wir versuchen den Mord aufzuklären, Christoph. Aber nur unter einer Bedingung.»

«Und die wäre?»

«Du musst einen unserer Fälle übernehmen, bei dem wir nicht vorwärtskommen. Vielleicht gelingt es dir, den Mord an dem ‹Capri›-Beizer aufzuklären. Wir verfolgen zwar eine Spur, doch bisher ohne nennenswerte Resultate.»

«Einverstanden!»

Der Tauschhandel war perfekt. Ordner Weller gegen Ordner «Capri»-Bar. Suter war die Erleichterung anzusehen, als er das Büro verliess.

«Dem ‹Capri›-Mörder sind wir doch dicht auf den Fersen», wunderte sich Nadine.

«Ach ja? Dann wird ihn Christoph sicher schnappen», schmunzelte der Kommissär.

Die spärlichen Akten, eigentlich nur eine Schilderung des Tathergangs und der Obduktionsbericht, waren schnell gesichtet. Weller war nach der Wahl im Bundeshaus in Bern mit dem Zug am späten Nachmittag nach Basel gefahren, wo er von seinem Chauffeur abgeholt wurde. Beim Bahnhof SBB kam es zu einem Zwischenfall. Ein Demonstrant bewarf den neu gewählten Bundesrat mit einem Farbbeutel. Nach diesem unrühmlichen Intermezzo wurde Weller von seinen Helfern über die Passerelle zur Meret Oppenheim-Strasse eskortiert, wo sein Fahrer mit dem schwarzen Mercedes wartete. Gefolgt von einer weiteren Limousine mit vier Bodyguards, wurde Weller ins nahe Villenviertel Bruderholz chauffiert. Auch dort lieferten sich bereits vor seinem Eintreffen Anhänger und Gegner ein kleines Scharmützel. Die Polizei, die mit solchen Aktionen gerechnet hatte, schritt ein und bildete einen Kordon zwischen Freund und Feind. Bundesrat Weller stieg bestens gelaunt aus seiner Limousine und liess sich inmitten seiner Anhänger feiern. Eine weitere Eskalation schien laut Polizeibericht nicht mehr erfolgt zu sein. Die unbewilligte Demonstration war unter Kontrolle, nur einzelne autonome Demonstranten hätten die Polizisten noch mit Steinen beworfen.

«Das war kein einfacher Einsatz für Robi und seine Leute», bemerkte Nadine.

«Es gibt immer mehr solcher Chaoten. Denen geht es doch nicht um Weller oder die Politik insgesamt, sondern nur darum, Krawall zu machen. Das nimmt zu. In der Politik, im Fussball, überall. Du könntest dich morgen mit Robi unterhalten. Vielleicht hat er mehr gesehen, als hier im Protokoll steht.»

Acht Polizisten wurden bei dem Einsatz verletzt, siebzig Demonstranten vorübergehend verhaftet. Während den Attacken auf die Polizei feierten die EFP-Anhänger ungerührt ihren neuen Bundesrat. Eigentlich pervers! Hier jubeln Menschen jeglichen Alters ihrem Messias zu, während fünfzig Meter davon entfernt sich seine Gegner mit der Polizei anlegen. Als eine Anhängerin dem neuen Bundesrat einen Blumenstrauss überreichte, brach er zusammen. Eine vermummte Gestalt hatte ihn mit einem Messer attackiert und konnte unerkannt in der Menge abtauchen.

«Wo waren denn seine Bodyguards?»

«Eine Frage, die wir dem Chef des Bewachungsdienstes stellen werden, Nadine.»

Der Täter hatte sein Werk vollbracht. Weller wurde zwar sofort mit einem Polizeiauto ins Bruderholzspital gefahren, doch die Stiche waren tödlich gewesen. Die Ärzte konnten nur noch seinen Tod feststellen. Vor der Villa der Familie Weller spielten sich inzwischen unglaubliche Szenen ab. Die Anhänger, von einem Parteimitglied aufgestachelt, gingen auf die Demonstranten los. Einsatzleiter Robert Kunz versuchte zunächst mit seinen Leuten, die gegnerischen Parteien weiterhin voneinander getrennt zu halten, sah jedoch bald ein, dass seine Leute auf verlorenem Posten standen, und blies zum Rückzug. Was folgte, war eine richtige Schlacht zwischen den beiden Gruppierungen. Ferrari zeigte auf die vor ihnen ausgebreiteten Fotos.

«Wie nach einem Bombeneinschlag!», staunte Nadine.

