image

image

JUGENDJAHRE IN DER SCHWEIZ 1930–1950

Lys Wiedmer-Zingg, Jürg Ramspeck, Emil Steinberger, Rolf Lyssy, Peter Gross, Peter Zeindler, Arnold Hottinger, Marco Solari, Ruth Binde, Eugen Gomringer, Elisabeth Kopp, Kurt Wyss, Guido A. Zäch, Werner Arber, Erich Gysling, Lilian Uchtenhagen, Werner von Mutzenbecher, Heinz Lüthi, Bruno Spoerri, Yvette Kolb, Werner Catrina, Buddy Elias, Dorine Abegg, Iso Camartin, Peter Achten, Angeline Fankhauser, Georg Kreis, Franz Hohler

image

Alle Rechte vorbehalten

© 2014 Friedrich Reinhardt Verlag, Basel

© eBook 2014 Friedrich Reinhardt Verlag, Basel

Projektleitung: Denise Erb

Titelbild: Hans Baumgartner, Chlausmarkt in Frauenfeld 1935

© Keystone/Fotostiftung Schweiz/Hans Baumgartner

Umschlaggestaltung: h.o.pinxit editorial design,

Heike Ossenkop

Layout: Morris Bussmann, Andreas Schumacher

ISBN 978-3-7245-2041-2

ISBN der Printausgabe 978-3-7245-1879-2

www.reinhardt.ch

image

Inhalt

Georg Kreis
Vorwort

Lys Wiedmer-Zingg
Das verschwundene Dreiländereck

Jürg Ramspeck
Zinnsoldatenmarsch

Emil Steinberger
Emil und Miggu – Kindheit und Jugend während der Kriegsjahre

Rolf Lyssy
Einer kurzen Filmszene gleich

Peter Gross
Das Toggenburg. Mein Transsylvanien

Peter Zeindler
«Klinge Munotglöckelein …»

Arnold Hottinger
In Basel vor und während dem Krieg

Marco Solari
Von Schmugglern, Krieg und Hermann Hesse

Ruth Binde
Mein Soldat hiess Otto Kopp

Eugen Gomringer
Nach Auskunft des Dienstbüchleins

Elisabeth Kopp
Was war nur mit den Eltern los?

Kurt Wyss
Maria und ein gebranntes Kind

Guido A. Zäch
Das muss einen Sinn haben

Werner Arber
Eine Jugend auf dem Land

Erich Gysling
Ein Jeep! Da wussten wir, dass Gegenwart Zukunft geworden war

Lilian Uchtenhagen
Ein Blick zurück, mit Dank und ohne Reue

Werner von Mutzenbecher
Flashback to Riehen

Heinz Lüthi
Skiferien in Parpan

Bruno Spoerri
Eine Jugend mit Jazz

Yvette Kolb
Neu-Allschwil, Narzissenweg

Werner Catrina
Viel Apfelmus und wenig Bananen

Buddy Elias
Das Eis, das die Welt bedeutet

Dorine Abegg
Wir sind doch keine Sauschwaben

Iso Camartin
Kinderohren

Peter Achten
Der neunte Neunte

Angeline Fankhauser
Die Köstlichkeit von gebackenen Kartoffeln

Georg Kreis
Im Zuge der Zeit: Aus dem Archiv einer Kindheit

Franz Hohler
Aufwachsen

Werner von Mutzenbecher
Das alte Haus

Vorwort

Kindheiten und Jugendjahre sind in der Regel die aussagekräftigsten und ansprechendsten Kapitel in Autobiografien. Das mag an dem liegen, was jemand zu sagen und zu schreiben hat, aber auch an dem, was die Leserschaft besonders interessiert. Die eigenen Erfahrungen können bei der Lektüre mit den in diesem wichtigen Lebensabschnitt gemachten Erfahrungen verglichen werden.

So individuell die einzelnen Erlebnisse sind, so erstaunlich übereinstimmend können viele Berichte sein: von der allmählichen Entdeckung des Umfelds, der Abhängigkeit von den Eltern, den erlittenen Krankheiten, den frühen Schulerfahrungen, den ersten Erlebnissen wie dem ersten Velo über den ersten Film bis zum ersten Kuss. Die Ähnlichkeit der Erfahrungen macht die Schilderungen nicht ermüdend, sondern im Gegenteil spannend. Es gibt aber – das zeigt, wie unterschiedlich Menschen auch in ihren Rückblicken sein können – auffallende Unterschiede in der Art, sich mit dem Erinnerten auseinanderzusetzen: mal bilanzierend, mal schwelgend, mal reflektierend und manchmal auch zweifelnd. Durchgehend ergibt sich dabei beim Lesen der Eindruck, dass die erinnerten Welten weit entfernt und zugleich doch sehr nah sind.

Die Beiträge in dieser Anthologie sind Ausschnitte aus einer «persönlichen Geschichtsschreibung», in der das private Umfeld im Zentrum steht und die doch eingerahmt ist von der Szenerie der Zeit. Wiederkehrend sind die Hinweise auf die grosse Bedeutung des Radios und der Möglichkeit, sich über das Geschehen in der unsicheren Zeit zu informieren. So fehlt auch nicht die Erinnerung an eine Europakarte, auf welcher der Vater mit Stecknadeln den jüngsten Stand der Kriegsfronten markierte.

Wir erhalten anschauliche Einblicke in die Zeit von 1930 bis 1950 und besonders in die Kriegsjahre, in den «Chrieg», wie er in der Schweiz erlebt wurde: mit der Mobilisation, das heisst der Abwesenheit der Väter, mit den Fliegeralarmen, der Verdunkelung, den vorübergehenden Evakuationen, der Anwesenheit von Internierten, der Aufnahme von Kriegskindern, der Lebensmittelrationierung mit Coupons oder «Märkli», der Anbauschlacht, dem Sammeln von Maien- oder Kartoffelkäfern und am Schluss immer wieder mit den Glocken zum Kriegsende.

Auffallend wichtig ist, was es zu essen gab – oder eben nicht gab. Heute ungewohnt ist die ebenfalls wichtige Schwierigkeit des Heizens, aus Kohlemangel zum Teil mit Papierbriketts. Alles in allem waren es Jahre der Einfachheit, ja der Entbehrungen, aber doch auch Jahre, an die sich viele mit Dankbarkeit und Zufriedenheit zurückerinnern. Die Sicherung der elementarsten Bedürfnisse war keine Selbstverständlichkeit. Dringend benötigtes Einkommen wurde oft von den Frauen neben den traditionellen Haushaltspflichten mit Zusatzarbeit gewährleistet. Nicht genug kann in der Erinnerung festgehalten werden, was in den Beiträgen vieler Frauen thematisiert wird: mit welcher zum Teil unverschämten Selbstverständlichkeit die Frauen sozial, kulturell und politisch diskriminiert wurden.

