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Anne Gold

Die Tränen der Justitia

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Alle Rechte vorbehalten

ISBN der Printausgabe 978-3-7245-1930-0

www.reinhardt.ch

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Man muss das Recht suchen
und das Glück kommen lassen
.
Johann Heinrich Pestalozzi

1. Kapitel

«Wenn ich das Schwein erwische, dann vergeht ihm das Lachen!»

«Hallo Nadine. Schon zurück? Du wolltest doch die ganze Woche in Bern bleiben.»

«Irgend so ein Idiot hat mir die Tür auf der Beifahrerseite zerkratzt. Ich weiss nur nicht, ob hier oder in Bern.»

«Das wird einer dieser Autohasser gewesen sein. Davon laufen genügend herum. Und deine Luxuskarosse reizt sie besonders, ganz nach dem Motto: Auf, auf ihr Brüder und Schwestern, setzt ein ökologisches Zeichen, zerkratzt alle Bonzenschlitten der Welt.»

«Na prima. Ich kann wie immer auf dein Verständnis und dein Mitgefühl zählen!»

«Hm. Du hast mir noch nicht gesagt, warum du schon wieder hier bist. Und wieso kommst du noch am Nachmittag ins Büro? Morgen früh hätte doch gereicht.»

«Darauf komme ich gleich. Ich muss nur noch schnell bei der Versicherung anrufen. Vielleicht bezahlen die den Schaden.»

«Wohl kaum.»

Fünf Minuten später stand Nadine Kupfer, die Assistentin von Kommissär Francesco Ferrari, wieder im Türrahmen. Ihre Laune schien sich nicht gebessert zu haben. Im Gegenteil. Instinktiv zog Ferrari den Kopf ein.

«Der Trottel lachte mich nur aus. Verdammter Mist. Und jetzt zu dir.»

«Zu mir?»

«Du bist schon zurück, Nadine?», äffte sie ihren Chef nach. «Deine scheinheiligen Sprüche kannst du dir sparen.»

«Also bitte …»

«Das Buschtelefon funktioniert noch immer bestens, wie ich erfahren durfte. Paps und du, ihr seid zwei hinterhältige, alte Waschweiber.»

Ferrari warf einen Blick auf sein vibrierendes Handy. So ein Mist! Auf dem Display leuchtete die Telefonnummer von Nationalrat Kupfer auf.

«Ich habe mich so auf meine Ferien gefreut und wollte mit Paps einige schöne Tage verbringen. Und was höre ich die ganze Zeit? ‹Dieser Noldi ist doch ein anständiger Kerl.› ‹Willst du Noldi nicht noch eine Chance geben?› Noldi, Noldi und nochmals Noldi. Und weshalb schwärmt er von der Trantüte? Wieso wohl? Weil er von seinem Maulwurf entsprechend informiert wurde. Dem Spion, meinem Partner, den ich für meinen Freund hielt.»

«Also, so war es nun wirklich nicht.»

«So? Wie denn?»

«Ich sprach per Zufall mit deinem Vater und …»

«Zufälligerweise?»

«Na ja, er rief mich an, wollte wissen, wie es dir geht. Da ist mir rausgerutscht, dass das mit Noldi wohl doch nichts wird. Aber eine Trantüte ist er nicht», brummte der Kommissär.

«Was es doch für Zufälle gibt. Und dann hast du ihm so nebenbei und natürlich auch rein zufällig gesagt, dass ich jetzt mit Yvo, der ja mein Vater sein könnte, ein Verhältnis habe. Stimmts?»

«Das war vielleicht etwas voreilig von mir. Wie sagt man so schön, ich bin ein wenig übers Ziel hinausgeschossen. Obwohl – in der Sache habe ich recht, der ist wirklich nichts für dich. Yvo ist nämlich genauso alt wie ich.»

«Du und mein Paps entscheiden also, mit wem ich ins Bett steige?»

«Nein, natürlich nicht. Das hast du vollkommen in den falschen Hals bekommen. Wir meinen es ja nur gut.»

«Zwei alte frustrierte Männer schreiben mir vor, wie ich leben soll. Soweit kommts noch.»

«Pst! Schrei nicht so. Man hört dich im ganzen Kommissariat.»

«Und wenn schon! Damit es ein für alle Mal klar ist, du hältst dich aus meinem Privatleben raus und mein Paps auch. Eure Meinungen und eure guten Ratschläge sind absolut nicht gefragt. Es ist meine Sache, mit wem ich zusammen bin. Es ist MEIN Leben. Verstanden?»

Ferrari verzog das Gesicht.

«Jetzt ist aber gut. Ich habe es begriffen.»

«Das bezweifle ich.»

Ferrari schielte wieder auf sein Handy. So unauffällig wie nur irgend möglich versuchte er es in die Jackentasche zu stecken, doch Nadine war schneller.

«Du brauchst nicht mehr anzurufen, Paps. Ich bin schon hier und im Übrigen noch nicht mit ihm fertig. Ihr könnt euch ja später bei einem Glas Wein ausheulen. Ciao Paps.» Nadine schob Ferrari das Handy über den Tisch. «Noch ein Mal, Francesco, nur noch ein einziges Mal und ich mache euch zwei zur Schnecke. Das ist keine Drohung, sondern ein Versprechen.»

Ihr Ausflug nach Bern schien nicht gerade unter einem guten Stern gestanden zu haben. Der Kommissär zog es vor zu schweigen.

«Was schaust du eigentlich die ganze Zeit auf deinen PC?», nahm Nadine das Gespräch wieder auf.

«Wie … das mach ich doch gar nicht.»

Nadine drehte den Bildschirm blitzschnell zu sich.