«Die haben sich zuerst gegenseitig die Hucke voll gehauen und danach auf dem Weg runter in die Stadt alles kurz und klein geschlagen. Autos, Gartenzäune, Fenster. Mich wundert, dass es keine Toten gab.»

«Die Menschheit spinnt!»

Kunz hatte Verstärkung angefordert. Und so gelang es dann doch noch, die Ausschreitungen in den Griff zu bekommen, unten im Gundeli.

«Vielleicht war der Mörder dabei. Und wir haben ihn am Morgen wieder freigelassen», sinnierte Ferrari.

«In den Akten steht immer nur der Mörder. Weshalb ist Christoph so sicher, dass es sich nicht um eine Mörderin handelt?»

«Gute Frage! Der Täter war vermummt. Mich erstaunt, dass die Person problemlos entkommen konnte. Sie sticht zu und verschwindet.»

«Mit dem Messer!»

«Richtig. Das Messer wurde am Tatort nicht gefunden.»

Christoph Suter und sein Assistent liessen den Tatort sofort absperren und begannen mit den Ermittlungen. Die Spurensuche ergab keinerlei Resultate, was angesichts der Menschenmenge kein Wunder war. Auch die ersten Befragungen blieben ergebnislos, weder der engste Kreis der Parteispitze noch die Bodyguards konnten ein genaues Signalement des Täters abgeben. Es sei alles viel zu schnell gegangen. Und Wellers Gattin hatte einen Schock erlitten und konnte bisher nicht vernommen werden.

«Nicht viel, was wir wissen.»

«Besser gesagt, gar nichts. Niemand konnte den Täter beschreiben. Was nun, Herr Kommissär?»

«Du unterhältst dich morgen früh zuerst einmal mit Robi. Und dann wäre es sicher nicht schlecht, wenn du mal deinen Paps anrufst …»

« … der mir sagen soll, ob die Bundeshaushyänen irgendwelche Skandale hinter vorgehaltener Hand über Weller tratschen.»

«Genau. Ich werde versuchen, mit Frau Weller zu reden. Die Wellers wohnen übrigens Haus an Haus mit Olivia Vischer. Da könnte ich auf einen Sprung bei Olivia vorbeischauen.»

«Nun denn, es lebe die Politik!»

Ferrari verliess das Kommissariat. Es war saukalt und der Wind verstärkte die Kälte noch. Gefühlte null Grad. Der Kommissär zog seinen Schal bis unter die Nase, beinahe wie einer der Vermummten auf den Demonstrationsfotos. In der Steinenvorstadt blieb er vor einem Kino stehen. Wann sind Monika und ich zum letzten Mal im Kino gewesen? War es der letzte «James Bond»? Nein, «Ice Age 3» vor mehr als einem Jahr. Wir sollten öfters ins Kino gehen oder etwas unternehmen. Aber wann? Monika, Ferraris langjährige Partnerin, hatte mit der Leitung ihrer kleinen Apothekenkette sehr viel zu tun und er konnte sich auch nicht gerade über Langeweile beschweren. Nebenan unterhielten sich drei junge Frauen rauchend über den Sinn oder aus ihrer Sicht den Unsinn des Rauchverbots in den Basler Restaurants. Damit sich die Raucher auch in der Kälte einigermassen wohlfühlten, stellten die Beizer vor ihren Lokalen kleine Bars mit Heizaggregaten auf. Aber wirklich gemütlich war es nicht, und von Genuss konnte schon gar keine Rede sein. Nach wenigen Zügen schnippten sie frierend ihre Kippen in einen grossen, designten Aschenbecher und verzogen sich wieder ins warme Innere. Der Umsetzung des Verbots waren hitzige Diskussionen vorausgegangen. Ferrari hatte sich daran wohlweislich nicht beteiligt, im Gegensatz zu Monika, die sich voll ins Zeug gelegt hatte. Im Kommissariat hielten sich die beiden Fraktionen in etwa die Waage, während Monikas Freundinnen, eine Ansammlung von akademischen Intelligenzbestien, wie Kamine rauchten und somit klar gegen ein Verbot waren. Sie seien eine Gruppe von Süchtigen, hatte der Kommissär einmal blauäugig in die Runde geworfen und wäre dafür beinahe auf dem Altar des Rauchgottes geopfert worden. Wenn das monatliche Hexentreffen, das alternierend mal hier, mal dort stattfand, bei ihnen zu Hause tagte, wurde die ganze Sippe von seiner Freundin in den Wintergarten verbannt. Ein Kompromiss, mit dem sich anscheinend alle zufrieden gaben. Kam Ferrari so kurz nach Mitternacht nach Hause, denn ein Abend mit den hochintelligenten, anstrengenden Damen wäre über seinen Verhältnissen gewesen, herrschte Villa Durchzug, damit der Rauch auch wirklich aus jeder Ritze des Hauses hinausgeblasen wurde. Am anderen Morgen beklagte sich Monika über fürchterliche Kopfschmerzen. Ferrari enthielt sich jeglichen Kommentars, denn bei negativen Äusserungen über ihre Freundinnen verstand sie keinen Spass. Der Kommissär rauchte zwar selbst nicht, aber es störte ihn auch nicht, wenn jemand in seiner Gegenwart eine Zigarette anzündete. Einzig auf der Fussballtribüne im St. Jakob-Park, wenn vor ihm irgendein Idiot auf die Idee kam, eine Zigarre zu rauchen, drehte er durch und wurde zum militanten Nichtraucher. Zigarette ja, aber jemand vor sich zu wissen, der dir eine Halbzeit lang genüsslich den Rauch ins Gesicht bläst, das war selbst für ihn eine Zumutung.