Die hier präsentierte Zusammenstellung hat zwangsläufig etwas Zufälliges, ist das Ergebnis von Anfragen und von der Bereitschaft zur Mitwirkung. Eine durchgehende Eigenschaft haben die Autorinnen und Autoren dieser Anthologie jedoch: Ihre Namen sind mehr oder weniger bekannt, es sind kleinere und grössere «Berühmtheiten». Umso spannender ist es zu erfahren, wie sie als ziemlich gewöhnliche Kinder – sofern junge Menschen überhaupt je etwas Gewöhnliches sein können – ihre ersten Lebensjahre verbracht haben und was sie aus ihren Erinnerungen darüber mitteilen wollen. Viel Vergnügen bei der Lektüre!

Georg Kreis

Basel, im August 2014

Lys Wiedmer-Zingg

Das verschwundene Dreiländereck

Ich war sechzehn Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg ausbrach und einundzwanzig, als er endete. Nicht Fisch, nicht Vogel, wurde ich als Backfisch auf einem heissen Grill gar gesotten. Es waren die prägendsten Jahre meines Lebens, in denen mir vieles zum ersten Mal geschah: die erste Stelle, der erste selbst verdiente Lohn, die erste Liebe und das erste Paar Nylonstrümpfe mit der schwarzen Naht. Wenn man sie nicht korrekt anzog, sah es aus, als hätte man O- oder X-Beine. Ich begegnete in diesen Jahren auch den beiden wichtigsten Weichenstellern für mein Berufsleben als freie Journalistin und Autorin.

Die Ereignisse in Deutschland hatten zwar schon zum Voraus ihren Schatten geworfen, aber meine Mutter und ich konnten das Hurragebrüll jenseits der Grenze nicht ernst nehmen. Hitler mit seinem Schnäuzchen, der dicke Göring und der bellende Goebbels – das waren doch Witzfiguren. «Die Fahnen hoch, die Reihen dicht geschlossen, SA marschiert im gleichen Schritt und Tritt …»

In der Küche unserer Wohnung an der Wanderstrasse 10 in Basel stand auf dem Büffet ein kleiner Wander-Radio. Punkt halb eins am Mittag hörten wir Radio «Beromünster». Es war unsere einzige Informationsquelle neben dem Hörensagen. Ein Telefon gab es erst im Nebenhaus. Erst als ich älter war, wurde mir die «Weltchronik» von Jean Rudolf von Salis, welche Radio «Beromünster» jeden Freitagabend um 7 Uhr ausstrahlte, zur wichtigen Lebenshilfe.

1939 hatten wir einen schönen Sommer. In Zürich wurde die Landesausstellung eröffnet. Auf meinem Velo mit Rücktrittbremse radelte ich zusammen mit meiner Schulfreundin Milada während den Ferien an die Landi. Wir wären gerne mit der Gondelbahn vom linken an das rechte Zürichsee-Ufer geflogen, aber ein Franken fünfzig für ein Billett, das war uns zu teuer. Doch für den Schifflibach – quer durch Ausstellungshallen und die offenen Plätze – dazu reichte es. Was geistige Landesverteidigung bedeutete, ging uns nicht nah. Wir wanderten zwar über den siebenhundert Meter langen Höhenweg unter einem Himmel von 3000 bunten Kantons- und Gemeindefahnen, blieben aber nur einen Moment vor der überlebensgrossen Skulptur eines wehrbereiten Soldaten stehen. Was mich beeindruckte, war ein hundert Meter langes und fünf Meter hohes Wandbild des jungen Hans Erni, «Die Schweiz als Ferienland». Viele Jahre später habe ich Hans Erni persönlich kennengelernt. In einem langen Gespräch erzählte er mir, wie er nach einem Besuch in Russland in der Schweiz als Kommunist und Landesverräter gebrandmarkt worden war. Er konnte kein einziges Bild mehr verkaufen. Erst nach langen Jahren in Amerika wurde er wieder akzeptiert.

Noch etwas geschah in diesem Sommer. Eines Tages holte uns Gusti, ein Cousin meiner Mutter, mit seinem Auto ab. Er kam aus Dossenbach, einem südbadischen Dorf, wo auch meine Mutter aufgewachsen war. Es war die erste Autofahrt meines Lebens. Gusti kam in strammer SS-Uniform. Jenseits der Grenze, so bläute er uns ein, hatten wir jeden Gruss mit ausgestreckten Armen und «Heil Hitler» zu beantworten. Das Malheur begann schon in Lörrach. Überall Hitlerfahnen und Militär, aber um alles in der Welt wollten meine lachlustige Mutter und ich die Arme nicht zum Hitlergruss ausstrecken. Wir antworteten mit einem netten «Grüezi». Entnervt fuhr der SS Gusti uns zwei dumme Kuh-Schweizerinnen wieder zurück nach Basel.

Die Reden Hitlers und des Propagandaministers Goebbels wurden immer zynischer: «Wollt ihr den totalen Krieg?» Tosender Applaus. «Heil, heil Hitler»! «Nun Volk, steh auf – und Sturm brich los!» War dies das Volk der Dichter und Denker? Im hohen, biblischen Alter kam mir ein Satz zugeflogen: «Zum Aufstieg des Bösen genügt das Schweigen der Guten.» Und der Sturm brach los, setzte die Welt in Brand und brachte rund 60 Millionen Menschen den Tod, verwandelte Städte in Wüsten.

Am 1. September 1939 erfolgte die erste Mobilmachung. Mein Vater wurde zur Grenzwache eingeteilt. Ich kniete mit ihm zusammen am Boden, wo wir den Kaput vorschriftsmässig millimetergenau zusammenrollten und ihn auf dem eckigen Tornister montierten. Obendrauf befestigten wir den Stahlhelm. Aus dem Kleiderschrank im Schlafzimmer der Eltern holte der Vater das Gewehr und liess mich durch den blankgeputzten Lauf sehen. Seine Uniform roch nach Mottenkugeln. Dann marschierten wir zwei zusammen zum Hauptbahnhof, wo in der Schalterhalle bereits ein Heer von Soldaten auf den Abmarschbefehl wartete.

Am 10. Mai 1940 folgte die zweite Mobilmachung und eine deutsche Truppenkonzentration an der Schweizer Grenze. «Die Schweiz, das kleine Stachelschwein, das nehmen wir zum Frühstück ein»: Das war die Hintergrundmelodie aus dem Dritten Reich. In Basel begann die Massenabwanderung in Richtung Innerschweiz, weg von der gefährdeten Grenzstadt im Dreiländereck. Alles, was Räder hatte, war unterwegs. Mein Bruder wurde zur Heerespolizei eingezogen. Plötzlich waren Mutter und ich allein in der grossen Wohnung und allein im dreistöckigen Haus. Vaters Lohn als Metzger bei der Bell AG schmolz von mageren 400 Franken auf 250 Franken. Im nahe gelegenen Gotthelfschulhaus, dort, wo ich bei Fräulein Trommer in die Primarschule gegangen war, wurde Militär einquartiert. Es entstanden über Nacht Barrikaden. Die Fasnacht fiel aus – auf die mussten die Basler noch fünf Jahre warten. Es gab keine grossen Bälle mehr in der Mustermesse, wo man ein Flüchtlingslager für Elsässer eingerichtet hatte. Unter den Flüchtlingen war auch eine befreundete Familie, zu der wir oft am Sonntag zum Gugelhopfessen gefahren waren. Unsere bescheidenen Ferien auf der Schweigmatt am Feldberg waren nicht mehr möglich und es gab keine Besuche mehr im badischen Dossenbach, wo meine Mutter, das Fineli, auf dem Friedhof neben der Kirche immer das Grab ihres heiss geliebten Halbbruders Heiner besucht hatte, der im Ersten Weltkrieg gefallen war.