«Schau, schau, der Herr Kommissär wettet während der Arbeitszeit. Nicht genug damit, dass er zwei Mal in der Woche sein Geld fürs Lotto ausgibt. Jetzt spielt er auch noch im Internet. Weiss Monika davon?»

«Ich spiele ganz selten und nur Fussballwetten. Und was Monika betrifft, wir leben in einer toleranten und respektvollen Partnerschaft. Im Übrigen geht es dich gar nichts an.»

«Du meinst, genauso wenig wie dich mein Liebesleben … Würde mich nicht wundern, wenn bei deinem FC Basel auch nicht alles mit rechten Dingen zugeht.»

«Ich muss schon bitten! Das nimmst du jetzt sofort zurück.»

«Oh, ich habe den Herrn an einer empfindlichen Stelle getroffen. Doping, Homosexualität und Wetten werden beim Fussball grosszügig ausgeblendet.»

«Weil es das nicht gibt.»

«Eine durchaus logische Antwort für einen, der alles durch die rot-blaue Brille betrachtet. Gib mir ein stichhaltiges Argument, weshalb beim FCB nicht betrogen wird, und du bist mich für heute los.»

«Weil es keinen Sinn macht.»

«Aha. Und warum nicht?»

«Weil die Gewinnquote zu gering ist.»

«Das verstehe, wer will.»

«Damit du so richtig absahnen kannst, musst du auf eine Niederlage meiner Jungs wetten. Wenn du auf Sieg setzt, ist die Quote schlecht.»

«Und? Wo liegt das Problem? Dann setze ich eben auf Niederlage.»

«Dann kannst du dein Geld geradeso gut in den Rhein werfen, denn wir gewinnen immer!»

«Gegen dieses Argument komme ich nicht an. Du bist so was von unverbesserlich», lachte Nadine.

«Du warst hoffentlich nicht zu brutal zu deinem Paps.»

«Ich war ganz lieb. Besonders lieb, könnte man sagen. Na ja, so lieb, wie er es verdient.»

«Hm!»

«Er wirds überleben und weiterhin versuchen, mich zu verkuppeln. Genau wie du. Lang leben die Unverbesserlichen!»

«Ich will dich doch nicht verkuppeln. Ich finde es nur nicht in Ordnung …», Ferrari biss sich auf die Lippe.

«Was findest du nicht in Ordnung?», wiederholte Nadine und ihr Unterton verriet nichts Gutes.

«Nichts … gar nichts.»

«Dass ich mich mit Yvo treffe, der uralt ist, und nicht mit eurem Favoriten Noldi?»

«Er ist viel zu alt für dich», murmelte der Kommissär leise.

«Das bestimme immer noch ich, ist das klar?! … Sie haben mir gerade noch gefehlt. Was wollen Sie hier? Uns belauschen? Abmarsch, aber blitzartig.»

«Herr Ferrari, Frau Kupfer … Nadine … entschuldigen Sie … ich wollte nicht stören.»

Anina Steiner, die Sekretärin von Staatsanwalt Jakob Borer, wandte sich ab. Nadine warf ihrem Chef einen fragenden Blick zu, rannte zur Tür und brachte die verwirrte Frau ins Büro zurück. Anina Steiner setzte sich unsicher auf Ferraris Besucherstuhl.

«Geht es Ihnen … geht es dir nicht gut, Anina?»

«Es ist nicht wegen mir, Nadine. Ich mache mir um Jakob Sorgen.»

«Um unseren Staatsanwalt?»

«Ja, er ist … seit drei Tagen benimmt er sich so komisch … Ich kann es nicht richtig beschreiben. Er ist abwesend. Ja, das ist das richtige Wort. Abwesend und verwirrt. Er kommt am Morgen ins Büro und igelt sich den ganzen Tag ein. Das hat er in all den Jahren noch nie gemacht.»

Nadine blickte Ferrari fragend an.

«Mir ist nichts aufgefallen», stellte der Kommissär fest. «Allerdings habe ich ihn seit einigen Tagen nicht gesehen und ihn, ehrlich gesagt, auch nicht vermisst.»

«Er sitzt einfach nur da und grübelt vor sich hin. Er unterschreibt zwar die Korrespondenz, aber er gibt mir keine Anweisungen. Das ist doch nicht normal.»

Ferrari erhob sich.

«Eigenartig, wirklich, sehr eigenartig. Gehen wir doch rüber und fragen ihn, was los ist.»

«Aber sagt ihm nicht, dass ich bei euch gewesen bin.»

«Keine Sorge. Wir statten ihm nur einen freundschaftlichen Besuch ab. Mehr nicht.»

Francesco Ferrari klopfte an Borers Tür und trat unaufgefordert ein. Der Staatsanwalt sass mit gesenktem Kopf am Tisch.

«Stören wir?»

«Wie? Ach Sie sind es, Ferrari. Nein, überhaupt nicht. Kann ich etwas für Sie tun?»

«Wir wollten uns nur erkundigen, wie es Ihnen geht.»

«Danke der Nachfrage. Es geht mir gut.»

Nadine versetzte dem Kommissär einen Stoss in die Rippen und deutete auf Borers grosse Pflanzensammlung, die seit Tagen nicht mehr gepflegt worden war.

«Wenn wir Ihnen irgendwie helfen können, dann sagen Sie es uns bitte.»

«Vielen Dank. Aber es ist alles bestens.»

«Was man von Ihrem Dschungel nicht behaupten kann», übernahm Nadine.

«Pflanzen sind auch nicht alles, Frau Kupfer. Genauso vergänglich wie das Leben.»

«Wir …»

Nadine schob Ferrari sanft aus dem Büro, was der Staatsanwalt gar nicht zu bemerken schien.