Am Barfüsserplatz stieg er in den Dreier Richtung Birsfelden. Sein Lieblingsplatz im hintersten Wagen vorne rechts war besetzt. Er stellte sich neben die alte Dame, die ihn krampfhaft blockierte. Nach fünf Minuten und einer Vollbremsung, die ihn beinahe in die Fensterscheibe fliegen liess, gab er auf und setzte sich hinter die Frau, nicht ohne noch schnell an den Sitz zu stossen.

«Pardon!», liess der Kommissär scheinheilig verlauten. Sie soll ruhig wissen, dass sie auf meinem Platz sitzt. Eine halbe Stunde später war er zu Hause. Monika und ihre Tochter Nicole stritten sich heftig.

«Kommt nicht in Frage! Am sechsundzwanzigsten bist du daheim.»

«Ich bin kein kleines Kind mehr. Alle anderen dürfen, nur ich nicht. Diese Scheissweihnacht!»

Nicole rauschte an Ferrari vorbei.

«Hallo, Töchterchen!»

Ferrari hörte nur noch, wie sie ihre Zimmertür zuschlug, eine Antwort bekam er nicht.

«Ciao, Darling», Ferrari küsste Monika, setzte sich an den Küchentisch und schenkte sich ein Glas Rotwein ein. «Ich muss wohl nicht fragen, wie es dir geht.»

«Ich habe eine Scheisslaune. Diese kleine Hexe bringt mich immer wieder auf die Palme.»

«Es geht um das Fest der Liebe?»

«Pah! Mir ist Weihnachten schon verleidet, bevor es richtig angefangen hat.»

«Ich geniesse es immer, Monika. Niemand dekoriert das Haus so schön wie du. Die vielen Kleinigkeiten, die du aufstellst, gefallen mir. Und ich finde immer wieder etwas Neues. Das Haus strahlt dann eine ganz besondere Stimmung aus. Eben weihnachtlich. Ich möchte es nicht missen.»

«Nikki will am Stephanstag zu einer Freundin.»

«Was spricht dagegen?»

«Ich habe Gotte und Götti eingeladen.»

«Ein Argument, das besticht. Dann bleibt sie eben zu Hause.»

«Und macht Terror. Sprich du mit ihr, Francesco. Ich komme im Augenblick nicht an sie ran.»

«Mach ich, aber nicht mehr heute.»

«Am Heiligabend kommen die Mütter.»

Ferrari verzog das Gesicht.

«Du kannst dich ja nach dem Essen abseilen. Wie immer», lachte Monika. «Dann machen wir einen Weiberabend aus dem Heiligabend.»

«Wann stellen wir den Weihnachtsbaum auf?»

«Weiss nicht. Eigentlich ist mir gar nicht danach, einen Baum zu schmücken.»

«Kein Baum an Weihnachten?»

Monika sah ihn an.

«Jetzt siehst du wie ein kleiner, enttäuschter Junge aus, Francesco. Du bist schon ein komischer Kauz. Es erstaunt mich immer wieder, wie du an solchen Dingen hängst.»

«Weihnachten ohne einen wunderschönen von dir geschmückten Baum ist wie … wie die Super League ohne FC Basel.»

«Ein toller Vergleich!»

«Es ist mir nichts Besseres eingefallen. Ich wollte damit nur sagen …»

«Das weiss ich doch. Dass du Weihnachten mit einem geschmückten Baum, Weihnachtsliedern und Geschenken liebst.»

«Nur auf die beiden Weihnachtsmütter könnte ich verzichten.»

«Die gehören halt auch dazu. Es wird dich schon nicht umbringen.»