Der besondere Reiz Basels, das Dreiländereck, das offene Hin und Her nach Frankreich und Deutschland: tempi passati. Mein Vater schob Wache entlang der mit Stacheldraht bewehrten Grenze oberhalb der Chrischona, Stacheldraht gegen Deutschland, den Todfeind. Ich hatte schreckliches Heimweh nach meinem Papa. Der grosse, säuberlich entrümpelte Estrich wurde mein Refugium. Hier stieg ich auf der kleinen Leiter bis zum hoch gelegenen Dachfenster. Von dort aus sah ich das grosse Sperrfeuer vom Hartmannsweilerkopf aus gegen Frankreich. Es war der Auftakt zum Einmarsch der deutschen Armee in Richtung Paris. 30000 Menschen starben in diesen Nächten in der Sehweite von meiner Dachluke aus.

Vor dem Übertritt in die Handelsschule besuchte ich noch ein Jahr lang das Steinenschulhaus mitten in der Stadt, in der Nähe des alten Stadttheaters. Die halbe Mädchenklasse schwärmte für den stadtbekannten Schauspieler Leopold Biberti. Ich liebte am meisten meinen romantischen Schulweg. Er führte an der damals noch nicht zubetonierten offenen Birsig vorbei, einem Nebenfluss des Rheins, der erst an der Heuwaage unter dem Boden verschwand. An die zutraulichen Tauben, welche sich auf meine Arme setzten, verfütterte ich mein Pausenbrot.

In der Handelsschule sass ich in einer Klasse mit der quirligen Emmi. Mein Bruder Hansruedi suchte sich auf einem meiner Klassenfotos eine Freundin aus, wobei zwei in die engere Wahl kamen: Marga, die verwöhnte hübsche Tochter eines Hoteliers in der Innenstadt, und Emmi als Nummer zwei. Als ihn die Nummer eins schnöde abblitzen liess, bat er mich, ihm Nummer zwei vorzustellen. Emmi wurde seine Frau. Emmi ist immer noch in Basel und der Mittelpunkt ihrer drei Söhne, der Schwiegertöchter und der Enkel.

Ich habe nach vielen Reisen seit über 50 Jahren in der Westschweiz Wurzeln gefasst. Mein Sohn ist ein perfekter Doppelsprachiger, meine erwachsenen Enkel sind typische Romands, für die Deutsch eine Fremdsprache ist. Wir zwei Dinosaurierinnen der Familie, Emmi und ich, telefonieren heute, nach dem Krebstod meines Bruders, jede Woche einmal miteinander. Unser unerschöpflicher Fundus: die Vergangenheit.

Im Norden das Dritte Reich, im Westen das besetzte Frankreich, im Osten das annektierte Österreich, im Süden Mussolinis faschistisches Italien: In der von den Achsenmächten eisern umklammerten Schweiz ging das Alltagsleben weiter. In der «Handeli» hörten wir Zarah Leander singen: «Ich weiss, es wird einmal ein Wunder geschehen …» und: «Regentropfen, die an mein Fenster klopfen, die sagen mir, es ist ein Gruss von dir …» oder: «Ich stehe im Regen, und warte. Auf dich …». Ich war verliebt. Die von Deutschland befohlene und von Bern verordnete Verdunkelung störte mich überhaupt nicht. Das war für uns Amors Schutzschild. Im dunklen Schützenmattpark, wo nun Kraut und Rüben wuchsen, dort hatten Paul und ich unser sicheres Schmusebänklein.

Je mehr sich die Erfolgsmeldungen von «Eroberungen» aus Deutschland häuften, umso ängstlicher, so schien es uns Jungen, wurde man im Bundeshaus in Bern. Bald kursierte der Spruch «Me sett der Pilet-go-la und der Celi-o». Von Bundesrat Steiger wusste man, dass er als Gesandter in den 1930er-Jahren in Berlin sehr nazifreundlich gewesen war. Aus dem Bundesrat kamen Parolen, die zur Anpassung mahnten. Die Zeitungen wurden streng zensiert. Gott sei Dank hatte die kluge Bundesversammlung Ende August 1939 einen Westschweizer zum General gewählt, Henri Guisan, der mit dem Rütlischwur die Schweiz auf Widerstand und Mut einschwor. Mein Vater, ein trockener Berner, meinte, Guisan habe eigentlich den besten Posten in der Armee, weil er überall die hübschesten Trachtenmädchen abküssen könne. Guisan stammte im Übrigen aus einem Avencher Burgergeschlecht, weshalb das einzige Denkmal in dem Städtchen, in welchem ich seit über 50 Jahren wohne, ihm gewidmet ist. Es steht auf dem kleinen Rondell vor der Post.

Nach dem Handelsdiplom trat ich meine erste Stelle im Warenhaus Rheinbrücke im Kleinbasel an. In der Unteren Rheingasse, durch einen unterirdischen Gang mit dem Warenhaus verbunden, standen in einem düsteren Saal lange Tische. Ich wurde dem Tisch mit Kleinlederwaren, Portemonnaies, Necessaires, Brillenetuis usw. zugeteilt. Ich hatte eingehende Ware anzuzeichnen und Dossiers in Ordnung zu halten. Nichts, was den Geist angeregt hätte. Aufdringliche Vertreter deprimierten mich mit ihren plumpen Sprüchen. Als man eines Tages mein kleines Zeichentalent entdeckte, durfte ich auf sogenannten Matrizen die Produkte einrädeln für den Druck im Katalog. Für die Kataloge zuständig war die ein paar Jahre ältere Valerie Heussler. Sie wurde später eine bekannte surrealistische Malerin und Eisenplastikerin und war mir eine langjährige Freundin. In ihr begegnete ich meiner ersten Weichenstellerin, massgebend für mein ganzes zukünftiges Leben. Sie riet mir, mich in die Abendkurse an der Kunstgewerbeschule einschreiben zu lassen. Und ich tat es. Aktzeichnen, Kunstgeschichte, Farblehre, Landschaftsmalerei – in meinem späteren Beruf als freie Journalistin konnte ich meine Rubriken und Berichte selbst illustrieren und bekam also ein Doppelhonorar. Und mein Leben wurde durch ein vertieftes Kunstverständnis unendlich viel reicher.