«Der ist voll durch den Wind!», flüsterte sie ihm zu.

«Depressiv. Diese Seite kenne ich nicht an ihm.»

«Es geht ihm absolut dreckig. So wie seinen Pflanzen. Hat er vielleicht Probleme zu Hause? Oder hier im Kommissariat? Anina, ist er mit einem Fall überfordert?»

«Er bereitet die Anklage gegen einen Mann vor, der in betrunkenem Zustand einen Nachbarn zusammengeschlagen hat. Ich würde es ja noch verstehen, wenn es um diesen Messerstecher beim Münster ginge, doch diesen Fall bearbeitet Staatsanwalt Kern.»

«Und jetzt?»

Ferrari drehte sich um, trat erneut in Borers Büro und setzte sich demonstrativ auf den Stuhl.

«So geht das nicht, Herr Staatsanwalt! Es sieht ein Blinder, dass bei Ihnen etwas faul ist. Ich bleibe jetzt hier so lange sitzen, bis Sie mit der Sprache rausrücken.»

«Ich … ich …», Borer schob Ferrari ein Foto über den Tisch.

«Ihre Tochter Julia und Ihre Enkeltochter Lena. Was ist mit ihnen?»

«Es … nein …»

«Verdammt noch mal, nun sagen Sie doch endlich, was los ist!»

«Lena …», Borer hob zum ersten Mal den Kopf. Tränen liefen ihm über die Wangen. «Meine Enkelin … Lena ist entführt worden!»

Nadine und Ferrari sahen sich entsetzt an.

«Entführt?», echote der Kommissär ungläubig.

«Vor … vor vier Tagen.» Das Sprechen bereitete dem Staatsanwalt sichtlich Mühe. «Am helllichten Tag … Julia verliess mit der Kleinen das Haus, als sie von zwei Männern überwältigt wurde. Der eine hielt sie fest … der andere riss ihr Lena aus den Armen … Dann rannten sie mit der Kleinen weg … einfach weg.»

«Das … das ist … das gibt es doch nicht. Ich … ich weiss nicht, was ich sagen soll.»

Ferrari war vollkommen von der Rolle. So etwas gab es in Filmen, nicht aber in der Realität, und schon gar nicht in Basel!

«Haben sich die Entführer bei Ihrer Tochter gemeldet?», schaltete sich Nadine ein.

«Nein. Keine Nachricht, keine Forderung. Einfach Totenstille. Ich … es macht mich total fertig, Frau Kupfer. Es muss mit mir zusammenhängen. Hundertprozentig.»

«Mit Ihnen?», Ferraris Stimme überschlug sich. Noch immer rang er nach Fassung, was ihm einen strafenden Blick von Nadine eintrug.

«Ja. Konkret mit einem meiner Fälle. Nur so ergibt es einen Sinn. Julia hat bestimmt keine Feinde, und ihr Mann Lukas auch nicht.»

«Wo arbeitet Lukas?»

«Ihm gehört der Römerhof.»

«Das Restaurant an der Mustermesse?»

«Hotel-Restaurant, ja. Lukas und Julia haben keine Feinde. Glauben Sie mir, die Entführung ist gegen mich gerichtet.»

Ferraris Lebensgeister erwachten langsam wieder.

«Wer untersucht den Fall?»

«Big Georg erklärte ihn zur Chefsache.»

«Das ist gut. Wie kommen Sie darauf, dass Sie die Ursache sind?»

«Es muss so sein, Frau Kupfer. Da will sich jemand an mir rächen. Und … und es gelingt ihm. Bei Gott, er hat meine Achillesferse erwischt. Wenn sie sich doch endlich melden würden. Diese Ungewissheit … Lebt Lena noch? … Liegt sie bereits tot im Rhein? … Haben sie sie irgendwo verscharrt? … Ich … ich kann nicht mehr.»

Borer wurde von einem heftigen Weinkrampf geschüttelt. Anina Steiner legte ihm eine Hand auf den Arm. Sie deutete Nadine und dem Kommissär an, zu gehen. Ferrari schlich wie ein geschlagener Hund zurück in sein Büro.

«Ich habe von all dem nichts mitbekommen, Nadine. Borer ist am Ende.»

«Verständlicherweise. Wie alt ist Lena?»

«Neun oder zehn Monate. Das ist eine Tragödie.»

«Stimmt. Und jetzt? Das ist nun mal nicht unsere Spielwiese und hoffentlich wird sie es auch nicht.»

«Ich darf gar nicht daran denken. Stell dir vor, wir finden Lena tot auf.»

«Scheisse, Francesco! Daran dürfen wir gar nicht … he … wohin willst du?»

«Zu Georg. Borer ist unser Staatsanwalt! Ich will wissen, weshalb unser werter Fahndungschef uns nicht ins Vertrauen gezogen hat. Und dann will ich noch wissen, wie weit er mit den Ermittlungen ist.»

«Da bewegen wir uns aber auf dünnem Eis. Was ist, wenn er uns rauswirft?»

Ferraris Blick sprach Bände!

2. Kapitel

Der Kommissär hetzte durch die Gänge des Kommissariats. Sekunden später und zwei Etagen tiefer stürmte er mit Nadine im Schlepptau in Georgs Büro. Der Chef der Fahndung sah auf seine Uhr.

«Pünktlich! Sehr gut, ich habs doch gewusst.»

«Was heisst hier pünktlich und was hast du gewusst?», keuchte Ferrari ausser Atem.

«Ich habe mit René gewettet, dass es keine Stunde dauert, bis Nadine herausfindet, was hier faul ist, natürlich vom Zeitpunkt ihrer Rückkehr an gerechnet, und dann unverzüglich mit ihrer Schlafkappe bei mir aufkreuzt, der seinerseits Amok läuft.»

«Schlafkappe?!»

So also denken die Kollegen über mich. Nett! Ich bin ein skurriler, weltfremder Trottel, der durch die Gänge des Waaghofs irrt, ohne sich darum zu kümmern, was links und rechts passiert.

«Manchmal hat er auch einen lichten Moment. Wie eben, als er vorschlug, dich aufzusuchen. Erzählst du uns jetzt, was los ist?»

«Klar doch, Nadine. Setzt euch. Es ist eine schreckliche Geschichte.»

«Weshalb hast du mich nicht informiert?»

«Weil es nicht zu deinen Aufgaben gehört, Entführte zu suchen, Francesco. Und vor allem, weil Borer es mir ausdrücklich verboten hat. Er wünscht keine Sonderbehandlung, alles soll über den normalen Dienstweg laufen. Aber jetzt, wo ihr schon einmal da seid, können wir uns doch kollegial austauschen.»

Ferrari sass missmutig auf dem Besucherstuhl. Normaler Dienstweg, wenn ich das schon höre. Pah!

«Wie weit seid ihr mit euren Ermittlungen?»

«Ein grosses Wort in diesem Fall. Das Baby ist spurlos verschwunden, und es gibt keine Zeugen, die den Vorfall beobachtet haben. Nichts, rein gar nichts. Die Kollegen suchen fieberhaft, aber wo sollen wir ansetzen? Solange der oder die Entführer sich nicht melden, tappen wir im Dunkeln.»

«Borer glaubt, dass es mit ihm zusammenhängt.»

«Was irgendwie auch logisch wäre, Nadine. Wir haben ein Dossier mit allen möglichen Beteiligten zusammengestellt. Julia Doppler, Lukas Doppler und natürlich auch Jakob Borer. Julia und Lukas kannst du glatt vergessen. Wir haben beide gründlich unter die Lupe genommen. Richtig langweilig, was da zum Vorschein gekommen ist. Familie, Beruf und in erster Linie die Kleine. Bleibt noch Borer.»

«Ein Erpressungsversuch?»

«Wir durchleuchteten seine laufenden Fälle. Nichts Spannendes. Keine grosse Kiste. Natürlich ist es möglich, dass auch ein kleiner Fisch plötzlich durchdreht. Aber es ist keiner dabei, der mit einer hohen Haftstrafe rechnen muss. Nur Kleinkram. Es gibt im Augenblick keinen Mordfall, der zur Verhandlung ansteht, zumindest bei Borer nicht.»

«Wie meinst du das?»

«Staatsanwalt Kern schlägt sich mit dem Irren herum, der seine Freundin beim Kreuzgang vom Münster förmlich an einen Baum genagelt hat.»

Ferrari drehte sich der Magen um, wenn er nur daran dachte. Zum Glück waren Nadine und er nicht im Dienst, als dieser Mord gemeldet wurde. Der Täter wurde am nächsten Vormittag von Kommissär Vettiger und seinem Partner geschnappt. Ein Beziehungsdelikt.

«Ein klarer Fall. Der Mann verfolgt seine Freundin, die ihn verlassen will, stellt sie und stösst ihr ein Messer zwischen die Rippen. Wo ist das Problem?»

«Anscheinend hat er sein Geständnis widerrufen. Und weil alle so sicher gewesen sind, dass es keine Zweifel an seiner Schuld gibt, wurden keine weiteren Ermittlungen angestellt. Aber, wenn du es genau wissen willst, musst du Kern fragen, Nadine.»

«Danke, aber das interessiert uns jetzt wirklich nicht. Zurück zu Borer. Wenn er wirklich die Ursache für die Entführung von Lena ist, muss es mit einem seiner früheren Fälle zusammenhängen. Und das sind wohl einige.»

«Stimmt. Darin liegt auch das Problem. Wo setzen wir an? Nach welchen Kriterien suchen wir? Wie um Himmels willen finden wir den Verurteilten, der Borer abgrundtief hasst und seine Enkelin entführt? Das ist wie ein Sechser im Lotto.»

Bei diesem Stichwort huschte ein Schatten über Ferraris Gesicht. Mist! Ich vergass, meinen PC abzustellen! Jetzt wissen alle, dass ich heimlich wette …

«Schon gut, nur keine Panik. Ich habe deinen Computer ausgeschaltet.»

«Hm!»

Irgendwie unheimlich, Nadine kennt mich in- und auswendig, auch ohne Worte.

«Wir würden gerne das Dossier mitnehmen.»

«Wenn du mir eine plausible Erklärung gibst, kannst du die Akte studieren.»

«Borer ist unser Staatsanwalt. Somit ist es unser Fall!»

«Siehst du, Nadine, genau das meine ich. Dein Partner hat einen Vollknall. Es ist sein Fall, weil es sein Staatsanwalt ist.»

Nadine schnappte sich das Dossier.

«Für einmal muss ich Francesco recht geben. Borer und alles, was nach Borer riecht, gehört uns. Capito?»

Big Georg schüttelte den Kopf.

«Es scheint langsam auf dich abzufärben, Nadine.»

«Auf, auf … Schlafmütze! Aktenstudium ist angesagt.»

Ferrari blätterte die sechs Seiten durch, in Gedanken noch immer bei Georgs Bemerkung. Schlafkappe! Und nur dank Nadine auf dem Laufenden, was im Kommissariat passiert. Da kann sich ja meine Mutter nahtlos anreihen. Von wegen «Zum Glück hast du Monika, sonst wäre überhaupt nichts aus dir geworden. Absolut rein gar nichts, mein Sohn.»