Meine Mutter, die sah, wie unglücklich ich in der Rheinbrücke war, suchte für mich eine andere Stelle. Ich wurde sofort von der jüdischen Kaufmannbank am Aeschenplatz engagiert. Der Oberbuchhalter Guggenbühl lobte meine schönen Eintragungen in den Hauptbüchern. Ich bekam neunzig Franken Monatslohn, immerhin ein kleiner Fortschritt im Vergleich zu den vierzig Franken in der Rheinbrücke. Besonders sinnvoll war diese Arbeit für mich allerdings auch nicht. Indessen ist mir der verinnerlichte Unterschied zwischen Soll und Haben eine Lebenslehre geblieben.

Auf dem abendlichen Heimweg von der Kunstgewerbeschule kam ich am Leonhardsgraben einmal an einem Haus vorbei. Neben der Türe hing ein Schild: Werbeagentur Fritz Bühler. Ich hatte in der Gewerbeschule von den Werbepionieren Fritz Bühler, Donald Brun und Herbert Leupin gehört und Blut gerochen. Diese kreative Welt faszinierte mich. Hier, in diesem Atelier, wollte ich eingestellt werden. Wochenlang löcherte ich Fritz Bühler. Schliesslich gab er entnervt nach mit dem Satz: «Du siehst aus, als könntest du schreiben.» Ich war meinem zweiten Türöffner begegnet. Ich war auf dem Weg, Journalistin zu werden – der wunderbarste Beruf der Welt, trotz allen finanziellen Risiken. Er wurde für mich zur freien Lebens-Universität.

Halb Sekretärin, halb Texterin wurde ich ins kalte Wasser geworfen. Für die Zahnpasta «Kolynos» entwarf ich die Inseratenserie «Mit Kolynoslächeln eroberst Du …» und für Steinfels die Serie «Blütenduft mitten im Winter». Ich war dabei, als mitten im Krieg die neue Konsum- und Wegwerfgesellschaft entstand, der man mit Psychologie das Geld aus der Tasche ziehen kann.

Das Damoklesschwert des Krieges verunmöglichte gleichwohl jede Lebensplanung. Die Einengung wurde für mich immer drückender, die Welt jenseits der Grenzen war eine weisse Karte. Würde ich jemals das Meer sehen? Mein Drang nach Freiheit wuchs und wuchs.

Meine Mutter war grossartig. Sie war eine hervorragende Köchin und trotz aller Einschränkungen hatte sie immer noch etwas übrig, um für die im Gotthelfschulhaus einquartierten Soldaten einen Kuchen zu backen. Vielleicht trifft mein Sohn irgendwo in der Schweiz eine Mutter, die das Gleiche für ihn tut, sagte sie. Um alles in der Welt wäre sie nie zu einem Sozialamt gegangen, sie hiess das «armengenössig» werden. Sie ging waschen und putzen, um den Hauszins pünktlich zahlen zu können.

In dieser Zeit sah ich den Film «Füsilier Wipf» mindestens dreimal. Die Geschichte ist angesiedelt während der schweizerischen Grenzbesetzung 1914-1918, vor der Kulisse einer herrlichen Bergwelt. Wipf, von Paul Hubschmid gespielt, ist ein linkisches Bürschchen, das sich in der Gefahr zu einem mutigen Mann mausert, der den erfahrenen Soldaten und Vorgesetzten Respekt einflösst. Natürlich war auch eine kleine Liebesgeschichte dabei. Ein wunderbar aufstellender Film, der mir jedesmal neuen Mut machte, wenn ich das Ende des düsteren Tunnels nicht mehr absehen konnte.

Und da war «Gilberte de Courgenay», die Geschichte der hübschen Wirtstochter aus dem Jura, die trois cent milles soldats et tous les officiers kannten. Mein Vater war auf einem Kurzurlaub aus dem Tessin daheim, als das Stück im alten Stadttheater gespielt wurde. Wir sassen Hand in Hand auf der Empore und sangen das Lied mit.

Im Café «Gambrinus» in der Nähe der alten Hauptpost traf ich auf die sauerste, kritischste Gurke, das Cabaret Cornichon. Sie liessen sich von keiner Zensur die Pointen verbieten, nannten die Dinge beim Namen: Zarli Carigiet, Margrit Rainer, Voli Geiler, Emil Hegetschwiler und vor allem Alfred Rasser. «Undereinisch» war ein Sketch, der Mutter und mir besonders aus dem Herzen sprach. Wir wussten, dass es da und dort Schweizer gab, die sich schon als zukünftige Gauleiter sahen.

Bi eus git’s, sit’s dusse Nazi git

Vili jungi Lüt

Die ödet eim mit Haaruss a und sueche zäntum Stritt.

Mir andere aber bliibe chalt

Und finde nüt derbi. Mir lachet oder schwiege halt

Und glaube, s’göng verbi. Doch undereinisch –

Lueg jetzt do.

Wer hätte das gedacht?

Sött’s Schwyzerchrüz en Hake ha –

Doch dänn wird’s schwarz wie d’Nacht.

Dänn chlöpft’s und tätscht’s und tschätterets.

Denn pfifft en andere Wind,

und denn ihr Buebe, schmätterets

eu äntli uf de Grind.

Als Waggis sang Alfred Rasser:

Göhnt, schasset die Giggel zum Jardin n’üss

Se frässe-ni-s d’Eier un Butter

Se nämme is unere Liberté

un bringe eus brüner Pflutter.

Wie es die Choreografie meines Lebens so wollte, traf ich auch Alfred Rasser viele Jahrzehnte später persönlich. Er wurde Nationalrat beim Landesring der Unabhängigen. Ich hatte mich als eine der ersten Frauen schon 1963 als Bundeshausjournalistin akkreditieren lassen. Damals war die Schweiz noch ein rein patriarchalisches Vaterland.

Trotz seiner hervorragenden Vorstösse – ihm lag der Kulturbetrieb sehr am Herzen – brach im Nationalratssaal immer das grosse Schmunzeln aus, wenn Alfred Rasser ans Rednerpult ging. Man nahm ihn nicht ernst. Sein kluges politisches Engagement wurde zu seinem Waterloo, denn immer, wenn er an das Rednerpult trat, erwarteten alle den HD-Soldaten Läppli oder den Professor C-K-D-T.

Wenn ich an den Zweiten Weltkrieg zurückdenke, dann kommt mir immer wieder das Heimwehlied von Lale Andersen in den Sinn: «Bei der Kaserne vor dem grossen Tor, stand eine Laterne, und steht sie noch davor. So woll’n wir uns da wiedersehn, bei der Laterne woll’n wir stehn, wie einst Lili Marlen …» Ein sentimentales Lied, das aber in dieser bitteren Zeit auch den härtesten Männern die Augen wässrig machte.