«Hier, exquisiter Kaffee in formschön designtem Pappbecher. Was grübelst du?»

«Ich bin also eine Schlaftablette!»

«Ach das. Na ja, ein Jungbrunnen bist du nicht gerade und manchmal schon etwas verschroben.»

«Du meinst konkret, ich hätte merken müssen, dass mit Borer etwas nicht stimmt?»

«Nicht unbedingt, aber mir wäre das nicht entgangen.»

«Ja, ja … die viel besagte weibliche Intuition.»

«Oh, der Herr ist eingeschnappt.»

«Blödsinn.»

«Dann ist ja gut. Ich hample jetzt nochmals mit der Versicherung rum. Vielleicht kann ich es über meine Parkschadenversicherung nehmen. Ich werde den Experten bezirzen. In der Zwischenzeit kannst du sicher die paar Seiten lesen. Natürlich erst, wenn du aus deinem Selbstmitleid aufgetaucht bist.»

«Hm!»

Über Julia, die Ferrari schon seit ihrer Kindheit kannte, gab es nicht viel zu lesen. Kennen war eigentlich der falsche Ausdruck. Ich bin ihr immer wieder in gewissen Abständen begegnet und konnte so miterleben, wie aus einem kleinen Mädchen eine Frau wurde. Julia ist fünfundzwanzig Jahre alt, gelernte Hotelfachfrau, seit einem Jahr mit Lukas Doppler verheiratet, hat eine Tochter, Lena, neun Monate alt. In Klammern stand, dass sie heiraten mussten, weil Lena unterwegs gewesen sei. Ferrari schmunzelte. Irgendwie altmodisch. Ihr Mann, Lukas Doppler, war achtunddreissig Jahre alt, Volkswirtschaftsstudium an der Hochschule St. Gallen. Danach persönlicher Referent des CEO der Privatbank Schwandorf. Vor fünf Jahren übernahm er das Hotel der Eltern an der Mustermesse. Unter dem Lebenslauf folgte ein von Hand verfasster Einschub. Anscheinend stand der Römerhof damals kurz vor dem Konkurs. Ziemlich heruntergekommener Betrieb. Lukas übernahm ihn wahrscheinlich im letzten Augenblick und überzeugte eine Bank, dass Investitionen notwendig seien. Der alte Kasten wurde vollkommen renoviert und lebte zur neuen Blüte auf. Demnach scheint Lukas ein erfolgreicher Unternehmer zu sein.

«Fertig?»

«Ich bin nur kurz eingeschlafen, aber dann gings wieder flott voran.»

«Oho! Getroffene Hunde bellen.»

Ferrari schlürfte seinen Kaffee, während Nadine die Seiten überflog.

«Ziemlicher Altersunterschied zwischen den beiden.»

«Dreizehn Jahre. Gibt es nicht eine Regel, die besagt, dass so bei fünfzehn die Grenze liegt?»

«Spielt es überhaupt eine Rolle, wie alt der Partner ist?»

«Ich denke schon.»

«So, so. Dann wird der Herr Kommissär mir sicher jetzt näher erläutern, weshalb Nadine und Yvo nicht zusammenpassen.»

«Das mache ich gern. Es gibt nämlich eine plausible Erklärung. Gehen wir einmal davon aus, dass du Yvo heiratest und ihr Kinder kriegt. Dann bist du über vierzig, wenn deine Kinder in die Schule gehen, und dein lieber Yvo geht auf die sechzig zu! Verstehst du? Dein Mann könnte also durchaus der Grossvater sein. Zudem kann er nie und nimmer mit den jüngeren Vätern mithalten. Übrigens fanden dänische Forscher heraus, dass auch Männer nicht folgenlos altern. Kinder von Vätern ab fünfundvierzig Jahren haben ein deutlich erhöhtes Gesundheits- und Sterblichkeitsrisiko. Interessant, nicht wahr?»

«Absolut! Spricht etwas dagegen, Spass mit ihm zu haben? Ich meine aus gesundheitlichen Gründen?»

«Nein», brummte Ferrari resigniert.

«Gut. Schön, dass das geklärt ist. Wie läufts eigentlich mit deinem Training?»

Der Kommissär sah sie fragend an.

«Du wolltest dich doch auf den Sponsorenlauf von Olivia vorbereiten, damit du neben Marco Streller nicht abfällst.»

«Ich bin noch nicht dazu gekommen.»

«Aber zum Wetten schon. Das gibt eine schöne Pleite.»

«Ja, ja. Morgen beginne ich mit dem Training. Es ist noch massig Zeit.»

«Blödsinn. Nur noch zwei Monate.»

«Sag ich doch. Erst in sechzig Tagen, da ist noch viel möglich.»

«Und du glaubst wirklich, dass du dann in Form bist?»

«Hundertpro.»

«Was meint Monika dazu?»

«Was soll das? Ich laufe mindestens zehn, was heisst zehn, ich laufe zwanzig Runden.»

«Vielleicht um den Schreibtisch. Glaub mir, ohne regelmässiges Training wird das nichts. Yvo bereitet sich seriös darauf vor.»

«Er läuft auch mit?»

«Er und die halbe Stadt. Das wird ein Drama, Marco Streller voll austrainiert mit dem Schwabbelbauch, Francesco Ferrari, keuchend an seiner Seite. Nach einer Runde brichst du zusammen. Ich muss mit Marco reden. Er soll rückwärts laufen, damit du einigermassen mithalten kannst.»

«Danke, Danke, Danke für deine aufmunternden Worte.»

«Wir werden es ja sehen. Zurück zu Lukas Doppler. Er scheint ein hervorragender Geschäftsmann zu sein.»

«Ja. Ich begreife nur nicht, weshalb der Römerhof unter seinen Eltern nicht gelaufen ist. Die Lage ist doch super. Das halbe Jahr über sind Messen.»

«Vermutlich haben Dopplers Eltern die Zeichen der Zeit verpasst. Immerhin haben sie im letzten Augenblick richtig gehandelt und sich zurückgezogen.»

«Die Kredite zur Sanierung stammen sicher von der Bank Schwandorf.»

«Vermutlich hat er seine früheren Verbindungen aktiviert. Viel ist es ja nicht, was bisher recherchiert wurde.»

«Ich glaube eher, dass es nicht viel zu recherchieren gibt.»

«Weshalb will uns Borer aus dem Fall raushalten, Francesco?»

«Tja, es ist tatsächlich nicht unser Gebiet. Vielleicht will er nicht riskieren, dass wir zu forsch an die Sache rangehen und der Kleinen womöglich etwas zustösst.»

«Wie alt ist eigentlich unser Staatsanwalt?»

«Ich habe bald einen runden Geburtstag, Frau Kupfer.»

Unbemerkt war Jakob Borer in Ferraris Büro getreten. Nadine machte ihm auf dem Besucherstuhl Platz. Die vergangenen Tage hatten ihn arg mitgenommen.

«Zu Ihrer Information», begann Borer. Seine Stimme klang gefasst, doch der Schein trog. «Ich will keine Sonderbehandlung in Anspruch nehmen, Frau Kupfer. Es gelten die gleichen Massstäbe wie bei jeder anderen Entführung. Gestern … da hielt ich es beinahe nicht mehr aus. Ich war bereits auf dem Weg zu Ihnen, Ferrari. Dann bin ich umgekehrt. Es geht einfach nicht …»

«Wir liessen uns von Big Georg das Dossier geben.»

Borer sah Nadine verständnislos an.

«Sie gehören uns, wie Francesco so schön sagt. Sie sind unser Staatsanwalt und scheiss drauf, was die sogenannten normalen Dienstwege betrifft. Wir werden nichts unversucht lassen, um Ihre Enkelin gesund zurückzubringen. Und wenn wir die ganze Stadt auf den Kopf stellen müssen.»

«Georg?»

«Machen Sie sich keine Sorgen, mit dem kommen wir schon klar. Wir würden uns gern mit Ihrer Tochter und Ihrem Schwiegersohn unterhalten. Einverstanden?»

«Ich weiss nicht … Das … das ist gegen die Vorschriften. Ich kann doch nicht …»

«Was Sie können oder nicht, dürfen Sie getrost uns überlassen.»

Borer erhob sich schwankend. Nadine hielt ihn fest. Ein paar Sekunden verstrichen, bevor der Staatsanwalt wie ein alter Mann zur Tür schlurfte. Langsam, unendlich langsam, wie es schien, drehte er sich um und versuchte zu lächeln.

«Sie haben sich noch nie an meine Anweisungen gehalten. Und ich befürchte, dass Sie es auch dieses Mal nicht tun werden … Dafür danke ich Ihnen!»

Nachdem Nadine drei Mal nachgefragt hatte, ob der professionelle Tramfahrer Ferrari tatsächlich mit dem Auto fahren wollte, flitzte sie mit ihrem Porsche über das Dorenbachviadukt, am Hintereingang des Zoos vorbei zur Schalerstrasse. Es regnete in Strömen. Typisches Aprilwetter. Eine Fussgängerin rannte geduckt unter einem Regenschirm über den Fussgängerstreifen. Nadine drehte in letzter Sekunde ab, so- dass die Reifen bedenklich quietschten.

«Du dumme Kuh! Kannst du nicht aufpassen?!»

Ferrari klammerte sich seufzend an seinem Sitz fest.

«Hör auf, wie ein kleines Kind zu jammern. Ich kann nichts dafür, wenn sich dieses geschupfte Huhn so unter dem Schirm versteckt, dass sie nicht sieht, wohin sie läuft.»

«Sie war immerhin auf dem Fussgängerstreifen. Ein vermeintlich sicherer Ort, um die Strasse zu überqueren.»

«Sie rannte einfach drauflos, ohne zu schauen, ob jemand kommt.»

Auch ein Argument! Allerdings ein ziemlich schräges … Aber mit seiner Kollegin darüber zu diskutieren, war sinnlos.

«Fahr doch das nächste Mal mit deinem Tram.»

«Schon gut … ich sag ja nichts mehr.»

Nadine hielt vor einem Zweifamilienhaus.

«Endstation! Alle aussteigen!»

Ferrari kroch aus dem Recarositz. Verfluchter Regen. Er rannte zum Hauseingang und drückte auf die Klingel. Eine ältere Dame öffnete.

«Ja, bitte?»

«Ferrari. Kommissär Francesco Ferrari und das ist meine Kollegin Nadine Kupfer. Ich … Entschuldigen Sie, ich habe mich vertan. Wir wollten zu Julia und Lukas Doppler.»

«Nein, nein. Sie sind schon richtig. Mein Sohn ist im Geschäft, aber Julia ist oben in der Wohnung.»

Nadine schob den Kommissär zur Seite, ging die Treppe hoch und klingelte. Eine junge, hübsche Frau mit dicken Tränensäcken öffnete zaghaft. Als sie Ferrari sah, rannte sie auf ihn zu und warf sich ihm in die Arme.