Und plötzlich war Frieden! So gut ich mich noch an die erste Mobilmachung erinnere, weiss ich nicht, was ich an diesem Tag, dem 8. Mai 1945, gedacht und empfunden habe. Alle Glocken haben geläutet und die Menschen haben getanzt. Hitler, Eva Braun, Goebbels und Göring waren tot. Mussolini war schon am 2. Juli 1943 aufgehängt worden. 1936 hatte ihm Lausanne noch den Ehrendoktor verliehen.

Die Soldaten kehrten wieder an die Arbeitsplätze zurück. Die Frauen, die sie während des Krieges im Frauenhilfsdienst (FHD) in der Landwirtschaft, in den Betrieben und Haushalten – wie meine Mutter – grossartig vertreten hatten, blieben noch bis 1971 ohne Stimmrecht. Zwei Jahre vorher waren Astronauten bereits auf dem Mond gelandet.

In einem der ersten Züge, die vom Elsässerbahnhof über notdürftig reparierte Viadukte in Richtung Paris fuhren, sass ich. Ich hatte während meiner Ferien in Ascona das amerikanische GI-Ehepaar Mel und Sherry kennengelernt. Sherry leitete ein Flüchtlingslager in Wiesbaden, Mel war Journalist bei einer amerikanischen Agentur in Paris. Sie gehörten zu den Amis, zur Befreiungsarmee. Paris war, als ich es zum ersten Mal sah, khakifarben. Über die Champs Elysées rollten triumphierend, winkend und lachend die GIs in ihren Jeeps.

Freiheitsdurstig bin ich als Landpomeranze nach Paris gefahren, als «Pariserin» mit Affenschaukeln in den Ohren, mein dickes Haar in einem modischen Haarnetz im Nacken zusammengefasst, kam ich zurück. Im Margarethenpark im Café der Eisbahn fegten Teddy Stauffer und sein Orchester. Wir tanzten unsere Füsse wund nach Benny Goodmans Melodie «In the mood». Basel hatte wieder seine Fasnacht. Wir hatten den Krieg heil überstanden, ohne hungern zu müssen. Unsere Städte waren unzerstört geblieben.

Mich zog es fort aus Basel. Ich fand eine Stelle als Redaktionsassistentin beim berühmten «Gelben Heft» der Firma Ringier in Zofingen. Hier begegnete mir mein zukünftiger Mann, Jo Wiedmer, Journalist und Fotograf. Während des Krieges war der Basler Rheinhafen einer meiner Fluchtorte gewesen, hier hatte ich gezeichnet und mit den Rheinschiffern diskutiert. Es war für mich das einzige Schlupfloch in die grosse Welt gewesen. 1947 wollte ich mit Jo zusammen auf einem der langen Frachtschiffe – vorn im Bug die Kapitänswohnung und oben die Steuerkabine, im Heck die Kombüse der Matrosen – den Rhein abwärts nach Rotterdam reisen. Wir wurden als Passagiere akzeptiert und schliefen bei den Matrosen in einer engen Kajüte. Abends legte der Kapitän als zweite Station bei Köln an. Wir stiegen die steile Uferböschung hinauf und kamen in der Hölle an. Von der stolzen Stadt waren nur noch lauter zerfetzte Häuser mit leeren Augen übrig. Riesige Trümmerfelder, ganz selten unter dem Dreck ein winziges Licht. Aschgraue Menschengestalten. Die Matrosen erzählten uns, dass Mütter ihre jungen Töchter abends zu den Schiffen hinunterbrachten, um für eine Schachtel Zigaretten Liebe anzubieten. Zigaretten waren in der Nachkriegszeit in Deutschland Gold wert. Mit ihnen liess sich auf dem Schwarzmarkt etwas zu Essen finden, um nicht Hungers zu sterben.

Nie mehr wird sich Deutschland von dieser fürchterlichen Zerstörung erholen können, dachten wir erschüttert. Wir täuschten uns. Schon 1948, nachdem Konrad Adenauer zum Bundeskanzler gewählt worden war, begann unter dem Wirtschaftsminister Erhard das deutsche Wirtschaftswunder aufzublühen.

Der Zweite Weltkrieg hat mich geprägt. Jean Paul Sartre hat in seinem Stück «Huis clos» («Die Eingeschlossenen») geschrieben: «Dieses Jahrhundert wäre gut geworden, wenn dem Menschen nicht aufgelauert worden wäre von seinem grausamsten Feind seit Menschengedenken, von jenen fleischfressenden Spezies, die ihm Untergang geschworen haben, dem Tier ohne Fell: vom Menschen.»

Lys Wiedmer-Zingg, Jahrgang 1923, aufgewachsen in Basel

Als eine der ersten Frauen, die sich als Bundeshauskorrespondentin akkreditieren liessen, war Lys Wiedmer-Zingg jahrelang an vorderster Front dabei, wenn alte, zementierte Leitplanken in der Politik, der Gesellschaft und im Berufsleben wegbrachen. Sie arbeitete als freie Journalistin, Buchautorin und Redaktorin und lebt seit über 50 Jahren in Avenches.

Jürg Ramspeck

Zinnsoldatenmarsch

Eine beherrschende Rolle in meiner Kindheit spielte Tante Julie, eigentlich Grosstante Julie. Ich hatte jeden Tag nach der Schule bei ihr eine Klavierstunde. Die Tante Julie stellte weitherum eine Besonderheit dar, denn sie war schon in Amerika gewesen. Was heisst: gewesen? Sie hatte in Amerika sogar gelebt. Und, um diese ihre exotische Eigenschaft gerade noch einmal zu steigern: in Pasadena, Kalifornien. Also fast in Hollywood.

Ungesichert blieb jedoch stets, ob sie in Pasadena mit einem Herrn Witte, von dem in der Familie ein Foto herumgereicht wurde, das ihn samt Tante Julie auf dem Trittbrett eines Fords sitzend zeigt – ob sie mit diesem Herrn Witte legal verheiratet war und in welchem Rahmen sie tatsächlich mit ihm einen Klavierhandel betrieben hatte. Gesichert hingegen war, dass die Tante Julie vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs plötzlich abgebrannt an der Schweizer Grenze in Basel wieder aufgetaucht war, allein. Und von ihrem Bruder, meinem Grossvater, quasi ausgelöst werden musste, indem er die Kosten ihrer Atlantiküberquerung beglich.

Gleichwohl galt Tante Julie als eine Persönlichkeit von Welt, weil sie in Hollywood gewesen war und Amerikanisch konnte. Das wirkte sich staunenswert aus, als nach dem Krieg Angehörige der US Army, die als Besatzungssoldaten im zerbombten Deutschland dienten, in unserem unversehrten Land Urlaub machen durften. Tante Julie, ganz klein und stets in schwarzer Witwentracht, ging regelmässig auf Männerfang. Auf dem Zürcher Limmatquai quatschte sie riesige Privates und Sergeants in Khakiuniformen in deren eigenem Idiom an und schleppte sie in ihre Wohnung an der Mühlegasse ab. Wo sie diese mit Weggli und ihren amerikanischen Lebenserfahrungen fütterte.

Als ihr Klavierschüler waren mir nunmehr die Stunden, in denen gewaltige, oft rabenschwarze Typen in ihrer Küche sassen, die angenehmsten, weil der Klavierunterricht dann entfiel respektive durch die Unterrichtung in amerikanischen Soldatenschicksalen ersetzt wurde, die mir die Tante Julie dolmetschte. Hie und da forderte sie mich auf, ihren Gast mit dem «Zinnsoldatenmarsch» von Cornelius Gurlitt (1820-1901) zu beglücken, der Frucht unserer langjährigen Zusammenarbeit. Als Honorar für meine Darbietung bekam ich ein Paket Kaugummi, mit dessen Verteilung ich mir in der Schule Status und Beliebtheit erkaufte.

Wie mir erst später bewusst wurde, hatte mein Unterricht bei Tante Julie weniger den Zweck, mir das Klavierspiel beibringen zu lassen, als vielmehr die Aufgabe, ihre Person gegenüber der Familie Ramspeck günstig zu stimmen. Sie hatte nämlich nebst mir nur noch drei weitere Schüler, die ihr irgendwie verfallen waren, und der Grad ihrer eigenen Beherrschung der Tastatur blieb ein Geheimnis. Sie wohnte aber eine Etage über dem Klaviergeschäft an der Mühlegasse 27, das mein Urgrossvater gegründet hatte und das von meinem Grossvater, meinem Vater und meinem Onkel weitergeführt wurde. Jahrelang herrschte die Hoffnung, sie würde sich dazu bewegen lassen, ihr Domizil um einen Stock nach oben zu verlegen, um unserem Geschäft eine räumliche Expansion zu ermöglichen. Obwohl man mich ihrer Ambition, als Klavierlehrerin zu gelten, über Jahre als Opfer darbrachte, widersetzte sie sich diesem Ansinnen bis zu ihrem Tod, der sie ereilte, als sie gerade eine Flasche Cognac in der Hand hielt.

Solchermassen beengt, war aber das «Pianohaus Ramspeck» das bescheidene Paradies meiner Kindheit und Schulzeit, denn es verfügte über ein Telefon, das ich nach Geschäftsschluss benutzen durfte. Und es verfügte im Keller über drei schallisolierte Übungsräume, die an Pianisten vermietet wurden, welche zu Hause nicht acht bis zehn Stunden am Tag Lärm machen durften. Einer dieser Pianisten – ich spreche jetzt von den Kriegsjahren – hiess Rolf Liebermann, der vorzugsweise mit attraktiven Sängerinnen zu musikalischer Zwiesprache erschien und mit der Miete im Rückstand lag. Mein Vater verstand das Kellergeschoss aber nicht als – ohnehin bescheidene – Einnahmequelle, sondern als eine Institution zur Image- und Beziehungspflege. Als Liebermann dann Intendant der Hamburgischen Staatsoper war, sagte mein Vater gerne mit stillem Genuss: «Aber mir ist er noch zwölf Franken schuldig».

Ein anderer Benutzer unseres Untergrundes war der – damals schon weltberühmte – Pianist Georg Solti. Als ungarischer Emigrant lebte Solti auf Kosten der Bankiersfamilie Bär in der Schweiz und es war ihm verboten, in unserem Land eine berufliche Tätigkeit auszuüben. Unter der Demütigung leidend, anderen zur Last fallen zu müssen, suchte er nach einer Möglichkeit, durch heimlichen Unterricht etwas Geld zu verdienen, und er fand sie bei uns. Es wurde für den Fall, dass jemand unser Geschäft betrat, der nicht nach einem Musikinteressenten aussah, mit ihm ein Klopfzeichen vereinbart, bei dessen Ertönen Soltis Schüler schleunigst auf der Toilette zu verschwinden hatte. Der Ermittler würde lediglich einen Mann am Klavier vorfinden – und Klavierspielen, so zu seinem Vergnügen, war ihm an sich erlaubt.

Waren unsere Übungsräume alle belegt, stellte mein Vater Solti den Flügel in unserer Wohnung zur Verfügung. Einmal kam er herein, als ich gerade mit dem «Zinnsoldatenmarsch» befasst war, worauf er mir gerührt einen etwas vernünftigeren Fingersatz beibrachte. Ich habe seither also das Recht, mich als einen Schüler von Georg Solti zu bezeichnen.

Unmittelbar nach dem Krieg, als das Auftrittsverbot für Emigranten aufgehoben war, kam der Geigenvirtuose Georg Kulenkampff nach Zürich, um mit Solti in der Tonhalle einen Duo-Abend zu geben. Solti, der jahrelang kein Konzertpodium mehr betreten hatte, war etwas nervös und bat meine Mutter, die eine vorzügliche diplomierte Violinistin war, mit ihm vor Kulenkampffs Eintreffen das Programm durchzugehen. Quasi als Sparringpartnerin. Ich durfte länger aufbleiben und ihm die Noten blättern.

Später, als Sir Georg Solti, nunmehr ein Magier des Taktstockes, in London einmal von einem Schweizer Journalisten interviewt wurde, erinnerte er sich im Gespräch voller Dankbarkeit an meine Eltern, er erinnerte sich sogar an mich («da war doch noch dieser Kleine im Nachthemd»).

Gegenwärtiger war der Krieg im Schulhaus Hirschengraben, 200 Meter von unserem Geschäft und unserer Wohnung entfernt. Hier machte Primarlehrer Bachmann uns Kinder mit dem schweizerischen Verteidigungsdispositiv vertraut, das vorsah, «keinen Meter Boden preiszugeben». Damit uns ersichtlich wurde, was das in der Praxis bedeutete, also was 1 Meter war, vollzog er jeweils einen markanten Ausfallschritt nach vorn. Grosse Freude herrschte, wenn die Sirene aufheulte, besonders, wenn der Alarm in der Stunde «Rechnen» erfolgte. Dann rannten wir blitzschnell treppab in den Luftschutzraum, wo uns Herr Bachmann besänftigende Geschichten vorlas. Die Luftkämpfe lebten wir auf dem Pausenhof nach: Als schweizerische Messerschmitts umkreisten die einen mit ausgebreiteten Armen andere, die amerikanische Bomber darstellten, und zwangen sie zur Landung. Sogar politisch äusserten wir uns: «Uf de Rapperswiler Brugg staht de Hitler ganz verruckt …» Die Fortsetzung habe ich mittlerweile vergessen. Ich weiss nur noch, dass darin auch Mussolini vorkam.