«He … he … Julia, das wird schon wieder …»

«Francesco, Gott sei Dank bist du da.» Sie drehte sich zu Nadine um. «Du bist Nadine, nicht wahr? … Kommt bitte rein. Setzt euch», sie deutete auf den Esstisch in der Küche. «Ich … ich … Francesco, ich habe Paps angefleht, dass er zu dir gehen soll. Er wollte nicht, meinte, er müsse den Dienstweg einhalten. Du seist für Mörder zuständig, nicht aber für Entführungen. Markus Stoll, ein guter Ermittler, würde unseren Fall übernehmen.»

«Das ist er in der Tat.»

«Dann … dann seid ihr nur privat hier? Nicht wegen Lena?»

«Wir sind natürlich wegen Lena hier. Glaubst du wirklich, dass wir dich im Stich lassen? Dein Paps ist informiert. Wir bewegen uns zwar etwas auf dünnem Eis, aber das ist nicht das erste Mal. Schwierigkeiten ziehen wir förmlich an.»

«Danke, Nadine … ich … ich verstehe das alles nicht … Wo ist meine Lena?»

Ferrari wischte sich eine Träne ab. Mir fehlt die Distanz, ja, ganz entschieden. Diese Entführung betrifft mich persönlich. Ob das gut ist? Na ja, professionell ist es bestimmt nicht. Wortlos reichte ihm Nadine ein Papiertaschentuch.

«Erzähl uns bitte, was am Tag der Entführung genau passiert ist. Auch Dinge, die vielleicht unbedeutend erscheinen.»

«Ich … ich bin wie jeden Freitag um halb zwei mit Lena aus dem Haus gegangen. Ich wollte zu meiner Freundin Susi. Wir teilten uns das Zimmer im Bethesda-Spital. Sie bekam einen Jungen, Mathis, und ich meine Lena …», Tränen liefen über ihre Wangen. «Sie wohnt in der Thannerstrasse. Das ist bei der Schützenmatte. Wir treffen uns immer freitags um zwei. Ein Mal bei ihr, dann wieder bei mir.»

«Jeden Freitag?»

«Ja, ausser, wenn eines unserer Kinder krank ist. Mathis war vor zwei Wochen stark erkältet. Da liessen wir unseren Tag sausen. Warum fragst du, Nadine?»

«Vermutlich haben dich die Entführer ausspioniert. An Zufall glaube ich nicht.»

«Das war es bestimmt nicht. Ich bin mit Lena rausgegangen und habe im Vorgarten nach dem Kinderwagen Ausschau gehalten. Emma, das ist meine Schwiegermutter, stellt ihn mir immer in den Vorgarten. Ich dachte gerade, dass sie es wahrscheinlich vergessen hat und wohl meint, Susi komme heute zu mir, als mich ein Mann festhielt und ein anderer … er riss mir Lena aus den Armen …»

«Kannst du die beiden beschreiben?»

«Das … es ging alles so schnell … Der eine trug eine Bomberjacke und der andere einen langen, grauen Mantel. Beide waren grösser als ich. Ihre Gesichter … die kann ich nicht beschreiben. Aber es waren Basler, zumindest einer von ihnen.»

«Bist du sicher?»

«Er rief in reinem Baseldeutsch: ‹Hast du sie, dann nichts wie weg!› Der andere sagte kein Wort, er nickte bloss. An mehr kann ich mich nicht erinnern. Ich habe dann wie wahnsinnig geschrien, doch es war niemand auf der Strasse, der mir helfen konnte. Lena … meine Lena …» Die letzten Worte gingen in heftiges Schluchzen über.

Ferrari spielte gedankenversunken mit einem Kaffeelöffel. Die Entführung war hundertprozentig kein Zufall, keine Spontanaktion, sondern eine gut überlegte, geplante Tat. Die beiden Entführer lagen auf der Lauer und schlugen genau im richtigen Moment zu. Im Bericht des Kollegen Stoll stand, dass sämtliche Nachbarn befragt wurden, aber niemand hatte die Entführung beobachtet.

«Hast du Feinde? Oder Lukas?»

«Feinde? Das fragte Stoll uns auch. Nein, Nadine, als Familie leben wir zurückgezogen. Lukas ist nur für uns und für das Hotel da … Feinde? … Nein, ich kenne wirklich niemanden, dem ich eine Entführung zutraue. Weshalb auch? Bei uns gibt es nichts zu holen. Unser ganzes Geld steckt im Hotel. Es läuft zwar im Moment recht gut, aber wir sind noch lange nicht über dem Berg, und ohne Lukas’ Beziehungen zur Bank wäre das alles nicht möglich gewesen. Die stützen ihn, ja, sie glauben an ihn. Mit Recht, denn wir konnten bisher alle Raten des Kredits und die Zinsen der Hypothek termingerecht bezahlen. Darauf bin ich stolz. Natürlich hatten wir manchmal Mühe und mussten persönliche Einschränkungen in Kauf nehmen, doch in einigen Jahren sollten wir schuldenfrei sein. Eigentlich wollte Lukas den Betrieb seiner Eltern gar nicht übernehmen. Er ist kein Kämpfer, ich musste ihn richtig dazu überreden.»

«Seit wann führt ihr den Römerhof?»

«Wir sind schon im sechsten Jahr», antwortete Julia stolz. «Ich kenne Lukas, seit ich achtzehn bin. So richtig ein Paar sind wir seit fünf Jahren, also seit wir den Betrieb übernommen haben. Lukas ist meine grosse Liebe. Er und Lena …» Sie begann heftig zu schluchzen. «Entschuldigt … es … es ist so schlimm … so grausam. Ich darf gar nicht daran denken, was mit Lena ist … wie es ihr geht … Bitte, Francesco, bitte findet sie! Wenn ihr etwas passiert, bringe ich mich um!» Sie weinte hemmungslos an Nadines Schulter. «Wer … wer tut so etwas? Was sind das für Menschen? Wir haben doch niemandem ein Leid zugefügt. Und Lena … was machen die Männer mit meiner Kleinen? … Es ist doch alles so sinnlos. Ich kann … nicht mehr schlafen. Wenn ich das kleinste Geräusch höre, zucke ich zusammen. Ich kann nicht mehr, Nadine.»