Der Krieg hatte für uns 1936 Geborenen eigentlich keine Bedeutung, wir hatten eine Zeit ohne ihn ja gar nicht erlebt. Die Brotaufläufe, die es gab, waren bekömmlich, und für gewisse Extras war man mit einem Bauern im Zürcher Unterland befreundet. Am 8. Mai 1945 war ich, neunjährig, bei meiner Grossmutter zu Besuch. Sie stürmte plötzlich ins Zimmer, in dem ich mit Zinnsoldaten spielte, und rief: «Jürgli, es ist Frieden!» Und ich fragte sie doch tatsächlich: «Frieden – was ist das ?»

Jürg Ramspeck, Jahrgang 1936, aufgewachsen in Zürich

Der Journalist war von 1956 bis 1963 bei der «Weltwoche» tätig, dann beim «Züri-Leu» und bei der «Züri-Woche». Von 1980 bis 1997 arbeitete er wieder bei der «Weltwoche», davon während 14 Jahren als Chefredakteur. Von 1997 bis 2009 schrieb er täglich eine Glosse im «Blick».

Emil Steinberger

Emil und Miggu – Kindheit und Jugend während der Kriegsjahre

Kein Mitschüler nannte mich Emil. In der Schule hiess ich Miggu. Ich habe mich eigentlich nie nach dem Ursprung dieses Übernamens gefragt. Ich war damals auch nicht beleidigt, dass man mich so rief. Nur in der Familie wurde «Miggu» nie angewendet. Da war ich einfach der Emil.

image

Emil Steinberger als Primarschüler 1941, Moosmattschulhaus Luzern

Meine Eltern: Die Mutter stammte aus einer Bauernfamilie, der Vater war kaufmännisch geschult und arbeitete als Buchhalter in einem Luzerner Feinkostgeschäft. Die Geschwister: Mein Bruder Ruedi war fünf Jahre älter als ich, meine Schwester Hanny zwei Jahre älter. Da ich bereits im Jahr 1933 im Krankenhaus St. Anna zur Welt kam, darf ich behaupten, dass ich bis 2014 viele interessante Phasen in Bezug auf Technik, Politik und Gesellschaft, Entwicklung der Kirchen wie auch der Mode miterleben durfte. Es begleitete mich in der Kindheit und Jugend aber auch der Umstand, dass ab 1939 und bis 1945 rund um die Schweiz Krieg herrschte. Von dieser Zeit sind bei mir mehr punktuelle Erlebnisse und Ereignisse haften geblieben, die ich im Folgenden schildern will.

«En Teppelin!» rief ich als Dreijähriger in Richtung meiner Mutter, als ich, aus dem Fenster schauend, einen Zeppelin über die Dächer von Luzern fliegen sah. Dabei fällt mir auf, dass das Aus-dem-Fenster-Gucken geradezu eine Eigenart von mir war. Stundenlang konnte ich als kleiner Junge hinter der Glasscheibe sitzend auf die Strasse hinunterschauen und beobachten, was da so alles passiert. Der Strassenkehrer schaufelte den Schnee zur Seite, der Ausläufer vom Metzger schmiss sich trotz grossem, voll beladenem Rückenkorb elegant aufs Fahrrad, und, uiii, zwei Verliebte standen stundenlang vor unserer Haustüre und schwatzten und lachten und turtelten miteinander.

Es war Kriegszeit: Meine Mutter kam erfreut vom Briefkastenleeren zurück und teilte uns mit, dass uns eine alleinstehende Frau ihre nicht gebrauchten Lebensmittelcoupons geschenkt hatte. Meistens waren es Coupons für Brot. Für uns als fünfköpfige Familie war Brot das A und O. Beim Nachtessen wurde genau eingeteilt, wie viel Brot verzehrt werden durfte, damit zum Frühstück auch noch für jeden von uns etwas vorhanden war. Je frischer so ein Brot war – vielleicht sogar noch leicht warm –, desto verführerischer war sein Geschmack und der steigerte noch unseren Hunger und die Lust auf Brot. Es lag immer im Chuchichäschtli hinter einem kleinen Vorhängli und war gerade noch so gut sichtbar, dass ich nach der Schule abwägen konnte, ob die Länge des Brotes es vertragen würde, wenn ich mir eine ganz schmale Scheibe davon abschnitte, ohne dass dann natürlich beim Nachtessen einer zu kurz kommen sollte.

Wir wohnten während der Kriegsjahre in einer Vierzimmerwohnung der Baugenossenschaft ABL an der Tödistrasse im ersten Stock. Es war eine ganze Überbauung mit grossen fünfstöckigen Häusern. Eine unserer Nachbarinnen war Deutsche. Sie betrieb ein amtlich bewilligtes Ehevermittlungsbüro. Diese Nachbarin war immer sehr schroff zu uns. Ein Gruss war eine Seltenheit. Wir bekamen immer mehr den Eindruck, dass sie sich uns gegenüber in etwa parallel dazu verhielt, wie der Siegeszug der Deutschen Armee vonstatten ging. Dementsprechend änderte sich ihr Verhalten schlagartig, als der Rückzug der Deutschen nach der Schlacht von Stalingrad nicht mehr gebremst werden konnte. Plötzlich standen Teller mit Speisen und Biscuits vor unserer Wohnungstüre, ein Geschenk unserer deutschen Nachbarin. Wir rührten diese Speisen nicht an, entsorgten sie heimlich und gaben die Teller jeweils geleert wieder zurück.

«Mach schnell die Türe zu!», rief mir mein grosser Bruder zu, als ich nachts von der hellen Küche zu ihm auf die Loggia, einen kleinen, offenen Balkon, stieg. Totale Verdunkelung war in der Stadt ausgerufen worden, was auch zu 100% befolgt wurde. Ruedi und ich guckten in den schwarzen Himmel und verfolgten die Übungen der Fliegerabwehr von Emmen, die mit ihren starken Scheinwerfern versuchte, ein Übungsflugzeug der Armee ins Fadenkreuz zu nehmen. Wir wurden während der Kriegsjahre oft von fremden Militär-Transportflugzeugen überflogen und hörten das dumpfe Brummen ihrer Motoren. Dennoch sind wir nachts bei Alarm höchstens dreimal in den Keller hinuntergestiegen. «Würden wir das Flugzeug abschiessen, wenn es eine Maschine der Alliierten Truppen wäre?», fragte ich meinen Bruder. «Eigentlich müssten wir das, denn wir sind ja neutral», war seine Antwort. (Ganz schön diplomatisch ausgedrückt! Hier hat das kleine Wort «eigentlich» die richtige Aussagekraft.)

Vom Schulzimmer aus sahen wir eines Nachmittags, wie ein amerikanischer Bomber heruntergeholt wurde – oder war er einfach abstürzt? Aufgeatmet haben wir, als wir erfuhren, dass die Besatzung des Flugzeugs, das zwischen Meggen und Küssnacht ausbrannte, den Bomber rechtzeitig hatte verlassen können und überlebte.

1939, als ich sechs Jahre alt war und der Zweite Weltkrieg begann, durfte ich mit meinem Vater die Landesausstellung in Zürich besuchen. Ganz logisch, dass ich in diesem Zusammenhang den «Schifflibach» erwähne. Er war einfach der Hit. Still glitten die Holzschiffe ganz ohne Motor durch den konstruierten Bach. Verursacht durch ein leichtes Gefälle beförderte das leicht fliessende Wasser die Schiffe durch das ganze Gelände, durch Hallen und herrliche Anlagen. So etwas Geniales und solch einen Publikumsmagneten habe ich in den zwei darauf folgenden Landesausstellungen nicht wieder gesehen.

Ich erinnere mich auch daran, dass mein Vater in den Aktivdienst einrücken musste. Am Küchenboden haben wir zu dritt seinen Kaput zusammengerollt. «Muesch deet äne meh azieh, susch chunt er schräg!» Unbefriedigt mit dem Resultat mussten wir die Übung einige Male wiederholen, bis der Kaput millimetergenau zusammengerollt war und auf den Tornister meines Vaters gebunden werden konnte. Beim Abschied hatte meine Mutter Tränen in den Augen. Unser Vater, wie er mit Sack und Pack und Karabiner an die Front zog – das hat sich mir als unvergessliches Abschiedsbild in die Erinnerung eingebrannt, das kannten wir so zuvor nicht. Wir wussten, dass er im Raum Basel im Einsatz war. Alle zwei Wochen schickte er einen Sack mit Schmutzwäsche nach Hause. Aber gut verpackt und von der Wäsche getrennt war ab und zu in diesem Wäschesack auch etwas Käse zu finden. Richtiger Emmentaler. Vermutlich hatte er viel mit dem Fourier und der Küche zu tun, da er ja im normalen Leben in einem Comestible-Geschäft tätig war. Der Fourier ist der mit den Verpflegungsgeschäften beauftragte Unteroffizier.

Auch meine Mutter war für die Armee tätig. Sie nähte Tarnüberzüge für Soldatenhelme und ganze Militäruniformen. Stundenlang sass sie an der Nähmaschine. Oft halfen wir ein bisschen mit, indem wir mit den Händen das Trittbrett der Nähmaschine antrieben, damit ihr das Nähen etwas leichter fiel. Dann wurden die Kleider ins Zeughaus «gferget» oder, etwas eleganter ausgedrückt, zurückgebracht.

Unser damaliges Radio der Marke «Funkton», das noch heute bei mir zu Hause steht, spielt in meinen Erinnerungen an die Kriegsjahre eine zentrale Rolle. Mein Vater verschlang damals regelrecht die Zeitungen. Die «NZZ» erschien zu dieser Zeit dreimal täglich. Und, eben, Radio hören war angesagt. Neben Radio «Beromünster» versuchte mein Vater immer auch andere Sender zu erwischen, um über die Kriegshandlungen informiert zu sein. Für unsere Kinderohren kreischte und pfiff es jeweils grausam aus dem Kasten. Aber mein Vater hörte scheinbar gleichzeitig ganz schwach einen Kommentator. Kaum hatte er so einen Sender aufgespürt, kamen aber schon die Störsender und vermiesten ihm den Empfang. Oft rief er böse Worte aus, wenn Hitlers Truppen wieder ein Land erobert hatten. Dann kroch er fast ins Radio hinein, um noch besser empfangbare Sender zu suchen und kratzte sich vor lauter Nervosität ständig in den Haaren. Die Spuren davon waren anderntags sichtbar.

image

Das Radio der Marke «Funkton» ist noch heute in Emil Steinbergers Besitz.

Um 7 Uhr morgens sass mein Vater bereits im Büro bei seiner buchhalterischen Arbeit. Um halb eins, nach einem zwanzigminütigen Marsch durch die Stadt Luzern, sass er zu Hause am gedeckten Tisch und las oft sogar während dem Essen die Zeitung, was meine Mutter gar nicht schätzte. Und kaum waren wir mit dem Essen fertig, verschwand er schon wieder in die Stadt an seinen Arbeitsplatz.

Ich glaube, es war immer donnerstags, wenn Radio «Beromünster» nach den Nachrichten Schlagermusik sendete. Sonst war nach den Nachrichten meist klassische Musik angesagt oder ein Medley von der «Cédric Dumont Radio Band». Nach dem Piepston vom Sender, um Punkt halb eins, war es bei uns am Tisch immer mucksmäuschenstill, denn der Vater wollte sich auf die neuesten Meldungen konzentrieren. Anders aber, wenn «Bäckerei Dünki» mit Emil Hegetschweiler oder der «Bunte Abend» mit Rudolf Bernhard ausgestrahlt wurden. Dann sass die ganze Familie im dunklen Wohnzimmer, hörte gebannt zu, lachte und man war einfach für ein paar Minuten glücklich.

Überhaupt lachten wir in unserer Familie viel. Auch am Esstisch, wenn der Emil wieder einmal seine Einfälle zum Besten gab, bis die Mutter ihres Amtes waltete und genervt rief «So, jetz gids Rueh – tüend ässe!»

Mein Vater liess für meine Mutter extra eine Kochkiste bauen. Abends stellte man die Kartoffeln mit heissem Wasser in diese Kiste und am Morgen waren sie weich gekocht. Auf diese energiesparende Weise konnte man auch Reis und Gemüsesuppe zubereiten. Die Kiste war genial isoliert, und wenn man so eine Kochkiste benutzte, ging der rationierte Gasverbrauch rapide zurück.

Trotz Kriegszeit, in der man auch in der Schweiz zur Sparsamkeit gezwungen war, verstand es meine Mutter bestens, an Weihnachten den Gabentisch zu füllen und unsere Wünsche zu erfüllen. Sie traf damit immer unseren Geschmack und unser Interesse. Allerdings mussten unsere Geschenke dann nach Weihnachten noch sicher drei Wochen auf dem Gabentisch liegen bleiben, damit auch die Besucher sahen, was meine Mutter mit dem sehr beschränkten Geld an Überraschungen gezaubert hatte. Wir Kinder machten es ihr nach, indem wir die verrücktesten Geschenkpäckli für unsere Eltern kreierten. So gab es am Weihnachtsabend bei uns immer viel zu lachen, sodass die Nachbarn später schmunzelnd bemerkten, dass wir wohl wieder eine fröhliche Weihnacht gehabt haben müssen. Unser jeweils wunderbar geschmückter Christbaum wurde meistens erst kurz vor Ostern abgebaut. Zum Glück ist der dürre Baum nie vom Kerzenlicht touchiert worden.

Unsere Skier wachsten wir damals im Keller mit Bienenwachs. Rasante Abfahrten auf dem Sonnenberg bei Kriens konnten wir trotzdem nicht hinlegen oder vielleicht gerade deshalb nicht. Aber bei guten Schneeverhältnissen konnten wir immerhin via Guggistrasse / Pauluskirche bis vor unsere Haustüre an der Tödistrasse fahren. Das waren noch Zeiten!