Ferrari ballte die Fäuste. Wer ist für dieses Verbrechen verantwortlich? Welches Motiv steckt hinter dieser Tat? Wir kennen zwar Lukas Doppler noch nicht, aber eines ist mir jetzt schon klar. Die Entführung ist gegen Jakob Borer gerichtet. Er ist irgendjemandem zu sehr auf die Füsse getreten. Der Kommissär atmete tief ein und aus. Ich muss meine Gefühle unter Kontrolle bringen, mich beherrschen und logisch denken. Nur so kommen wir in diesem verzwickten Fall weiter.

«Wer war ausser dir an diesem Tag noch zu Hause?», hörte er Nadines Stimme.

«Meine Schwiegereltern. Lukas war im Römerhof.»

«Dann reden wir jetzt noch mit ihnen. Können wir dich allein lassen?»

«Es … es geht schon. Wenn ich gar nicht mehr kann, gehe ich zu Emma hinunter. Ich habe Glück, sie ist eine liebe Schwiegermutter. Nadine, Francesco, bitte, bitte bringt mir meine Lena zurück! Dieser Stoll ist sicher ein guter Polizist, aber nur mit eurer Hilfe wird meine Kleine zu uns zurückkommen … Das spüre ich, da bin ich mir ganz sicher. Danke!», sie fiel Ferrari um den Hals. «Jetzt schöpfe ich endlich wieder Hoffnung. Bringt mir bitte meine Lena heim …»

Ferrari stapfte die Treppe hinunter. Wie in einem Film liefen die spärlichen Fakten vor seinem inneren Auge ab. Kein Anruf der Entführer. Kein Lebenszeichen von Lena. Die beiden Unbekannten sind wie aus dem Nichts auf- und ebenso untergetaucht. Zeugen gab es keine. Verdammter Mist! Emma Doppler konnte ihnen auch nicht weiterhelfen. Sie hatte, wie jeden zweiten Freitag, den Kinderwagen in den Vorgarten gestellt, etwas Ungewöhnliches hatte sie nicht bemerkt. Alles sei wie immer gewesen. Tja, wie der Schein trügen kann. Der Kinderwagen lag ziemlich lädiert im Garten des Nachbarhauses. Die Täter hatten nichts dem Zufall überlassen und dieses alte Modell noch vor der Entführung aus dem Weg geräumt. Der Wagen war nämlich in der schmalen Eingangspartie gestanden und hätte einen Zugriff äusserst erschwert, wenn nicht gar verunmöglicht.

«Mir ist vorhin beinahe das Herz stehen geblieben, Herr Kommissär.»

«Ich verstehe nicht, Frau Doppler.»

«Sie und Ihre Kollegin ermitteln doch in Mordfällen. Als ich sie sah, ist mir schwindlig geworden.»

«Wir wissen genauso wenig wie Sie, wie es Lena geht. Aber wir wollen nicht untätig herumsitzen. Unsere Kollegen ermitteln, und wir unterstützen sie dabei.»

«Das ist alles Jakobs Schuld!», polterte eine tiefe Stimme aus dem Hintergrund. Josef Doppler humpelte ins Wohnzimmer.

«Hör sofort auf damit, Josef!»

«Stimmt es denn etwa nicht? Jakob und sein Beruf! Wie oft habe ich gesagt, irgendwann gerät er an die Falschen. Da … da sass er … noch vor zwei Wochen sass er da, wo Sie jetzt sitzen, junge Frau. Jakob und seine grossen Sprüche! Nie um eine Antwort verlegen. Immer oben auf … Und jetzt? Nun verkriecht sich der Grosskotz in seinem Büro oder zu Hause … Er weiss ganz genau, dass Lena wegen ihm entführt wurde.»

«Josef, bitte. Frau Kupfer und Herr Ferrari sind da, um uns zu helfen.»

«Schöne Hilfe! Die sitzen doch genauso auf dem hohen Ross wie der Jakob. Sobald sie eine Uniform anhaben oder eine Pistole tragen, glauben sie, dass ihnen die Welt gehört.»

«Wir tragen keine Waffen, Herr Doppler. Das mag Ihnen ungewöhnlich vorkommen, aber wir haben unsere Gründe. Und bei allem, was mir heilig ist, die Welt gehört uns nicht.»

«Sie sind doch dieser Supersiech, der immer wieder in den Medien auftaucht. Der Sherlock Holmes von Basel. Und jetzt? Was unternehmen Sie, um Lena zu finden? Hä?»

Ferrari nestelte an seiner Uhr.

«Wir … ich kann es Ihnen nicht sagen, Herr Doppler.»

«Noch so ein Sprücheklopfer wie der Jakob!»

«Jetzt ists aber genug, Josef! Ich lasse nicht zu, dass du Frau Kupfer und Herrn Ferrari weiter beleidigst.»

«Das hier ist …»

«Es ist unser Haus, Josef! Und die beiden sind unsere Gäste. Ich bitte dich, das zu respektieren!»

«Genau genommen ist es dein Haus! Es war schon immer dein Haus! Ich bin hier ja nur der geduldete Trottel, der gottverdammte Krüppel, mehr nicht!»

Doppler schlurfte, sein linkes Bein nachziehend, aus dem Wohnzimmer.

«Entschuldigen Sie …»